„Sie ging an die Rote Front, war im Dienst der Revolution Soldat, Spion, Kundschafter, Redner, Kommissar, Journalist, Leitartikler und Berichterstatter, Kommandeur, sie ritt, marschierte, schoss, verurteilte, schlich sich hinter den Rücken des Feindes, wurde erkannt, floh, kehrte zurück, sie hungerte, fror, erkrankte, gesundete, tröstete Kranke, sah Kameraden sterben, begrub Tote, liebte, siegte im großen Sieg der Revolution, kehrte heim, ging mit ihrem Mann nach Afghanistan, schrieb darüber, kam nach Deutschland und schrieb darüber, ging in den Ural und beschrieb ihn, erkrankte 1925 an Typhus und starb so schnell, so vehement, so überraschend, wie sie gelebt und geschrieben hatte. Nach acht Tagen war sie tot.“
Das schrieb Joseph Roth am 10. April 1927 unter dem Titel „Die Frau von den Barrikaden“ über die etwas mehr als ein Jahr zuvor gestorbene Revolutionärin und Schriftstellerin Larissa Reissner.
Reissner faszinierte ihre Zeitgenossen, nicht nur durch ihren frühen Tod. Sie soll atemberaubend schön gewesen sein, ebenso klug, sympathisch und willensstark. Joseph Roth beschrieb: „Sie war schön. Ihr Gesicht war kühn, licht und entschieden. Ihr Haar hatte den Glanz des Kupfers, es klang beinahe, wenn man es ansah. Ihre Augen waren klug und stolz, wie zwei Gedanken. Ihre Stirn war klar wie ein Mittag. Man sagt, daß ihre Liebe so groß war wie ihr Mut. Diese Frau scheint dagewesen zu sein, um in Legenden weiterzuleben.“ Und sie war – in einer aufregenden Zeit des Umbruchs, der nichts weniger als eine Neuordnung der Weltgeschichte mit sich brachte – an den entscheidenden Situationen vor Ort, mit den entscheidenden und handelnden Persönlichkeiten. Ihre Reportagen setzen nicht nur bis heute Maßstäbe, sondern geben einem einen Einblick in die Zeit, in der die oben nicht mehr konnten und die unten nicht mehr wollten.
Larissa Reissner wurde am 13. Mai 1895 im polnischen Lublin geboren. Die Familie ging – mit einem kurzen Zwischenstopp in Sibirien – Ende der 1890er Jahre ins Exil, erst nach Paris, dann nach Berlin. Reissners Vater Michail, ein Jurist, hatte es gewagt, junge Studenten vor Gericht zu verteidigen, die sich weigerten, einen Treueeid auf Zar Nikolaus II. zu schwören. Im Exil – vor allem in Berlin – blieben die Reissners politisch interessiert und mit Russland eng verbunden. Ein enger Freund der Familie war Karl Liebknecht, Larissa Reissner lernte schon als Kind Lenin kennen.
1907 kehrt die Familie nach Russland zurück und lässt sich in St. Petersburg nieder. Larissa beginnt zu schreiben: Gedichte, Theaterstücke, Kurzgeschichten. Details ihrer Politisierung sind nicht ganz klar, aber vieles wird sie ihrem progressiven Elternhaus verdanken. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs beginnt Larissa Reissner – unterstützt von ihrem Vater – die Zeitschrift „Rudin“ herauszugeben, die sich vornehmlich an Studenten richtet. Sie tut dies, um „die ganze Hässlichkeit des russischen Lebens mit der Geißel der Satire, Karikatur und Broschüre zu brandmarken“. „Rudin“ ist die einzige Zeitschrift in Russland, die sich gegen den Krieg ausspricht – mit Ausnahme der Publikationen der Bolschewiki.
Als Lenin im April 1917 nach Russland zurückkehrt, gibt es auch für Larissa Reissner kein Halten mehr. Den Sommer hindurch lehrt sie die Matrosen in Kronstadt Lesen und Schreiben. Dort lernt sie auch ihren späteren Ehemann Fjodor Raskolnikow kennen. Eine – gerade von Bürgerlichen gern kolportierte – Legende platziert sie am 25. Oktober 1917 auf der „Aurora“. Als es losging und die Bolschewiki begannen, die Vergangenheit davonzujagen, soll Larissa Reissner an Deck des Kreuzers das Signal für die Schüsse auf den Winterpalast gegeben haben. Der Wahrheit entspricht das vermutlich nicht. Die Besatzung der „Aurora“ wusste auch so, welche die richtige Seite der Barrikade war.
Dokumentiert ist allerdings ein Brief, mit dem sich die damals erst 19-jährige Larissa Reissner bei den siegreichen Bolschewiki bewarb: „Ich kann reiten, schießen, aufklären, Korrespondenz verschicken und notfalls sterben.“ Doch trotz dieses (sicherlich ernstgemeinten) Bekenntnisses, für die Revolution notfalls auch in den Tod zu gehen, war Larissa Reissners erste Aufgabe eine rein zivile. Sie arbeitete für das Volkskommissariat für Bildung unter Anatoli W. Lunatscharski in der „Sonderkommission für die Registrierung und den Schutz der Eremitage und der Museen von Sankt Petersburg“ und kümmerte sich um die Erhaltung von Kunstdenkmälern. 1918 wurde sie bei den Bolschewiki aufgenommen.

