Erinnerungen an André Scheer

Mit revolutionärer Freundlichkeit

Claudi, Arnold Schölzel, Günter Pohl, Patrik Köbele, Carolus Wimmer, Fabian Linder, Orhan Akman

Der Tod unseres Autors und Genossen André Scheer reißt eine große Lücke, nicht nur bei UZ und in der DKP, sondern auch im Leben derjenigen, die ihn gekannt haben und mit ihm arbeiten durften. Wir haben einige von ihnen gebeten, Erinnerungen an André aufzuschreiben.

Das Pressefest 2003 war noch voll im Aufbau, als mir Gerda in der „Schweinegeilen Bucht“ einen Genossen vorstellte, mit dem sie auf Cuba-Brigaden gewesen war. Wir verstanden uns auf Anhieb, verlagerten uns zu den Bayern auf ein „richtiges Bier“ und als es anfing zu regnen ins AMS-Zelt, um den restlichen Abend Arbeiterlieder zu singen. Wir verbrachten sehr viel Zeit miteinander, hatten ja so viel gemeinsam … vom klaren linken Standpunkt, der Liebe zu Kuba, der spanischen Sprache, der lateinamerikanischen Musik bis hin zu kubanischem Rum.

Wir blieben danach in regem Kontakt, trafen uns in Hamburg bei einer Demo des öffentlichen Dienstes wieder und genossen nach seiner ersten Venezuela-Reise ein paar freie Tage an der Ostsee. Für alle anderen war wohl schon klar, dass wir zueinander gehören. Es dauerte aber noch bis zu einem Besuch in der Jonasstraße 25 in Berlin, wo er später selbst auch wohnte, bis wir zum Paar wurden. Nach seiner ersten Venezuela-Veranstaltung Anfang November 2003.

Es folgten über 22 Jahre Fernbeziehung. 22 Jahre mit vielen Telefonaten, E-Mails, Fotos, Zugfahrten, Redglobe und Redglobe-Radio, Reisen, Campingurlauben, auch „Dienstreisen“ zu den Weltfestspielen oder den Buchmessen in Havanna. Die Organisation des Venezuela-Zeltes auf den Pressefesten, Parteitage in Bochum, Mörfelden, Frankfurt, Madrid, Kuba- und Venezuela-Veranstaltungen, Lesungen aus dem Che-Guevara-Buch sowie aus „Klassenkampf im Äther“, der Aufbau und Fall des Hans-Beimler-Zentrums in Augsburg, gemeinsame Sitzungen, Demos, Seminare und viele Erinnerungen.
Und plötzlich ist der Partner, der beste Freund und liebste Genosse, weg, ohne sich richtig verabschiedet zu haben. Vor seiner Herz-OP, bei unserem letzten Telefonat, meinte er, jetzt habe er doch etwas Bammel und wäre gerne zwei Tage älter. Ich müsse mir aber keine Sorgen machen. Er habe ja schon Melina versprochen: „Unkraut vergeht nicht!“

Jetzt fehlen mir die täglichen Rituale, Anrufe, Nachrichten, mein persönliches Andrépedia ist weg … Noch im Krankenhaus hab ich den USB-Anschluss gesucht, um das Allgemeinwissen und die Sprachkenntnisse zu sichern, aber die Krankenpflegerin konnte mir leider nicht weiterhelfen und guckte verstört.

Ihr Lieben, wenn es wärmer ist, machen wir ’ne André-Party auf der Terrasse der Zeitung „junge Welt“. Da werden wir ihn gemeinsam hochleben lassen – trotz alledem!

Ich freu mich auf euch!

Claudi

P. S. Wenn euch noch irgendwelche Stories einfallen, wir freuen uns drüber!


Auf André konnte man sich verlassen – was ist Schöneres von einem Menschen zu sagen? Seine Verlässlichkeit galt für jedes Gebiet des Lebens, in dem ich mit ihm zusammenarbeiten durfte – politisch, beruflich, privat. Ich glaube sagen zu dürfen: Wir waren allein deswegen immer auf einer Wellenlänge. Es gibt nur wenige im Laufe eines Lebens, finde ich, mit denen stillschweigendes Einvernehmen, gute Produktion ohne viel Reden möglich ist. André konnte arbeiten wie kein Zweiter, außerdem kamen wir beide aus Norddeutschland, wo viel Schnacken weniger als anderswo üblich ist.
Als er nach dem großartigen Beginn der Bolivarischen Revolution in der Berliner Botschaft Venezuelas arbeitete, lud der damalige Botschafter zu Vortragsabenden ein, auf denen Wissenschaftler über die Klassiker des Marxismus und ihre philosophischen oder ökonomischen Auffassungen sprachen. Das war vor allem Andrés Idee. Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis.

