Zum Tod von Joseph Ratzinger

Nicht mehr Papst

Der reaktionäre Kirchenfürst Joseph Ratzinger, besser bekannt als Papst Benedikt XVI., ist endlich tot. In Rom stehen die Menschen stundenlang an, um den greisen Leichnam zu verabschieden. Deutsche Medien sind voll mit Nachrufen auf den ersten deutschen Papst seit 500 Jahren. Das alles, obwohl auch 2022 wieder ein Rekordjahr an Austritten aus der katholischen Kirche war.

Was fehlt in der Berichterstattung ist eine politische Einordnung. Wir liefern sie hier mit einem Abdruck des Nachwortes von Hans Heinz Holz aus dem Buch: „Papst ohne Heiligenschein? Joseph Ratzinger in seiner Zeit und Geschichte“ von Richard Corell und Ronald Koch, Zambon Verlag, 2006. Holz zeichnet darin Ratzingers politisches Wirken in der Kirchenhierarchie nach und zeigt sein reaktionäres Programm auf.

Hans Heinz Holz: Der Name der Rose

Weißer Rauch steigt auf aus dem Konklave: Papam habemus – wir haben einen Papst. Wer ist es wohl? Der oberbayerische Dorfbub und Hitlerjunge Joseph Ratzinger. Als wäre es eine Fußballweltmeisterschaft brechen die deutschen Chauvinisten in lächerliche Jubelrufe aus: „Wir sind Papst!“

Lächerlich ? Wirklich ? Es war ja schon der deutsche Episkopat unter Anführung Ratzingers, der 1978 den theologisch unbedarften Solidarnocz-Förderer Karol Wojtila auf den Heiligen Stuhl hievte. Ein anti-kommunistischer polnischer Papst – das passte in die Strategie der US-amerikanischen roll-backpolicy und genauso in die traditionelle deutsch-imperialistische Ostpolitik. Wojtila war der rechte Mann für jene Mischung bigotter Volkstümelei autoritärer Kirchenadministration und reformfeindlicher Personalpolitik, mit der dieser Kurs zementiert wurde. Man muss nicht denken, dass Wojtila der Kopf hinter diesem Konzept war. Joseph Ratzinger, der Kardinal, der seit 1981 der Kongregation für die Glaubenslehre, der alten Inquisitionsbehörde, vorstand, zog die Fäden.

Die Kongregation – das ist heute natürlich nicht mehr die mittelalterliche Inquisition mit Folterkammern und Scheiterhaufen, aber sie handelt doch aus dem gleichen Geiste. André Gide gab seinem Roman, der die neuzeitliche Praxis zum Thema hat, den Titel „Die Verließe des Vatikans“. Richtiger müsste man heute sagen: „Die Beteiligungen des Vatikans“ – dieses größten transnationalen Konzerns des Kapitalismus. Kriminell geht es da allemal zu, wie der Skandal um den Banco Ambrosiano zeigte. Der steckbrieflich gesuchte Finanzverwalter des Vatikans, Erzbischof Marcinkus, taucht spurlos im Hoheitsgebiet der Città del Vaticano unter, sein weltlicher Komplize, der Bankier Calvi, wird erhängt unter einem Londoner Brückenbogen gefunden. Ein Dreigroschenoper-Szenario: „An ‚nem schönen blauen Sonntag liegt ein toter Mann am Strand. Und ein Mensch geht um die Ecke, den man Mackie Messer nennt“

Da wird nun 2005, nach dem Tode Wojtilas, der schon lange nicht mehr handlungsfähig war, der 78jährige Marionetten-Regisseur präsentiert. Die graue Eminenz tritt aus dem Schatten. Nach der Seelenmassage durch den leutseligen Dorfpriester kommt der verschmitzte Intellektuelle, freundlich bereit zur Diskussion selbst mit Küng und Habermas (die ihm prompt auf den Leim gehen), und unnachgiebig hart in der Sache reaktionärer Kirchenpolitik. Auch hier ist er für eine sophistische Überraschung gut. Wie nennt er sich als Heiliger Vater? Benedikt XVI.

Zum zweiten Mal in einem halben Jahrhundert ein Papstname, der aus der Vergangenheit mit einem Makel behaftet ist! Immerhin wählen Päpste, wie man weiß, ihre Namen als Programm. Der Hinweis auf die Vorgänger, an die sie anknüpfen, ist eine Art Regierungserklärung. Von Johannes XXIII. Zu Benedikt XVI. – das ist ein kirchenpolitischer Wegweiser.

