In den letzten Wochen wurde in den „Performance-Dialogen“ der Deutschen Post eine neue Zahl präsentiert: die Produktivität. Die „Performance-Dialoge“ heißen regional unterschiedlich und werden auch als „Morgen-Info“ oder „Team-Minute“ bezeichnet. Kolleginnen und Kollegen nennen sie abfällig die „Morgenandacht“.
Die neue Zahl, die Auskunft über die „Produktivität“ geben soll, berechnen die Post-Oberen so: Die (vermutete) Zahl der Sendungen wird einfach durch die Zahl der anwesenden Zustellerinnen und Zusteller geteilt. Auf dieser Grundlage wird dann geplant.
Es ist ein Blick in die Glaskugel. Zwar kann die Post die Zahl der Sendungen kennen, die sie zur Mengensteuerung zurückhält und deren Verteildatum bekannt ist. Aber alles andere, Rückstände in den Zustellstützpunkten (ZSP) miteingeschlossen, wird nicht in die Berechnung einbezogen.
Dieses Glaskugel-Ergebnis wird dann durch eine weitere Wahrsagerei verfälscht: Die Zahl der einzusetzenden Beschäftigten ist in einem hart auf Kante genähten System kaum zu ermitteln. Krankmeldungen können nicht vorhergesagt, geschweige denn auf die Person genau berechnet werden. Und obwohl die Zahl der Abrufkräfte massiv gesteigert wurde, haben die Kolleginnen und Kollegen Anspruch auf die Zuteilung von Arbeit. Heraus kommt Nonsens in Prozent.
Aber der hat einen ernsthaften Hintergrund: Die Post hat die Zahl der Leiterinnen und Leiter in den Zustellteams (meistens eine Postleitzahl) zusammengespart. Ebenfalls zusammengespart wurden die Zustellstützpunkte mit Leitungsfunktion (ZSPL), in denen die Post kürzlich die Auslieferung von Briefen und Paketen zusammengelegt hat.
Das mittlere Leitungspersonal in den ZSPL ist meist nicht in der Gewerkschaft organisiert, ängstlich und wird vom Kapital hart unter Druck gesetzt. Auf der anderen Seite bekommt es Druck von unten, von den Arbeiterinnen und Arbeitern. Tagtäglich geht es um den Konflikt, wie viel Personal eingesetzt wird. Dafür hat das Leitungspersonal nun eine „Argumentationsgrundlage“, so dürftig diese auch ist. Die „Produktivität“ hat ernsthafte Folgen: Sie beeinflusst Beförderungen oder Abstufungen sowie Bonus-Zahlungen für die Standortleitung, Bemessung, Qualitätsmanagement und Personaldisponenten in den ZSPL.
Für die Zustellerinnen und Zusteller ist die Zahl irrelevant: Wenn jemand erkrankt ist, dann sinkt die Zahl der eingesetzten Beschäftigten und die „Produktivität“ steigt. Das ist auch der Fall, wenn der Bezirk „liegen bleibt“, also nichts zugestellt wird, oder wenn der Bezirk „flexibilisiert“ wird, also die Kolleginnen und Kollegen eines Teams diesen unter sich aufteilen und dadurch die Zustellung in ihren ei-genen Bezirken am Ende des Arbeitstages abbrechen müssen. Fazit: Nicht zugestellte Post kann die „Produktivität“ erhöhen.
Es spielt auch keine Rolle, ob die Zustellerinnen und Zusteller ihre Bezirke kennen, ob sie Zustellfehler machen, ob Zeitungen richtig und pünktlich ankommen, ob Anwälte, Ärzte und kleine Selbstständige ihre Kundenpost richtig und vertraulich erhalten und so weiter – kurz gesagt: Qualität spielt keine Rolle.
Etwas ist aber doch zu lernen aus diesen „Performance“-Zahlen: Im Kapitalismus hat die Ware – auch die Dienstleistung Zustellung ist eine solche – zwei Seiten: den Gebrauchswert und den Tauschwert. Sowohl Kundinnen und Kunden als auch Arbeiterinnen und Arbeiter interessiert der Gebrauchswert. Das Kapital aber schaut immer auf den Tauschwert, der sogar über dem Preis, zu Monopolpreisen und für Monopolprofit realisiert werden kann. Die Post ist ein solches Monopol. Sie kann berechnen, dass die „Produktivität“ auch dann steigt, wenn die Ware – in diesem Fall die Zustellung – zwar bezahlt ist, die Leistung aber nicht erbracht wird. Dieses Ausruhen auf dem Monopolprofit nennt Lenin Parasitismus und Fäulnis.









