Christian Freis Anklage „Blame“ jetzt im Kino

Aufklärung oder „Truth Social“?

Warum ist jemand noch am Leben, der durch ein Laborleck in China Millionen Menschen umgebracht hat mit dem Covid 19-Virus? … Wir werden diese Monster entlarven, wir finden sie, und dann werden wir sie hängen.“ Der Hass verschlägt Alex Jones die Stimme, wenn der populäre US-Hetzer in seiner Sendung „Info Wars“ unter großem Beifall seine Zuschauer zum Lynchmord an Dr. Peter Daszak und seinem Team aufruft. Auch Robert F. Kennedy Jr., der Bestsellerautor und Gesundheitsminister im Trumps aktuellem Kabinett, ist wie der US-Präsident selber ein Verfechter der „Laborleck-Theorie“, nach der Daszak & Co. das tödliche Covid 19-Virus aus einem Labor im chinesischen Wuhan in die Welt freigesetzt haben. Eine Darstellung, die noch heute etwa 60 Prozent der befragten US-Bürger für richtig halten, bestärkt durch eine massive, bestens finanzierte Kampagne der Ultrarechten.

Für den Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei (für „War Photographer“ 2001 oder „Space Tourists“ 2009 vielfach ausgezeichnet) sind Daszak und seine Freunde, Dr. Wang Linfa aus Singapur und die Virologin Dr. Shi Zhengli aus Wuhan, Opfer des Trump-Regimes und Propheten vor ihrer Zeit: Sie haben mit ihrer jahrelangen Forschungs- und Publikationstätigkeit den Anspruch der Wissenschaft behauptet und eine bestimmte Fledermausart als Überträger des Virus identifiziert. In seinem zweistündigen neuen Film „Blame“ (deutsch: Schuld) erzählt Frei erklärtermaßen aus dem Blick seiner drei Helden, die sich wehren gegen den globalen Trend, gesicherte Erkenntnisse zu ignorieren zugunsten von durchsichtigen Profit- und Machtinteressen.

Im Fokus der jahrelangen ultrarechten und leider erfolgreichen Hetzkampagne steht die von Daszak geleitete NGO Eco Health Alliance. Trump beschimpfte sie zuerst als „verrückte Wissenschaftler“, bezichtigte sie, durch ihren „Labor-Leak“ gezielt die Covid-19-Pandemie ausgelöst zu haben, und ließ ihnen 2025 jede staatliche Förderung streichen. Eine starke Stimme der Vernunft war mundtot gemacht. Freis Film verhehlt keineswegs, wem seine Sympathien gehören; Interviews mit der „Gegenseite“ sucht man vergebens. In „Das stille Labor“ stellt er sich bewusst einem denkbaren Vorwurf der Einseitigkeit. Er holt zwei „Fakten-Checker“ in sein Team, stellt aber selbst die Zusammenhänge her und kommentiert sie sarkastisch: „Die Lüge der Laborleck-Theorie ist die gleiche wie die über die gestohlene Wahl 2021.“

Von der „Ära der Pandemien“ spricht sein erstes Kapitel, doch erst in „Kassandras Fluch“ tritt sein „Zielobjekt“ Trump persönlich auf. Auf seine bekannt naive und dreiste Art verkündet der 2020 ohne jeden Beweis: „Das Virus kommt aus China“. Da wäre ein geopolitischer Hinweis auf Trumps aktuellen Weltherrschaftsanspruch angebracht gewesen. Aber Freis letzter Drehtag war im Mai 2024, lange vor Trumps zweiter Präsidentschaft. Seither hat Trump durch selbstherrliche Fehlentscheidungen (zuletzt den vom Zaun gebrochenen Iran-Krieg) auch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit verloren – und mit der geschrumpften Super-Größe seiner Zielperson verliert Freis Film etwas von seinem polemischen Anfangston, ja, er wird zum Schattenboxen, zum vorschnellen, aber verspäteten Nachruf.

Doch – so viel dürfen wir den Rolltiteln am Schluss entnehmen – Verstand und Rationalität sind noch nicht ganz verloren. Die unermüdliche Shi Zhengli ist in China rehabilitiert, hat eine weitere Fledermausart als potentiellen Pandemie-Überträger identifiziert und warnt vor noch ärgeren Pandemien als Covid-19. Mit Freis Team besuchen wir in Thailand das Naturvolk der Karen, die sich traditionell mit Geisterbeschwörungen gegen Pandemien wehren, inzwischen aber auch impfen lassen. An Peter Daszaks Verzweiflung wegen der nächtlichen Drohanrufe nehmen wir Anteil in meditativen Momenten, die aber dem Ökosoziologen Kraft geben für seine weitere Arbeit. Am Ende aber bleibt das Bedauern, dass „Blame“ über Kritik an den handelnden Personen kaum hinausgeht. Um keines seiner Argumente in seinem logischen Plädoyer auszulassen, erstickt er seine Botschaft im Übermaß der Rechercheergebnisse; eine Konzentration auf gewichtigere, vielleicht sogar systemische Fragen hätte dem Film gut getan.

Blame
Regie: Christian Frei
Unter anderem mit Peter Daszak, Shi Zengli und Wang Linfa
Im Kino

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"Aufklärung oder „Truth Social“?", UZ vom 17. April 2026



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