Ursula Vogts Referat enthält vieles Bedenkenswerte und manche Passagen, zu denen man wirklich noch weiterdenken müsste. Ich denke vor allem an das Verhältnis der zunächst ethnisch-kulturellen Einheit Nation und der politischen Einheit Staat, das genauer zu fassen ist. Diese beiden Einheiten sind ja fast nirgends auf der Welt deckungsgleich – auch nicht mehr im Einwanderungsland Deutschland. Der politische Kampfraum der Arbeiterklasse dürfte nicht die Nation sein, sondern der Staat.
Zu Recht betont Vogt die „gefühlsmäßige Bindung an das Stück Erde, auf dem man lebt“, und deren politische Bedeutung. Ob aber ein Küstenbewohner gefühlsmäßig ans Allgäu gebunden ist? Oder auch nur ein Berliner aus Lichtenberg an den weit westlichen Stadtteil Zehlendorf? Offenkundig ist dieses Stück Erde kleiner als die Nation. Hier wäre als weiterer Begriff die „Heimat“ einzubeziehen. Die Debatte, ob die Linke Wort und Sache aus einem muffig-volkstümelnden Zusammenhang lösen und für eigene Zwecke einsetzen kann, ist ja gleichfalls nicht neu.
Nicht im Referat enthalten, aber in einem Kästlein hinzugefügt sind zwei Definitionen von „Nation“, die sehr von ihrer Entstehungszeit geprägt sind. Sie enthalten Merkmale, mit denen wir aus meiner Sicht nicht operieren sollten. Das gilt vor allem für die „psychische Wesensart“ – damit kämen wir in die Nähe einer sehr fragwürdigen Völkerpsychologie. Problematisch ist auch der Bezug auf „Sitten, Gebräuche, Traditionen“. Wenn das einen operativen Sinn haben soll, muss man konkretisieren, mit welchen Gebräuchen jemand zur Nation gehört. Und wenn man es konkretisiert, gerät man in einem Einwanderungsland in Gefahr, die Arbeiterklasse zu spalten.


