Nordische Göttersagen, Asen, Nornen und Waldgeister. Archaische Naturmystik und neuzeitlich modische Ich-Suche. Alte Jagdtechniken und jugendgemäße Handykommunikation. Malerische Landschaftstotale und bizarre, ungegenständliche Farbspiele. Es braucht eine gehörige Portion Phantasie, sich das alles vorzustellen als Bestandteile eines einzigen Films. „Folktales“ heißt dieser, verspricht also etwas wie Volkserzählungen oder -märchen – und will sich doch nicht als realitätsferne Fiktion etikettieren lassen. Also eine Art „inszenierter Dokumentarfilm“, mit ausgewählter „Besetzung“ und klarer Dramaturgie?
Wie „Gaucho Gaucho“ von Michael Dweck und Gregory Kershaw (siehe UZ vom 11. September 2025) verdankt auch das Regie-Duo Heidi Ewing und Rachel Grady seine Filme wesentlich der Förderung durch Robert Redfords Sundance Institute – wegen der Ähnlichkeit könnte man fast von einem Subgenre „Sundance Dokus“ sprechen. Ewing und Grady arbeiten seit Jahrzehnten unter dem Label Loki-Films und haben mit „The Boys of Baraka“ (2005), „Jesus Camp“ (2007) und „Detropia“ (2012) Festivalpreise gesammelt. Ein Oeuvre, das Themen umfasst wie Rassismus, evangelikale Indoktrinierung, die sozialen Folgen von Wirtschaftskrisen oder nun in „Folktales“ die Ausbildung von Eliten. Zur Breite der Themen tritt allerdings ein erstaunlich enges Muster der Dramaturgie: Man folgt einer kleinen Gruppe von Hauptfiguren, die fern von ihrer üblichen Gemeinschaft in neuer, herausfordernder Umgebung einen großen Schritt in der Formung ihrer Persönlichkeit durchleben.
In „Folktales“ führen Ewing/Grady uns ins verschneite Pasvik nahe Norwegens Polarkreis, wo an einer der landestypischen Volkshochschulen Jugendliche aus gut betuchten Familien in einer Art Sabbatjahr nach ihrem Schulabschluss zu Erwachsenen werden sollen. Das heißt für zehn Monate Schluss mit Herumhängen, Discos und Kosmetik, statt wohliger Kaminwärme daheim nur mühsames Feuermachen im Eis, statt Streicheltieren sind Schlittenhunde mit ihren ganz eigenen „Persönlichkeiten“ zu zähmen. Hege, die 19-jährige Norwegerin, will in Pasvik die Trauer um ihren verunglückten Vater abarbeiten – und muss am Ende auch noch „ihren“ Schlittenhund betrauern. Ihr Landsmann Björn Tore will hier lernen, Freunde zu finden und zu halten. Etwas jünger ist der Niederländer Romain, ein Grübler und Selbstzweifler, der das Experiment sogar kurz abbricht. Ein plötzlicher Schockschnitt auf seinen Rollkoffer – doch gleich danach (ohne Erklärung?) gehört er wieder zur Gruppe.
Hat er die „neue Version Ihres Selbst“ vermisst, die die Werbung von Pasvik den Kursanten verspricht, oder schreckte ihn eine Ausbilderin, die das IT-gewohnte Denken ihrer Schüler in ein „Steinzeit-Gehirn“ zurückverwandeln möchte? Aus solchen Fragen beziehen Ewing/Grady ihre einem Spielfilm ähnliche Dramaturgie. In einem kühnen Mix von Stilmitteln steht harter Realismus neben mystischen Exkursen über antike Götter und griechische Tragödien. Bilder von den Mühen des Schulalltags wechseln mit abstrakten Farbenspielen. In Zeitlupen schwebt die Kamera über Schneelandschaften von überirdischer Schönheit als Zeichen radikaler Entschleunigung.
Dass solche traumhafte Schönheit hier und da die Ästhetik von Werbeprospekten streift, ist wohl unvermeidlich. Konflikte unter den Kursteilnehmern gibt es kaum, eher solche mit den ihnen zugeteilten Schlittenhunden oder mit Leitungspersonen. Auffallend ist allerdings, dass Ewing/Grady kritische Aspekte ihrer Drehbedingungen quasi ausklammern. Tritt nicht zur Herausforderung des Lebens in der Eiswildnis auch eine finanzielle? Über die Preise solcher Kurse schweigt „Folktales“ sich aus, aber dass Romains Mutter im Moment seines „Ausstiegs“ im Nu aus Holland zur Stelle ist, lässt auf ausreichend „Kleingeld“ schließen. Den Freunden von Natur- und Tierfilmen werden solche Aussparungen dennoch den Genuss nicht verderben.
Folktales
Regie: Rachel Grady, Heidi Ewing
Jetzt im Kino









