Zu den ökonomischen und geopolitischen Hintergründen des Kriegs gegen Iran – Teil II

Katastrophe für das US-Imperium

Offiziell wurde der Wettbewerb der Großmächte (Great Power Competition) zum ersten Mal in der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA 2017 zum Kernelement der US-Außenpolitik – unter Trump 1.0. In Wirklichkeit hatte schon 1992 George Bush keine zwei Monate nach der Auflösung der So­wjet­union die Linie vorgegeben. In den „Richtlinien für die Verteidigungsplanungen“ hieß es: „Unser erstes Ziel ist es, das Wiederentstehen eines neuen Rivalen zu verhindern, entweder auf dem Territorium der früheren So­wjet­union oder sonst irgendwo, welcher eine Bedrohung repräsentiert, die jener gleichkommt, die von der früheren So­wjet­union ausging.“ Diese Zielsetzung wurde als Wolfowitz-Doktrin unter dem Namen des damaligen Unterstaatssekretärs im Pentagon bekannt. Im Laufe der Zeit hat sie einige Modifikationen erfahren, ist in ihrem Kern aber bis heute maßgebend. Wobei die Fähigkeiten der USA, diesen „Rivalen zu verhindern“, bei weitem nicht mehr denen des Jahres 1992 entsprechen.

Die Wolfowitz-Doktrin

De facto begannen die USA seit der Jahrhundertwende mit der Vorbereitung eines Krieges gegen die Russische Föderation – mit Hilfe der 2014 an die Macht geputschten ukrainischen Nationalisten und Faschisten. Nahezu ebenso alt sind die Vorbereitungen für die Eindämmung Chinas mit Hilfe des Krisenvehikels Taiwan. Der nun losgetretene Krieg gegen den Iran ist eine Art Joint Venture der zionistischen Expansionisten Israels und der US-amerikanischen Neokonservativen. Parallel dazu hatte der „Wertewesten“ die ökonomische „Ruinierung“ (Annalena Baer­bock) dieser Staaten betrieben, welche nach syrischem Muster mit Regime-Change-Operationen abgeschlossen werden sollte.
Benjamin Netanjahu rühmt sich, seit mehr als 30 Jahren für den Krieg gegen den Iran getrommelt zu haben – immer mit der Legende, der Iran sei nur wenige Tage von der Atombombe entfernt. Jetzt ist mit Donald Trump endlich ein US-Präsident darauf eingestiegen. Inwieweit der Mossad-Epstein-Komplex dabei eine Rolle gespielt hat, muss Spekulation bleiben.

BRICS im Fadenkreuz

Die drei Hauptkonflikte in Osteuropa, dem Südchinesischen Meer und Südwestasien hängen sowohl inhaltlich-ideologisch als auch machtstrukturell eng zusammen. Mit Russland, China und Iran befinden sich die strategisch wichtigsten BRICS-Kernstaaten im Fadenkreuz der imperialen Kriegsmaschine. Aber selbst gegen die Regionalmacht Iran, geschwächt durch 47 Jahre Sanktionspolitik, sehen die Aggressoren nicht gut aus. Sie richten immense Zerstörungen an und ermorden eine hohe Zahl an Menschen, vorwiegend Zivilisten, Frauen und Kinder. Eine zionistische Spezialität. Das aber ändert das militärische Kräfteverhältnis nicht. Kriege werden heute mit „smarten“ Distanzwaffen, durch Raketen, Drohnen, Gleitbomben und lasergesteuerte Artilleriemunition entschieden. Iran hat die asymmetrische Kriegführung zu einer gewissen Perfektion gebracht.