Schon damals schrieb er ständig für die „junge Welt“, also tagesaktuell, verfasste Bücher und zog die Internetseite „Redglobe“ auf – „News for your class, not for your country“. Eine Perle im Netz. Er und Claudia filmten bei den Weltfestspielen in Caracas: „Wir kämpfen gegen Imperialismus und Krieg.“ Dann war er – endlich – Chef des Außenpolitikressorts der „jungen Welt“. Brachte frischen Wind, Kompetenz zu Lateinamerika und weit darüber hinaus. Weil er wusste, wie Klassenanalyse geht. Manchmal dachte ich – aber nur flüchtig –: Schafft er das? Er schaffte es, solide, informativ, seriös – auch weil Claudia da war. Aber es ging nicht anders: Irgendwann musste er der Liebe wegen von Berlin weg, er schrieb ja weiterhin. Auch so etwas Großes wie die Geschichte des Rundfunks.

Nun wird Venezuela von Washington aus „gemanagt“, Kuba soll tödlich getroffen werden. André fehlt so sehr – es ist nicht zu sagen.

Arnold Schölzel


Ein Lächeln. Das war immer das erste Geschenk und mit der Zeit erwarteter Standard, wenn mir André über den Weg lief. Unweigerlich gepaart mit einem „Moin!“ Eigentlich konnte an imperialistischen Zumutungen, Bedrohungen, Blockaden oder Angriffen geschehen sein, was wollte – André gehörte zu den Menschen, die im Grundsatz ruhig bleiben und ihre Zuversicht nicht verlieren. Der Hamburger Junge verlor sich weder in Berlin noch in Augsburg.

Kennengelernt haben wir uns in der Vorbereitung der Kuba-Brigaden der DKP im Frühjahr 1997; er selbst hatte schon 1995 an der ersten teilgenommen. In der Folge landeten wir beide in der Internationalen Kommission des Parteivorstands, in der wir zunächst an den spanischsprachigen Kontakten arbeiteten. Mit dem Wahlsieg von Hugo Chávez konzentrierte sich André auf Venezuela; sein früher Optimismus bezüglich der Bolivarischen Revolution öffnete uns die Augen über mögliche neue Entwicklungen. Aber er ließ auch die Ereignisse in anderen lateinamerikanischen und dem spanischen Staat nicht aus dem Blick. Wer über die Jahre sein unkommerzielles und unaufdringliches (und vielleicht deswegen umso informativeres) Online-Nachrichtenportal „RedGlobe“ mit unzähligen Berichten aus den fünf Kontinenten verfolgt hat, fragt sich, wie viele Stunden André täglich geschlafen hat. Und warum.

Baten wir André, die DKP international auf Parteitagen oder Konferenzen zu vertreten, war im Anschluss mit einer aussagekräftigen Einschätzung zu rechnen, die so selbstverständlich wie sein freundliches Lächeln kam. Es ließ sich lernen: Zuversicht gibt Ruhe – Ruhe gibt Zuversicht. Ich weiß nicht, ob es ihm bewusst war, dass er die Gabe hatte zu erden. Und nebenbei zu vermitteln, dass Kampf und Freundlichkeit kein Widerspruch sind.

Günter Pohl


Ich gebe zu, es ging mir wie einigen Schwesterparteien. Ich war auch sehr beeindruckt von den Analysen von Manuela Tovar aus Venezuela (wie ich dachte). Nachdem ich vor einigen Jahren in Venezuela war, fragte ich mich immer, ob ich sie denn dort wohl getroffen habe. Bis ich die UZ-Redaktion fragte und die Genossinnen und Genossen mich mit einem Blick ansahen, der in meinem Gesicht nach Spuren von Alkohol oder anderen Substanzen forschte. „Das ist doch André.“ War mir schon etwas peinlich.

Unsere Wege haben sich oft gekreuzt, ich weiß nicht mehr, wann das erste Mal. Nicht undenkbar, dass es noch zu meinen SDAJ-Zeiten war, auch, wenn André zehn Jahre jünger war.

Wir trafen uns viel, vor allem, wenn es darum ging anzupacken, zu helfen, dann war André immer da, meist im internationalen Bereich, einmal aber auch in Augsburg – eigentlich seiner Wahlheimat. Das kann verwundern für einen Hamburger, den es beruflich meist nach Berlin trieb, war aber so.

Eines seiner Kinder (Baby wäre zu jung – eine gewisse Tradition hat es ja schon) war der Live-Ticker von unseren Parteitagen. Lebhaft, humorvoll, alles andere als trocken, wurde hier hochaktuell berichtet. Zugegeben, das „Habemus Patrik“ nach dem Wahlgang beim letzten Parteitag gefiel mir nicht so richtig – der Eingang zum Saal war ja nicht zugemauert und die Stimmzettel wurden auch nicht verbrannt, im Gegensatz zu dieser historisch überlebten Institution mit Hauptsitz in Rom. Aber das war genau der Humor von André und auch dafür konnte man ihn nur gerne haben.

Patrik Köbele


Auch wir in Venezuela spüren die Abwesenheit von Genossen André Scheer, Kommunist, Internationalist und großer Freund des venezolanischen Volkes. Er war von Beginn der Bolivarischen Revolution unter Kommandant Hugo Chávez dabei. Er war eine herausragende Stütze der internationalen Verteidigung des antiimperialistischen, patriotischen und sozialistischen politischen Prozesses in Venezuela, setzte sich ein für die internationale Solidarität gegen ausländische Einmischung und verteidigte die Souveränität Venezuelas, wobei er oft die Zusammenarbeit mit Ländern wie Kuba und dem Globalen Süden hervorhob.