Erinnern wir uns: Am 9. Oktober starb Pius XII (Pacelli), der religions-politisch reaktionärste Papst des 20. Jahrhunderts, der weltpolitisch von der Idee des Kreuzzugs gegen den Kommunismus besessen war. Auf der Höhe seines Wirkens hatte er die Auffassung verkündet, die Menschen möchten lieber in einem Atomkrieg zugrunde gehen und ihre Seele retten, als dem Kommunismus an heim fallen. Sein Rigorismus stürzte die Kirche in eine tiefe Krise. Bewegungen, die von der Amtskirche als häretisch betrachtet wurden, breiteten sich aus: Christliche Friedenkämpfer, Arbeiterpriester, später die Befreiungstheologie. Wie sollte es nach dem Pacelli-Papst, nach der Verzahnung von Kirche und Faschismus (in Hitler-Deutschland, wo der Freiburger Erzbischof Gröber den Segen des Herrn für den Führer erfleht hatte, in Franco-Spanien, in Ungarn, in Kroatien!) weitergehen?

Überraschend wurde am 28. Oktober 1958 ein Außenseiter, der Patriarch von Venedig, Giuseppe Roncalli, zum neuen Papst gewählt – ein populärer Seelsorger, im diplomatischen Dienst der Kirche erfahren und zugleich ein gelehrter Kirchenhistoriker. Er nannte sich Johannes XXIII.

Ein Skandalon! Der Name war 500 Jahre lang tabu. Es gab schon ein-mal einen Johannes XXIII, von 1410 – 1415, der wegen Lasterhaftigkeit vom Konzil zu Konstanz seines Amtes enthoben wurde. Die Erinnerung an ihn als einen unheiligen Gegenpapst ist aus der kirchlichen Überlieferung getilgt, er gilt nicht in der Reihe der Ordinalzahlen, da-rum konnte Roncalli seinen Namen übernehmen, als habe es ihn nicht gegeben. Aber warum entschied er sich für den verfemten Namen?

Wir müssen weit zurückgreifen. 1277 erließ der Bischof von Paris, Stephan Tempier, auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes ein Verdammungsdekret gegen philosophische Lehren, die als häretisch erklärt wurden. Es richtete sich gegen den Einfluss des Aristoteles, Avicenna, Averroes, an denen sich eine aufkommende weltliche Wissenschaft orientierte. Zu den verurteilten Thesen gehörten wichtige Lehrsätze aus den Schriften eines jungen Dominikaner-Dozenten der Pariser Universität. Der hatte in drei Traktaten über das Sein und das Wesen, über die Natur der Materie und über die Prinzipien der Natur (modern gesprochen) die Theologie in Ontologie transformiert, die Materialität der Welt festgehalten und die Natur aus ihren Bewegungsformen erklärt. So wollte er den Glauben mit der Philosophie kompatibel machen, Sein radikalerer Kampfgefährte, Siger von Brabant, von dem er sich später getrennt hatte, wurde 1284 von seinem Sekretär, vermutlich im Auftrage des Papstes, erstochen. Von der Universität abberufen, schlug jener junge Kleriker in seinen weiteren Schriften einen moderneren Kurs ein. Dieser inkriminierte Denker von 1277 war Thomas von Aquino. Ein Vierteljahrhundert danach wurde er 1323 heiliggesprochen. Als doctor angelicus ist er bis heute das weltanschauliche Rückgrat der katholischen Glaubenslehre. Seine Kanonisierung erlaubte es, den Modernisierungsschock des 13. Jahrhunderts aufzufangen und wieder in konservative Bahnen zurückzulenken. Der ihn heiligsprach, war Papst Johannes XXII.