Trump und sein Kriegsminister Pete Hegseth hatten sich gebrüstet, die Straße von Hormus wieder öffnen zu wollen. Das dürfte eine Operation nach dem Muster der Schlacht von Gallipoli 1915/1916 werden. Damals scheiterten Briten, Australier, Neuseeländer und Franzosen ­katastrophal bei dem Versuch, einen Brückenkopf für die Eroberung der osmanischen Hauptstadt, damals noch Konstantinopel, zu errichten. Gallipoli 2.0 ist eine Selbstmordmission, bei der selbst die größten Abenteurer unter den US-Verbündeten nicht dabei sein wollen. Gekämpft wird mit den militärischen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Die tief verbunkerten iranischen Kräfte können alles sehen und alles treffen.

EU geht auf Distanz

Trump 2.0 hat die westliche Welt so radikal gespalten, dass mittlerweile auch die Treuesten der Treuen, die europäischen und asiatischen Verbündeten, selbst die „Koalition der Willigen“, auf Distanz gehen. Diesen Kampf um die globale Vorherrschaft müssen die Zionisten und US-Neokonservativen praktisch im Alleingang führen. Er hat mit dem Krieg gegen Iran eine neue gefährliche Stufe erreicht. Die Atommächte USA und Israel verlieren konventionell. Das setzt die Schwelle zum Einsatz atomarer Mittel drastisch herab.

Der Iran hat begonnen, bislang 27 US-Militärinstallationen in den Golfstaaten zu zerstören, darunter die Centcom Navy Base in Bahrain, die Prince Sultan Air Base in Saudi-Arabien und die Al Udeid Air Base in Katar. Zudem zerstörten die Iraner mehr als zehn – zum Teil superteure – weitreichende Radaranlagen. Ein großer Teil der US-Aufklärung wurde dadurch ausgeschaltet. Das Ziel des Iran lautet: Vertreibung der US-Kriegs­maschine aus der Region.

Der bisherige Kriegsverlauf deutet darauf hin, dass am Ende das Gegenteil der von den USA und Israel formulierten Ziele stehen könnte. Sie forderten den völligen Verzicht auf jegliche Urananreicherung, die Zerstörung des Raketenprogramms und die Aufkündigung der Unterstützung der „Achse des Widerstands“. Das wären die bedingungslose Kapitulation und die völlige Unterwerfung unter eine US-zionistische Vorherrschaft. Es wäre das Ende eines souveränen Staates Iran und ein No-Go für einen Staat, der auf eine mehr als 5.000-jährige Hochkultur zurückblicken kann.

Spätestens seit dem 11. September 2001 und dem Irak-Krieg 2003 war für die iranische Führung klar, dass der Krieg auch zu ihnen kommen würde. 2007 hatte US-General a. D. Wesley Clarke in einem Interview die Planungen des Pentagon offenbart: „Wir werden sieben Länder in fünf Jahren ausschalten. Wir starten mit Irak, dann Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und wir beenden das dann mit Iran.“ Die iranischen Streitkräfte haben die US-Kriegführung genau studiert und begannen sich intensiv auf diesen Krieg vorzubereiten.

Krieg um Öl und Gas

Mit der partiellen Schließung der Straße von Hormus hat die iranische Führung jetzt so etwas wie die ökonomische Nuklearoption gezogen. Die Verknappung der Kohlenwasserstoffe für wichtige Staaten des „Wertewestens“ ist durch den israelischen Angriff auf das South-Pars-Gasfeld, das größte der Welt, und iranische Ölanlagen weiter verschärft worden. In Reaktion darauf gab es Angriffe des Iran auf saudische, kuwaitische, katarische und israelische Ölinstallationen. Der Krieg um Öl und Gas nimmt deutlich Fahrt auf. Die ost- und südostasiatischen Staaten beziehen fast 90 Prozent ihres Ölimports durch die Straße von Hormus.