Mit Feder und erhobener Faust, aber auch mit brüderlicher Umarmung, war André zusammen mit Genossin Claudia in den 26 turbulenten Jahren dieser Revolution neuen Typs in Lateinamerika stets an unserer Seite. Gemeinsam bereisten sie verschiedene Regionen unseres Landes. In Lateinamerika und Europa gab André Antworten auf die sich stellenden Fragen. Seine Studien über und seine Erfahrungen in dem karibischen Land veröffentlichte er unter anderem in der DKP-Zeitung UZ und in der „jungen Welt” – wahrhaft revolutionärer Journalismus.

Er nahm stets an internationalen politischen Debatten teil, sei es beim Festival der UZ in Dortmund, der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin oder in Caracas und Havanna. Mit einer strategischen antiimperialistischen Vision leitete er die Koordination der Welttage der Solidarität „Todos somos Venezuela – Wir alle sind Venezuela“ und bekundete seine Unterstützung für die Bolivarische Revolution angesichts der ständigen imperialistischen Angriffe, denen das Land ausgesetzt ist. Gemeinsam mit anderen Intellektuellen und Vertretern gesellschaftlicher Gruppen aus fünf Kontinenten erläuterte er dort das Ausmaß des Kampfes gegen den Ansturm imperialistischer Akteure, deren Aktionen sich in den letzten Jahren verschärft haben.

Genosse André hat uns mit seinem Beispiel revolutionärer Standhaftigkeit ein Erbe hinterlassen, das wir fortführen müssen.

Carolus Wimmer


Mit welchen Zeilen beginnt man so einen Text? Eine Lektion, die mir André nicht mehr beibringen konnte. Und dennoch zeigt er es mir mit all dem journalistischen Handwerkszeug, das ich in den vielen Jahren von ihm gelernt habe. Begleitet hat er mich durchgehend, von den ersten journalistischen Gehversuchen hin zu meinem Weg als freier Autor bei der Tageszeitung „junge Welt“. Bis zuletzt haben wir vielfach auch zusammen Bericht erstattet. Sei es aus der Ferne wie von den Weltfestspielen in Ecuador 2013, zusammen für seinen „versehentlich“ gegründeten Radiosender oder wie im vergangenen Juni beim Live-Ticker der UZ beim Parteitag in Frankfurt. Am Main, versteht sich, wie er als Hinweis im Ticker schrieb.

Dieser feine Humor von ihm verband uns ebenso wie der politische Austausch und die unzähligen Diskussionen, die wir über die Jahre führten. Vieles hat er mir erklärt und beigebracht. Immer freundschaftlich und konstruktiv war seine Kritik, sei es an meinen Texten, politischen Analysen oder Uni-Arbeiten, deren Themen sich nicht selten aus Diskussionen zwischen uns ergaben. Ein gemeinsames Inte­resse für die politischen Entwicklungen in Südamerika, sein besonderes Inte­resse am Radio, die vielfältige Geschichte der Arbeiterbewegung oder regionale Entwicklungen Spaniens und Portugals waren solche Themen, die wir auch aus der gemeinsamen Sprachvielfalt schöpften. Während André mir über Katalonien erzählte, konnte ich über die galizische Linke und die dortige Unabhängigkeitsbewegung erzählen.

Obwohl viele Texte noch nicht geschrieben, Radiobeiträge noch nicht gesendet und politische Debatten noch offen sind, heißt es jetzt Abschied nehmen. Ganz im Sinne einer prägnanten jW-Titelseite zum 8. Mai möchte ich für all das an dieser Stelle einmal Danke sagen!

Fabian Linder


Für André stand zu keinem Zeitpunkt in Frage, dass Gewerkschaften sich nicht nur mit Tarifpolitik und Lohnerhöhungen beschäftigen. In vielen gemeinsamen Gesprächen diskutierten wir über die Fehlentwicklungen der deutschen Gewerkschaftsbewegung in den letzten Dekaden. Gerade in Zeiten von Aufrüstung, Militarisierung und der zunehmend problematischen Haltung der Gewerkschaften zum Frieden suchten André und ich immer wieder intensiv das Gespräch miteinander und mit anderen Kolleginnen und Kollegen. So fand am 25. November 2022 im Rahmen der „43. Augsburger Friedenswochen“ eine Veranstaltung mit dem Titel „Krieg, Frieden und Gewerkschaften“ im Hans-Beimler-Zentrum statt, das André und Claudia federführend organisiert hatten und wo ich referieren durfte.

Er war ein Kollege, der sich bis zu seinem letzten Atemzug mit ganzem Herzen, Verstand und viel Solidarität für gewerkschaftliche Themen und damit die Inte­ressen der lohnabhängig Beschäftigten stark machte.

Orhan Akman

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"Mit revolutionärer Freundlichkeit", UZ vom 20. Februar 2026



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