Reissner und Raskolnikow, der während der Oktoberrevolution die Kronstädter Matrosen angeführt hatte, heirateten 1918. Er wurde innerhalb der Marine Befehlshaber einer Flottille, sie wurde Kommissarin im Nachrichtendienst – und die erste Frau, die im Rang einer Offizierin in einer Armee war. Im Bürgerkrieg war es vorbei mit den zivilen Aufgaben für Larissa Reiss-ner. Sie nahm als Rotarmistin aktiv am Bürgerkrieg teil – unter Bewunderung ihres Mutes, ihrer Kaltblütigkeit und ihrer Entschlossenheit durch die Kameraden. Sie unternahm zum Beispiel mit nur wenigen Kameraden einen Aufklärungsangriff von Swijaschsk über Tjurlema zur Station Schichrany, um Kasan zurückzuerobern und die Verbindung zwischen dem Hauptquartier und den militärischen Einheiten der Fünften Armee wiederherzustellen. Das Stück gelang, die Rote Armee war siegreich. Larissa Reissner schrieb darüber die Reportage „Kasan“: Drastisch und schonungslos gegenüber den Gräueln des Krieges, aber auch mit einer gewissen Überhöhung Leo Trotzkis.
Doch zeigt sich in „Kasan“ bereits die ganze Stärke des Schreibens von Larissa Reissner. Die präzise Beschreibung der Zustände und die Eloquenz beim Festhalten von Eindrücken prägten ihr Werk. Sie machte Reportagereisen in den Ural und den Donbass, fasste ihre Erlebnisse in Afghanistan in einem Band zusammen und schrieb – ihr wohl berühmtestes Werk – über den Hamburger Aufstand.
Der Aufbruch der Arbeiterinnen und Arbeiter in eine neue Zukunft, der Kampf auf dem Weg dahin waren die Themen von Reissners Reportagen. Und sie wollte aufrütteln, auch mit der Beschreibung des Elends, und Mut machen, denn auch in diesem Elend findet sie Ansätze, die Hoffnung geben. So beschreibt sie zum Beispiel die Entstehung erster Ansätze eines Industrieproletariats in Afghanistan. Dort war sie als Teil der sowjetischen diplomatischen Mission, deren Leiter ihr Ehemann Fjodor Raskolnikow war. „Die Maschine“, so Reiss-ner in dem Band „Afghanistan“, „ist eine grausame Erzieherin. Aus hundert sie bedienenden Bauern macht sie einen Arbeiter. Sie frisst, verkrüppelt, saugt ganze Dörfer aus, ehe das erste proletarische Häuflein zustande kommt. In einer Fabrik in Kabul, wo die nackten Schultern der Arbeiter von den Aufsehern mit Stöcken bearbeitet werden, wo in der Zuschneidewerkstatt Menschen, die wie lebende Leichen aussehen, mit ungeheuren phantastischen Scheren ihre eigenen Leichengewänder zuzuschneiden scheinen, wo der Fabrikbesitzer Feudalherr, General, Polizeichef und absolutistischer Monarch in einer Person ist, sogar in dieser Fabrik hat sich bereits ein proletarischer Sauerteig gebildet, der die künftige Geschichte des Landes wird aufkeimen lassen.“ Den jungen Diplomaten der noch jüngeren Sowjetunion gelang bei ihrer Afghanistan-Mission ein Friedensschluss zwischen den beiden Ländern.
Larissa Reissner verlässt Raskolnikow und geht nach Berlin, um dort Reportagen von der nächsten Revolution zu schreiben. Die ist nicht ganz gelungen, doch geben Reissners Reportagen aus den Jahren 1923 und 1924 einen Einblick in die Zustände, die zu einer revolutionären Situation in Deutschland führten – und in die Folgen der Niederlage der Arbeiterbewegung.