Jetzt wird die Namenswahl von 1958 verständlich. Nicht um den Sündenpapst von 1410, senden um den Ideologiepolitiker von 1323 ging es. Durch Zugeständnisse an Reformbedürfnisse eine Krise zu überwinden und die Grundlagen des Systems zu stabilisieren, das war das Programm des dreiundzwanzigsten Johannes wie das des zweiundzwanzigsten. Roncalli wurde der Konzilpapst, der den Boden dafür bereitete, dass sein Nachfolger, Paul VI, die alten Strukturen neu festigen konnte. Das war die langfristige Funktion des Konzils, nicht die „Fortschritte“, die schnell wieder eingedämmt wurden. Die katholische Kirche kann sich System erhaltende Reformen leisten, aber sie widersteht jeder grundsätzlichen Veränderung ihrer Herrschaftsform. Das war schon so, als die Waldenser ausgerottet, als der Franziskaner-Orden gezähmt, als Johannes Hus verbrannt wurden. Das traf die Reformatoren von Wiclif bis Luther, die Arbeiterpriester in Frankreich in den fünfziger Jahren, die südamerikanische Befreiungstheologie. Wer hofft, ein Papst könne „fortschrittlich“ sein, täuscht sich über die Verfassung der Institution Kirche.

Bis heute herrscht unter Reformtheologen, sowohl katholischen wie protestantischen, ein Missverständnis über die Rolle Roncallis und des 2. vatikanischen Konzils. Es gab während der ganzen Kirchengeschichte Anpassungen an sich wandelnde Zeitumstände, aber sie wurden immer in der Absicht vorgenommen, sie baldmöglichst wieder in die überkommenen Bahnen zurückzulenken. Auf die Erschütterungen im 13. Jahrhundert, die Johannes XXII. Auszubalancieren versuchte, folgte die Kurienreform, die eine Zentralisierung und Stärkung der Kirchen-hierarchie zum Ziele hatte. Und die oppositionellen Franziskaner, William von Occam und Marsilius von Padua, die an den Hof des Kaisers geflüchtet waren, wurden damals so wirkungslos gemacht wie heute Leonardo Boff und Bischof Helder Camara. Der Papstname Johannes XIII. Bedeutete nicht nur das Reformprogramm des Konzils, sondern auch die Perspektiven der darauf folgenden Reaktion.

Wer meint, hier handele es sich um weltferne gelehrte Mutmaßungen, wird widerlegt durch den Nachfolger des Konzilspapst, den Mailänder Kardinal-Erzbischof Montini – zuvor enger Berater von Pius XII. Auch er wählte einen seit langem ungebräuchlichen Namen: Paul VI. Der vierte Paul (1555 – 1559) hatte als erster den Index verbotener Bücher eingerichtet, wehrte sich gegen den Augsburger Religionsfrieden und verschärfte das Inquisitionsregime. Der fünfte Paul (1605 – 1621) setzte die antimodernistische Linie fort, hielt am Herrschaftsanspruch der mittelalterlichen Papstkirche fest und geriet daher in Konflikt mit den neu-en Nationalstaaten Frankreich und England; unter ihm erfolgte die erste Verurteilung Galileis. Paul VI.: Nach dem trügerischen Schein des „Reformpapstes“ Johannes vollzog er mit seiner Namenswahl die offene Deklaration der Rückwendung zur reaktionären Disziplinierung.

Und nun Benedikt. Wieder ein Name, den niemand erwarten mochte. Woran knüpft Joseph Ratzinger an? Er war der Kardinal, der Wojtila als Papst durchsetzte und die deutsche Ostpolitik mit der expansiven Mission der römischen Kirche im Bereich des orthodoxen Ostchristentums verknüpfte. Als Präfekt der Glaubenskongregation stand er hinter den kirchen- und religionspolitischen Entscheiden und Verlautbarungen von Johannes Paul II, eine graue Eminenz im Vatikan.

Die KAZ hat in ihrer Juni-Nummer eine ausführliche Hintergrundanalyse der Herkunftslinien Ratzingers vorgenommen. Sein Aufstieg vollzog sich unter dem mit den Nazis verquickten Münchner Kardinal Faulhaber und also in der Tradition der Pacelli-Nuntiatur, das heißt des späteren Papstes Pius XII. Ratzinger bereitete die Seligsprechung des letzten Habsburger-Kaisers Karl durch Wojtila vor, jetzt plant, er die außerordentliche Heiligsprechung von Wojtila. Unter Umgehung des kirchenrechtlichen Verfahrens. All dies, so folgert die KAZ, führe zurück auf Benedikt XV. Und charakterisiere die Namenswahl.

