Dokumentarfilmer interviewen Beteiligte am Völkermord

Mittäter vor der Kamera

Leonie Spet

„Ist das für dich Völkermord?“ „Ja … Aber es macht unglaublich viel Spaß“, gesteht ein Soldat der israelischen Armee IDF im Dokumentarfilm „NAZA“. Seit Anfang Oktober ist er in deutschen Kinos zu sehen. Die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor („No other Land“) thematisieren zusammen mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“ den Genozid in Gaza. 24 Soldaten der IDF und des israelischen Geheimdienstes wurden hierfür in der Hauptstadt Tel Aviv interviewt.

Im Zentrum stehen die beiden KI-Systeme „Lavender“ und „Where is Daddy?“. „Lavender“ versucht, Handys von Hamas-Kämpfern zu identifizieren. Wenn die Handynutzung einem Muster ähnelt, wie es die IDF für Hamas-Kämpfer festgelegt hat, markiert die KI die Person als Ziel. „Das System macht Fehler“, heißt es von einem Mitentwickler. Über 15 Prozent beträgt die Fehlerquote. Dort nicht enthalten ist der Kollateralschaden ziviler Todesopfer oder, wie es die IDF nennt: „Naza“. „Wir sagen 15 Naza und nicht 15 Kinder.“ 20 „Naza“ sei ein Richtwert pro Angriff. Es gab sogar Angriffe mit 500 „Naza“.

„Where is Daddy?“ ist ein KI-gestütztes Abhörsystem. Es entscheidet, wann ein von „Lavender“ identifiziertes Ziel zu Hause ankommt. Daraufhin gibt es die Daten zum Abschuss frei. „Wenn eine 12-Jährige ihrer Mutter schreibt: ‚Papa ist zuhause‘, dann töten wir sie.“

Die Filmaufnahmen sind nachts entstanden, meistens auf Hochhausdächern, über mehrere Monate hinweg. Hinter den Silhouetten der Soldaten scheinen die Lichter Tel Avivs. Dazwischen immer wieder Nahaufnahmen von Wohnungen der israelischen Bevölkerung. Ein Soldat berichtet, er war dabei, als entschieden wurde, ob man die Hamas-Kämpfer bei ihren Treffen oder nachts zu Hause angreift. Die Auswahl fiel auf Letzteres, weil es einfacher ist. „Das Viertel in Gaza-Stadt, wo ich war, sah aus wie Tel Aviv, mit gläsernen schönen Gebäuden. Wir brannten alles nieder“, erzählt ein anderer. Hier wird der Grund für die künstlerische Wahl von Abraham und Szor deutlich. Der Großteil Gazas ist mittlerweile unbewohnbar. Laut der UN wurden in Gaza 92 Prozent der Wohnhäuser zerstört oder beschädigt. Aber wenn wir die Menschen Tel Avivs sehen, wie sie mit ihren Kindern zusammensitzen, wie sie feiern und lachen, bekommen wir ein Gefühl dafür, wie die Menschen Gazas lebten, kurz bevor Sekunden später die Bomben trafen.

Hier wird auch die Verbindung zu früheren Filmen deutlich. Das Team von „NAZA“ wirkte am Holocaust-Film „The Zone of Interest“ mit. Dort wird das Leben des SS-Kommandanten Rudolf Höß gezeigt, der mit seiner Familie direkt neben dem Konzen­trationslager Auschwitz wohnte. Völkermord und Familienleben, getrennt durch eine Mauer mit Stacheldrahtzaun. Auch Abraham und Szor zeichnen dieses Bild in „NAZA“, wenn sie erklären, dass Tel Aviv und Gaza 60 Kilometer auseinanderliegen, sich eine Küste teilen. Völkermord und Lebensfreude, durch ein paar Dutzend Kilometer getrennt.

Die Stärke von „NAZA“ liegt in der Erzählung israelischer Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter. Abraham und Szor zerren die Mittäter auf die Leinwand und vermenschlichen die Tat. Es ist der Arbeiter, der das KI-System baut. Der Soldat, der die Drohne steuert. Oder der Geheimdienstler, der die Telefone abhört. Nach 76 Minuten wiegt die Abschlussaussage schwer: „Wenn ich auf das System nicht vertraue, bricht alles zusammen. Also vertraue ich.“ Und doch lassen Abraham und Szor die Zuschauer mit der Frage alleine, wie und warum Menschen solche Gräueltaten begehen können. Dabei bezieht sich diese Frage nicht nur auf Israel.

Seit Oktober 2023 wurden über 75.000 Palästinenser getötet. In der ersten Woche nach dem deutschen Kinostart haben die IDF mindestens 19 Palästinenser ermordet, darunter drei Kinder. Währenddessen genehmigte die Bundesregierung im ersten Halbjahr 2026 Waffenlieferungen im Wert von 800 Millionen Euro nach Israel – vier Mal höher als ganz 2025. Währenddessen werden Antizionismus und Antisemitismus bei der Berliner Wahl gleich- und als Kampfmittel eingesetzt. Währenddessen einigen sich die Führungen der Parteien „Die Linke“, SPD und „Die Grünen“ auf eine Stärkung der Polizei und des Verfassungsschutzes zum Kampf gegen Antisemitismus. Währenddessen bringt die Polizei eine Reporterin der Tageszeitung „junge Welt“ bei einer Berliner Pro-Palästina-Demo zu Boden, mit den Worten „Sie haben hier keine Pressefreiheit.“

Es sind Taten der deutschen Regierung, die den Genozid in Gaza ermöglichen. Manche Menschen werden dagegen laut, zu viele bleiben Zuschauer. Der Film endet in schwarzer Stille. Niemand steht auf. Wir bleiben sitzen. Schweigend.

NAZA
Regie: Yuval Abraham und Rachel Szor
Im Kino

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"Mittäter vor der Kamera", UZ vom 23. Oktober 2026



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