Keinen Hehl machte Larissa Reiss-ner aus ihrer Verachtung für die Herren Parlamentarier, die in Berlin parlieren. In „Im Reichstag“ seufzt sie: „Ach, dieses Parlament! Wenn etwas hier noch Respekt einflößt, dann sind es nur die riesigen Marmorstiefel Wilhelms I., mitten im Saal. Der alte Soldat, dem man seinerzeit so mühsam die Verfassung abgerungen hat, steht mit verdrossener Miene da und wartet auf den Augenblick, da er die geschwätzigen Schwärme der Abgeordneten aus diesem Haus wird verjagen können. Die Parlamentsmitglieder spazieren friedlich um seine berühmten Kanonenstiefel herum, einzeln oder zu zweien, ganz wie junge Mädchen auf dem Boulevard. … Mit dem Schicksal Deutschlands und seiner Revolution hat dies parlamentarische Spiel überhaupt nichts zu tun. Die Geschichte hat diesem Parlament wie die riesigen Statuen, die um den Springbrunnen vor dem Reichstag lagern, längst ihr eisernes Hinterteil zugekehrt.“

Im Kontrast zu den im Parlament spazierenden Herren, die ein Theater aufführen, das mit dem Leben der Menschen nichts zu tun hat, beschreibt Reissner in „Arbeiterkinder“ die hoffnungslose Realität derer, die mit der Inflation nicht ihre Schulden verlieren, sondern ihr Leben: „Berlin hungert. Jeden Tag hebt man auf der Straße, in den Straßenbahnen und in den Schlangen vor den Geschäften Menschen auf, die vor Erschöpfung ohnmächtig geworden sind. Hungernde Schaffner versehen ihren Dienst in den Straßenbahnen, hungernde Wagenführer jagen die Züge durch die unheimlichen Korridore der Untergrundbahn, hungernde Menschen arbeiten oder treiben sich ohne Arbeit Tag und Nacht in den Parkanlagen und in den Vororten herum … In den letzten Monaten ist die Kindersterblichkeit auf den schwarzen Diagrammen der Statistiker sprunghaft nach oben geschnellt. Die Tuberkulose grassiert im Wedding, in Rixdorf und Oberschöneweide, in den Hochburgen der AEG, der Automobilkonzerne; sie grassiert unter den Massenentlassenen und unter den Teilnehmern der ersten Massenkundgebungen, auf denen die deutschen Arbeiter in diesen frühen Oktobertagen, die so ganz anders sind als bei uns, die ‚Internationale‘ singen lernen. Dieser europäische Spätherbst, der sich so lange hinzieht und die klaren Berliner Nächte nur ganz allmählich kälter werden lässt, hat Tausende von Arbeiterkindern dahingerafft. Noch niemals seit dem Krieg hat die Lungenentzündung so viele Menschen umgebracht, die sich beim Anstehen nach Brot langsam zu Tode husten oder, gequält von Fieber, Atemnot und Hunger, stundenlang nach Arbeit suchen.“
So konnte, so durfte es nicht weitergehen. In Deutschland kommt es zu Tumulten, die zu einem deutschen Oktober zu werden drohen. Die Reaktion ist in Panik, die Arbeiter in Aufruhr. Und Larissa Reissner ist dabei: „Der Anfang der revolutionären Bewegung beginnt nicht im Oktober, sondern im August des Vorjahres, als Hamburg zu einer Arena von hartnäckigen und erbitterten Kämpfen für den Arbeitslohn, für den achtstündigen Arbeitstag … für eine ganze Reihe nicht nur ökonomischer, sondern auch rein politischer Forderungen wurde: Arbeiterregierung, Produktionskontrolle usw.. Diese gewerkschaftlichen Kämpfe waren begleitet von Streikausbrüchen und stürmischen Eruptionen des revolutionären Hasses: von der Demolierung von Lebensmittelläden, von der Verprügelung der Polizisten und Streikbrecher. Die Hamburger Arbeiterinnen haben sich in diesen Monaten besonders ausgezeichnet; im Allgemeinen sind die Frauen einer großen Hafenstadt weitaus selbstständiger und politisch gereifter als ihre Genossinnen in den meisten Industriezentren Deutschlands. Sie waren es, die im August des Vorjahres ihre Männer hinderten, die Arbeit in den streikenden Werften wiederaufzunehmen. Ihre lebendige Kette vermochten weder Polizeibajonette noch kleinmütige Arbeiterhaufen, die bereit waren, jede Bedingung der Arbeitgeber anzunehmen, von dem Elbtunnel zu verdrängen und zu durchbrechen. … In Barmbek begannen die Unruhen eine Woche vor dem Aufstand, Mittwoch, den 16. Oktober nehmen Arbeiterinnen und Frauen der kleinen Angestellten die Märkte in Besitz und zwingen die sabotierenden Händler, ihre Waren zu verkaufen … Des Abends schreiten Zehntausende von Arbeitern unablässig, hartnäckig über die Fußstege – die Polizei verhaftet über 100 Menschen, aber die unheimlichen Fußgänger sind nicht zu vertreiben. Aufregende Nachrichten verbreiten sich mit fieberhafter Eile: Die Reichswehr greift die Arbeiter in Sachsen an. Die Massen geraten in furchtbare Spannung. Es ist der Vortag der Revolution.“
Sie sollte nicht gelingen. Larissa Reissner aber lässt sich nicht entmutigen, sie reist weiter durch das Land und hält in Reportagen fest, was sie sieht und wen sie trifft. Einen Aufstand aber sollte sie nicht mehr erleben.
Am 9. Februar 1926 starb Larissa Reissner in Moskau an Typhus. Bereits durch Malaria geschwächt, hatte sie der Erkrankung zu wenig entgegenzusetzen. Geholt hat sich die unerschrockene Kämpferin auf den Barrikaden die Infektion ausgerechnet bei einem familiären Kaffeekränzchen.
Larissa Reissner
Oktober. Aufzeichnungen aus Russland und Afghanistan
Promedia Verlag, 320 Seiten, 27 Euro
Larissa Reissner
Hamburg auf den Barrikaden
Verlag Haag + Herchen, 182 Seiten, 18 Euro
Erhältlich im UZ-Shop