Iran lässt Schiffe von befreundeten Ländern durch die blockierte Meerenge und besteht darauf, dass die Fracht in Renminbi (Yuan) denominiert ist. Das ist ein massiver Schlag gegen den Petrodollar. Natürlich bleibt die militärische Entwicklung ausschlaggebend, aber auf der ökonomischen Seite dieses Krieges bahnt sich eine deutlich andere geoökonomische Situation an. Sie wird die ohnehin schwächelnden Ökonomien der europäischen und asiatischen US-Verbündeten weiter schwächen. Der massive Einbruch bei der Ölversorgung, verbunden mit einem starken Anstieg der Rohöl- und Erdgaspreise, zieht unter neoliberalen Bedingungen zwangsläufig eine deutliche Preisinflation und eine bedrohliche Wirtschaftskrise nach sich. Eine Neuauflage der Stagflation der 1970er Jahre, selbst der Depression der 1930er Jahre, ist möglich. Die großen Verlierer werden vor allem die Ostasiaten – Japan, Südkorea und Indien – und die Europäer sein. Die „Financial Times“ titelte: „Die Ära der US-Dominanz bei der ökonomischen Kriegführung ist vorbei.“

Humanitäre Katastrophe

Neben der Rohöl- und Erdgasversorgung kommt durch die Sperrung von Hormus auch die globale Düngemittelversorgung unter Druck. Mehr als 30 Prozent der globalen Stickstoffdüngerproduktion kommen aus der Kriegsregion. Es ist Aussaat- und Pflanzzeit auf der nördlichen Halbkugel. Ein derartiger Einbruch bei der Düngemittelversorgung bedroht die Welternährungssituation beträchtlich.

Die zionistische Genozidmaschine hatte schon 2023 die Wasseraufbereitungs- und Meerwasser-Entsalzungsanlagen des Gazastreifens zerstört. Nun beschuldigt Bahrain den Iran, einen Angriff auf seine Wasserinfrastruktur verübt zu haben. Iran bestreitet das und beschuldigt das US-Militär, eine False-Flag-Operation gestartet zu haben. Dabei war der Iran das erste Opfer dieses erneuten Wasserkrieges, als die US-Kriegsmaschine gleich zu Beginn ihres Überfalls eine Entsalzungsanlage auf der strategisch wichtigen Insel Qeschm in der Straße von Hormus zerstörte.

Die rund 5.000 Entsalzungsanlagen in Südostasien produzieren rund 29 Millionen Kubikmeter Frischwasser pro Tag. Saudi-Arabien ist zu 82 Prozent von aufbereitetem Wasser abhängig, Oman zu 77 Prozent, Kuwait zu 53 Prozent, die Vereinigten Arabischen Emirate zu 59 Prozent, Bahrain zu 41 Prozent und Katar zu 39 Prozent. Israel ist zu mehr als 50 Prozent von seinen Aufbereitungsanlagen abhängig. Bei Zerstörung ihrer Entsalzungsanlagen wären all diese Staaten binnen weniger Wochen unbewohnbar. Für Iran sind Entsalzungsanlagen nur in bestimmten trockenen Regionen notwendig. Sollte der Krieg auch zu einem ausgewachsenen Krieg um das Wasser werden, wäre eine humanitäre Katastrophe kaum zu vermeiden. Auch das dürfte Washington und Tel Aviv mehr als klar sein. Was nicht bedeutet, dass es nicht passiert.

Die Botschaft des Krieges

Die iranische Kriegführung und mit ihr die der Russischen Föderation und China versuchen, die Zielsetzung der Aggressoren in ihr Gegenteil zu verkehren. Der Krieg gegen den Iran entwickelt sich zu einer Katastrophe für das US-Imperium. Soweit erkennbar, wird das Ergebnis nicht die Wiederherstellung der US-Herrschaft über das Öl, die globale Vorherrschaft Washingtons und ein Apartheid-Großstaat „Eretz Israel“ sein, sondern die strategische Stärkung der BRICS-Hauptstaaten, der Eurasischen Kooperation und eines erwachenden Globalen Südens.