Wer war Benedikt XV? Zu Beginn des 1.Weltkriegs gewählt, amtierte er bis 1922. Eine halbherzige Friedensinitiative 1915 blieb unbeachtet, eine zweite 1917, die aus Sorge um die Sicherung der katholischen Einflussgebiete in Osteuropa, insbesondere Polen und Österreich-Ungarns hervorging, scheiterte am Widerstand der Großmächte. Benedikt XV. War ein glückloser Politiker, ein bedeutungsloser Kirchenfürst. Keine Vorbild-Figur, sollte man meinen, auf die hinein zielstrebiger und erfolgreicher Stratege wie Ratzinger sich orientieren würde. Dass Benedikt XV. In die Vorgeschichte des Klerikalfaschismus gehört – von Ungarns Horthy bis zu Spaniens Franco -, reicht für eine solche Namens-wahl nicht aus, um Ratzingers Programmatik zu kennzeichnen; auch wenn dieser stets ein Förderer des Opus Dei war und sich also in diese Linie einreiht. Das wäre doch eher zu tarnen als offen zu legen. So ist das Material der KAZ aufschlussreich, beleuchtet aber im Wesentlichen den Gegenwartsaspekt. Dahinter gibt es noch eine zweite Bedeutungsschicht, aus der der Name Benedikt aufsteigt.

Gehen wir also weiter zurück! Benedikt XIV. Ist wohl kaum ein Programm-Name, der infrage käme. Ein Papst der Aufklärung, tolerant gegen die sonst verfolgten Jansenisten, kritisch gegenüber den Jesuiten, die damals die Träger einer aggressiven katholischen Politik waren und zumeist die Beichtväter der Könige und Fürsten stellten. Benedikt XIV. Wurde von dem religiös indifferenten protestantischen Preußenkönig Friedrich II. Geschätzt, eben wegen seiner aufgeschlossenen Haltung gegenüber der Aufklärung. Das ist kein Vorgänger für Ratzinger, der wörtlich erklärte: „Für den christlichen Glauben ist der Teufel eine mysteriöse, aber reale, personale und nicht symbolische Erscheinung“ Wer solche Sätze sagt und schreibt, der wendet sich nicht zurück zum modern-rationalen Theologieprofessor, der er einmal in jungen Jahren war; dem geht es eher um Kirchenpolitik, die sich in Ländern festigen will, in denen unter den Christen noch animistische und dämonistische Vorstellungen verbreitet sind, wenn schon der Einfluss der Kirche in den modernen Industriestaaten zurückgeht.

Gewiss war Ratzinger flexibel genug, sich mit dem Diskurs-Philosophen Jürgen Habermas auf eine Diskussion einzulassen. Allerdings blieben beider Vernunft-Begriffe doch weit, voneinander entfernt. Die Kirche hat eh und je die Wahrheit nicht durch menschliches prüfendes Denken, sondern durch Unterwerfung unter ein göttlich legitimiertes Wort – sei es die Offenbarung oder die Unfehlbarkeit päpstlicher Verkündigungen – erwiesen. Die verzweifelten Philosophen des 13. Jahrhunderts flüchteten sich in das Paradox der doppelten Wahrheit, die wissenschaftliche Richtigkeit und Offenbarungsglauben einander widersprechend zugleich nebeneinander gelten lässt. Das ist aber ein weder philosophisch noch theologisch akzeptabler Ausweg.

So leicht, wie bei Johannes XXII scheint es nicht, den Code Benedikts zu entschlüsseln. Den ersten sechs Trägern dieses Namens war nur eine extrem kurze Amtsdauer beschieden. Sie starben innert eins bis vier Jahren, was der achtundsiebzigjährige Ratzinger wohl kaum als Omen beschwören möchte. Mit dem sechsten bis elften Benedikt waren jeweils Wirren und Streitigkeiten in der Kirche verbunden, der neunte und zehnte wurden sogar abgesetzt. Wahrlich eine seltsame Ahnengalerie hat sich Joseph Ratzinger ausgesucht!

Doch es kommt noch verwirrender. Die Namen Benedikt XIII. Und XIV., tauchen jeweils gleich zweimal im Papstregister auf. Die einen waren während des großen Schismas nach 1378 zwischen Avignon und Rom die Prätendenten der avignonesischen Partei, weshalb sie in römischer Tradition als illegitime Gegenpäpste gelten. Der andere dreizehnte war „bereits altersschwach, weltfremd und kompromissbereit bis zur Schwäche, Er überließ die Geschäfte weitgehend dem skrupellosen Kardinal Nicola Coscia“ (Lexikon der Päpste).

