Der Körper ist das Vehikel, mit dem das Buch einverleibt wird, das direkt ins Hirn steigt und am Geist rühren kann. Literatur klingelt nicht im Ohr und umschmeichelt nicht die Zunge. Stattdessen steigt sie direkt ins Hirn und rührt den Verstand. Ist der ausgebildet genug, erkennt er Verweise oder erahnt sie und schließt leere Stellen.
Um Löcher aber muss etwas stehen, sonst wären sie keine, und das schwarze Loch in Esther Beckers Erzählung „Anleitung für den Abstieg“ kann nur größer werden, weil es eine Küche gibt, die ins Sinkloch gesogen wird.
Es gibt sicher Grenzfälle, aber sie sind eben am Rande und zur Bestätigung des Vorangegangenen: Wenn der Berliner Lyriker Clemens Schittko mit seinem „Schneegedicht“ eine (fast) blanke Seite abliefert, also durch Unterlassung eine Hartwinterlandschaft malt, statt dass er über sie geschrieben hat, dann erkennen wir das Bild, brauchen aber die Überschrift dazu. Rembrandt allerdings schaut man lieber und die anderen Gedichte in Schittkos „Artaud ist tot“ (2022) liest man mehr. Der Mut zur literarischen Lücke, die Gegenlandschaft zur Bleiwüste jedoch beeindruckt als Ausnahme.
Sich in der Prosa auf das zu fokussieren, was eben nicht getippt wird, ist ohne Rahmen mitunter das Schwierigste. Die im 19. Jahrhundert durch das US-amerikanische Zeitungswesen durch die entsprechenden Enge auf den Seiten zur eigenen Gattung gewordene Kurzgeschichte betreibt das Erzählen als Wissenschaft des Kurzhaltens und Einstreichens. Obligatorisch ist der Eisberg Ernest Hemingways, der eben nur zu zehn Prozent, also so weit beschrieben gehört, wie er aus dem Meer ragt. Edgar Allan Poe, Hemingway und Raymond Carver, die die Short Story immer weiter kondensierten und Gattungsgrenzen schärften, sind jener Kanon, der, wenn er missachtet wird, nur bewusst gegen den Strich gebürstet, aber nicht ignoriert werden kann. Man kann nur ablehnen, was man kennt.
Der Anfang der Geschichte „Die Ausnahme“ von Esther Becker ist offensichtlich keine Ausnahme, sondern die Umsetzung Hemingwayscher Maßgaben: „Vom ersten Mal, dass deine Freundin dir ihren Schlüssel wieder weggenommen hatte, erzähltest du mir auf meiner Couch. Du hattest die Knie angezogen und ein Glas Rotwein in der Hand, es ging um Eifersucht.“ Personal und Szene stehen, auf den Konflikt wird hingeleitet – alles kompakt in einem Absatz von 34 Worten. Als guter Anfang beherbergt er auch schon sein potenzielles Ende und jener Schlussstrich bietet sich bereits an, um den es dann doch eine Weile länger geht.

Einzig die Du-Ansprache, die sich in Beckers Band „Notfallkontakte“ nicht nur hier findet, ist modisch. Weitgehend annulliert von der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur wurde die Einvernehmlichkeit, dass die zweite Person Singular in der Literatur den Eindruck der Menschenschau erweckt, wo es vielleicht zwischenmenschliche Nähe vermitteln möchte. Das Ich kann mitunter lästig sein. Das Ich, das über ein anderes redet, ist mit seiner Observanz doppelt lästig.
Das Du in „Die Ausnahme“ ist auch keine Ausnahme, denn es befindet sich in einer merklich ungesunden Beziehung, in der die Partnerin des Du stets zur Strafmaßnahme greift und ihren Wohnungsschlüssel zurückfordert, wenn das Du sich einmal scheinbar unschicklich kleidet oder einer Expartnerin begegnet: „Ich habe keine drei Worte mit meiner Ex gewechselt!, erklärtest du mir, und genauso habest du ihr das auch gesagt. Darum gehe es nicht, habe sie geantwortet, sondern darum, dass du mit einer so dummen, hässlichen Person zusammen gewesen seist. Das beunruhige sie. Zutiefst. Sie müsse die Sache mit euch noch einmal überdenken.“
Becker hält sich kurz: Auf kaum mehr als 100 Seiten finden sich 14 Erzählungen. Die gebürtige Erlangerin, die 2021 mit dem Roman „Wie die Gorillas“ debütierte, will mit der Verknappung den Extremsituationen entsprechen, die sie verhandelt: In „Ast“ versucht jemand, ein Mädchen ins Gebüsch zu zerren. Es kann sich erwehren, wird sich zukünftig für solche Vorfälle wappnen, nur um die Sicherheitsvorkehrungen nach und nach wieder schleifen zu lassen. Becker malt hier einzelne Sätze als Verse ohne Metrum auf die Seiten – ein Selbstgespräch, weil das Opfer mit sich und dem Erlebten allein bleibt. Das schmucklose, sprachlich lethargische Prosagedicht soll die roh-waltende, nicht wegzuleugnende Vergewaltigungskultur spiegeln: „Es ist kein Ast. Sondern ein Arm, der mich anfasst / Er greift mich an / Legt sich um meine Schultern / Er hält mich fest.“ Der Text ist ein literarischer Versuch, der ehrenwert sein mag und erhellen soll, aber nicht mehr aufklärt als die Statistiken zur steigenden Gewalt gegen Frauen. So schwer teils die Fälle – darunter der der Französin Gisèle Pelicots, die über Jahre hinweg von ihrem Ehemann betäubt und zur Vergewaltigung freigegeben wurde –, auf die Beckers Literatur aufmerksam machen soll: Das Simple und das Alltägliche der Sprache sind von schriftstellerischer Faulheit leider kaum zu unterscheiden.
Auch und besonders weil die Schwere der Themen nicht legitimiert, Belletristik wie Social-Media-Postings zu betreiben. Geht es um die Trivialskandale des Spätkapitalismus, etwa um die Ekelhaftigkeit des großbürgerlichen Nachwuchses („Luftraum“) und wie er Personal und Gesellschaft dirigiert, wird es dagegen schlicht stumpf. Hier rührt sich nichts mehr.
Gelungener ist dagegen die als schöne Literatur getarnte Kurzbiografie „Man stelle sich vor“, die faktisches und fiktives Leben der US-amerikanischen Autorin Laura Albert und ihres Alter Egos JT LeRoy umreißen soll.
Den Abschluss von Esther Beckers „Notfallkontakte“ bildet „Die Schlange“, in der sich eine Ich-Erzählerin in einem Gefängnis Schreibworkshops geben soll. Zur Vorbereitung schaut sie Netflix-Serien. Ein Blick in Lucia Berlins Short Story „Here It Is Saturday“ (von Antje Rávic Strubel unter dem Titel „Hier ist es Samstag“ ins Deutsche gebracht) hätte die Erzählerin vielleicht auch weitergeholfen. Und sie observiert, darunter die Mutter eines Insassen, die sich letztlich wenig interessiert an ihr zeigt. Auf die Frage, ob es nicht sein könne, dass ihr Sohn bald einer jener ist, die an der Schreibschule teilnehmen, antwortet sie: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Als hätte die Erzählerin angeboten, ihr Kind in ein schwarzes Loch zu stoßen.
Esther Becker
Notfallkontakte
Verbrecher-Verlag, 108 Seiten, 20 Euro