Die Unfähigkeit der US-zionistischen Kriegsmaschine, eine regionale Macht in die Knie zu zwingen, sendet Schockwellen zu den Verbündeten des Imperiums aus. Nachdem Russland trotz der „Mutter aller Sanktionen“ und der bedingungslosen NATO-Unterstützung Selenskis den Ukrainekonflikt gewinnt, wehrt sich der Iran erfolgreich gegen Trumps „Armada“ und die zionistische Genozidarmee. Der geopolitische Wandel beschleunigt sich beachtlich. Das ist die Botschaft dieses Krieges.

Teil I „Der Treibstoff des Imperialismus“ erschien in UZ vom 20. März. In UZ vom 3. April befassen wir uns mit den ökologischen Folgen des Iran-Krieges.

Parallelen zu Jugoslawien
Das Internationale Milosevic-Komitee hat am 10. März anlässlich des 20. Todestages von Slobodan Milosevic zu einer Gedenkveranstaltung nach Belgrad eingeladen. Dort wurde eine Rede von Klaus Hartmann, Ko-Vorsitzender des Komitees und des Deutschen Freidenker-Verbandes, per Video übertragen. UZ dokumentiert im Folgenden einen Auszug über Parallelen der Zerstörung Jugoslawiens und der heutigen Regime-Change-Politik der USA. Die komplette Rede „Die Zerstörung des Völkerrechts“ gibt es hier.
Der Westen ist nicht in der Lage, sich mit dem Verlust der globalen Hegemonie abzufinden. (…) Länder, die sich dem westlichen Befehl nicht unterordnen wollen, werden militärisch angegriffen, zuletzt traf es Venezuela als engen Handelspartner Chinas, Kubas und des Iran. Der US-Überfall auf Venezuela mit der Verschleppung seines Präsidenten Nicolás Maduro zeigt Parallelen zu dem von US-Nichtregierungsorganisationen angeleiteten Regime-Change-Staatsstreich 2000 in Jugoslawien, als Präsident Slobodan Milosevic von der neuen Marionettenregierung gekidnappt, nach Den Haag entführt und vor ein Femegericht gestellt wurde.
Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien ist unter Bruch der UN-Charta installiert worden, da dieses nur nach Beschluss der UN-Vollversammlung und durch einen völkerrechtlichen Vertrag möglich gewesen wäre. Er wurde auch nicht aus dem UN-Haushalt bezahlt, sondern überwiegend von „philanthropischen“ US-Stiftungen. Milosevic wurde im Scheveninger Gefängnis aufgrund unterlassener ärztlicher Hilfeleistung am 11. März 2006 zu Tode gebracht.
Eine weitere Parallele zeigt sich in der Kriegsvorbereitung gegen den Iran. Hier waren die US-Forderungen von Anfang an darauf ausgelegt, eine diplomatische Lösung zu behindern in der Erwartung, der Iran würde aufgrund seiner Schwäche vor der US-Militärmacht kapitulieren. 1999 gingen der NATO-Aggression die sogenannten „Verhandlungen von Rambouillet“ voraus, die Jugoslawien im geheimen Anhang zu einem Abkommen dazu zwingen sollten, der NATO völlige Handlungs- und Bewegungsfreiheit auf seinem Territorium zu gewähren und damit seine Souveränität aufzugeben. Es ist das bleibende Verdienst von Präsident Milosevic, dieses falsche Spiel nicht mitgemacht zu haben.
Entgegen seinen Wahlversprechen, Kriege zu beenden und keine neuen zu beginnen, insbesondere keine Regime-Change-Operationen zu starten, hat US-Präsident Trump mit dem Angriff auf den Iran im Sommer 2025 der Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro, den Strangulationsmaßnahmen gegen Kuba und zuletzt dem neuerlichen Krieg gegen Iran und weitere Nachbarländer gezeigt: Er stellt sich „würdig“ in eine Reihe mit seinen Kriegsverbrecher-Vorgängern im Präsidentenamt. Seine Bewegung verdient einen neuen Namen: MAFA – Make Amerika Fail Again!

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"Katastrophe für das US-Imperium", UZ vom 27. März 2026



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