Nach dieser Schnitzeljagd durch die Papstgeschichte bleibt eine Periode, die wir ausgespart und umkreist haben: die Jahre zwischen 1309 und dem Konzil von Konstanz (1414 – 1418), als zunächst die Päpste in Avignon residierten und nach 1378 durch die Wahl zweier Päpste in Avignon und Rom die Kirche gespalten wurde. In diese Zeit gehören vor dem Schisma Benedikt XII. (1334 -1343) und Benedikt XIII. (1394 – 1417} während des Schismas.

Jetzt rundet sich die Geschichte! Benedikt XII. War der Nachfolger jenes Johannes XXII, dessen Strategie wir bei Roncalli wieder aufgenommen fanden. Und er lenkte die Politik des scheinbaren Ausgleichs mit den Modernisten des 13. Jahrhunderts wieder zurück in die inquisitorische Härte der vorhergehenden Zeit. Unter ihm wurde die Verfolgung der Häretiker und die Unterdrückung von abweichenden Lehrmeinungen verschärft. Er setzte die von Johannes einleitete Kurienreform fort, die den päpstlichen Hofstaat in eine bürokratisierte Verwaltungsmaschinerie verwandelte. Das war die Voraussetzung für eine Zentralisierung der Kirchenleitung, die den globalen Herrschaftsanspruch des Papstes, der zum ersten mal 1302 in der Bulle „Unam Sanctam“ erhoben wurde, durchzusetzen in der Lage sein sollte. Zugleich bedeutete das auch einen erweiterten Zugriff der Kurie auf die Einnahmen der Kirche an ihren lokalen Standorten. Das Papsttum wurde unter ihm zu einer führenden Finanzmacht. Er war zugleich ein intellektueller Theologe und ein politisch rücksichtsloser Autokrat.

Hier, in der Reihe der avignonesischen Päpste von Johannes XXII. Bis zu Benedikt XIII. Finden wir den eigentlichen Anknüpfungspunkt für Joseph Ratzinger, Dass Benedikt XII. Der unmittelbare Nachfolger Johannes XXII. War und dessen machtpolitisches Programm der Stärkung der Kurie weiterführte, ist sozusagen die Vorbildsituation für heute. Ratzinger kann sich als Nachfolger von Roncalli verstehen, wenn er die Funktion des 2. vatikanischen Konzils (1962 – 1965) und die des Konzils von Avignon (1323 – 1326) vergleicht. Genau das bedeutet aber, dass die Erwartungen, die in den Geist des 2. Vaticanum gesetzt wurden, sich als trügerisch erweisen und letzte noch bestehende Illusionen ökumenischer Idealisten zerstieben.

Ratzinger galt in den sechziger Jahren als ein Theologe, der den Reformbestrebungen des Konzils gemäßigt positiv gegenüberstand. Sein Biograph John L. Allen, als Korrespondent des amerikanischen „National Catholic Reporter“ beim Vatikan ein Intimkenner der römischen Szene, spricht von einer Veränderung, die sich in Ratzinger später voll-zogen habe, und führt dafür Äußerungen an, die dieser auf dem Konzil oder im Konzilskommentar des liberalen Theologen Vorgrimler getan habe. Hier liegt, glaube ich, ein Missverständnis vor.

Als Präfekt der Glaubenskongregation wie heute als Papst hat Ratzinger stets die Gehorsamspflicht des katholischen Geistlichen gegenüber den kirchlichen Oberen und in letzter Instanz gegenüber dem Papst in den Mittelpunkt der Glaubensfestigkeit gestellt. Als junger (damals fünfunddreißigjähriger) Berater des Erzbischofs von Köln, Kardinal Frings, war es für ihn selbstverständlich, offiziell die vom Konzil eingeschlagene Linie zu vertreten; ob er innerlich davon abwich, durfte er nach seinem eigenen Selbstverständnis nicht kundtun. Seine öffentlichen Äußerungen sind durch die Gehorsamspflicht bestimmt und kein sicheres Zeugnis für seine eigene Einstellung.

Wohl aber kann man schon während der Konzilsberatungen da, wo er an der Ausarbeitung von Dokumenten mitwirkte, eine Tendenz zu rigorosem Konservativismus bemerken. Im Missions-Schema setzte er sich für eine expansive, aggressive Einwirkung in fremde Religions- und Kulturbereiche ein. In der Erklärung zur Religionsfreiheit sorgte er dafür, dass diese nur als eine politische Garantie gegen staatlichen Zwang zu verstehen sei (was ja an vielen Orten auch der katholischen Kirche zugutekommt), nicht aber den institutionellen Anspruch der katholischen Kirche berühre“ der einzige Weg zur Erlösung zu sein. Das deckt sich mit der fast dreißig Jahre später autoritativ getroffenen Feststellung vor der asiatischen Bischofskonferenz in Hongkong 1993: Die wirkliche Armut der Menschen sei die Dunkelheit über die Wahrheit, und die eine und einzige Wahrheit bestehe im Glauben an die Unverrückbarkeit der christlichen Offenbarung. In Asien werden sich Hunderte von Millionen hungernder Armer gefragt haben, wie das offenbarte Wort sie wohl satt machen werde; und Leonardo Boff, der Befreiungstheologe, ist ihnen näher, wenn er sagt, dass Jesus sich nicht nur um das geistliche“ sondern auch um das leibliche Wohl der Menschen gesorgt habe. Boff aber ist für Ratzinger der Erzfeind, der er seit dreißig Jahren mit den Mitteln der Lehrautorität und der Kirchendisziplin bekämpft hat.

Ratzingers Wirken als Präfekt der Glaubenskongregation, als der Steuermann hinter Wojtila, der schon seit langem den Kurs des Vatikan bestimmt, ist bekannt. Er ist der Eiferer gegen selbständig denkende Köpfe, ob sie freimütige Theologieprofessoren, sozial engagierte Bischöfe oder der General des Jesuitenordens sind. Im äußeren Umgang liebenswürdig und konziliant, ist er in Sachentscheidungen hart und unerbittlich. Ihm eignen (anders als dem eher einfältigen Wojtila) theoretische Konsequenz und Scharfsinn; doch steht seine Gelehrsamkeit im Dienste eines Machtstrebens, das Religion in Politik umsetzt. Dazu bedarf es einer disziplinierten Organisation, und auf die Organisationsdisziplin der katholischen Gemeinschaft der Gläubigen achtet Ratzinger penibel. Sein joviales Auftreten täuscht; ein Velasquez würde den Großinquisitor anders gemalt haben, als ihn die Fernsehkameras präsentieren.

Das Verwirrspiel mit dem Namen Benedikt lichtet sich. Vor 700 Jahren gab es eine kirchengeschichtliche Ausnahmesituation. Die Kaisermacht, die neben und zeitweilig über der Macht des Papstes stand, war nach dem Tod des Stauffers Friedrich II. 1250 zusammengebrochen. Die sich neu formierenden Nationalstaaten, allen voran Frankreich, hatten sich noch nicht konsolidiert. Die Feudalgesellschaft war im Umbruch. Die Städte wurden zu Zentren der frühkapitalistischen Produktion und des Reichtums des Handelskapitals. Die Neuordnung der Lebensverhältnisse war erst in Gärung. Der „Herbst des Mittelalters“ (Huizinga) wer angebrochen.

In diesem Augenblick nutzten die Päpste die Gelegenheit zum Macht-zuwachs der Kirche. Ihre Modernität war die zentrale Leitungsstruktur, die sie der Kirche gaben, und die Fiskal Verwaltung – der Griff nach Macht und Geld. Ihr Traditionalismus war das Festhalten an einer religiös legitimierten Herrschaftsideologie, die sich auch absurder Irrationalismen bediente, Ratzingers Wort von der personalen Gestalt des Teufels hätte auch damals gesprochen sein können.

Es waren die Päpste Johannes XXII. Und Benedikt XII. Und XIII., die diesen machtpolitischen Schritt der Kirche in die frühe Neuzeit unter dem Vorzeichen eines strengen Konservativismus vollzogen. Sie waren starke, zielstrebige Kirchenfürsten, auf die sich Spätere gerne berufen mögen. Doch die Sukzession ihrer Namen ist durch die Entgleisungen ihrer Nachfolger unterbrochen und belastet. Dass sie in der weltgeschichtlichen Krise der Gegenwart erneuert werden, hat Signalcharakter. Johannes bedeutet: die Abkehr von der Kirche muss aufgefangen werden. Benedikt heißt: die Restauration setzt sich durch. Wie schließt Umberto Eco seinen Roman, der am Vorabend des Konzils zu Avignon spielt? „Die Rose von einst besteht nur noch in ihrem Namen, uns bleiben nichts als Namen“, Johannes, Benedikt, wiederkehrend.



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