Der Tönnies-Konzern setzt die Treuhand-Verbrechen fort und schließt eine Wurstfabrik

Ostdeutschland plattmachen

Kolumne

Mehrere hundert Menschen nahmen am 14. Februar in der 2.000-Einwohner-Gemeinde Britz bei Eberswalde im Land Brandenburg an einer „Trauerfeier“ teil, zu der die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) aufgerufen hatte. Sie protestiert gegen die für Ende Februar angekündigte Schließung der EWN Wurstspezialitäten GmbH & Co. KG durch den Fleischmilliardär Clemens Tönnies. Rund 500 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze. Sie wurden darüber am 6. Januar informiert. Die NGG fordert für sie höhere Abfindungen.

Das in Kooperation mit der Westberliner Firma Consult gebaute VEB Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde wurde Ende 1976 eröffnet und war mit rund 3.000 Beschäftigten in den 80er Jahren eine der größten Fleischfabriken Europas. Auf dem 65 Hektar großen Gelände befanden sich eine eigene Poliklinik, ein Friseur, eine Gaststätte, eine Gärtnerei, eine Bibliothek und eine Sparkasse, 60 Prozent der Beschäftigten waren Frauen. Die Arbeitsbedingungen galten als gut, Produkte wie Salami und Eberswalder Würstchen waren in der gesamten DDR beliebt.

Arnold Schoelzel 1 - Ostdeutschland plattmachen - EWN Wurstspezialitäten, NGG, Tönnies - Positionen
Arnold Schölzel

Nach 1990 veruntreute die Treuhand das Werk in gewohnter Weise. Wie viel die dänische Plumrose-Gruppe (Böklunder) 1991 für den Erwerb auf den Tisch legte, ist nicht bekannt. Sie verscherbelte das Werk 1997 an den bayerischen Fleischunternehmer Gerhard Thien, der 2000 bei noch 600 Beschäftigten Insolvenz anmeldete. 2002 übertrug der Insolvenzverwalter den Geschäftsbetrieb mit 300 Mitarbeitern an zwei neu gegründete Gesellschaften, die zunächst erfolgreich wirtschafteten. Dann kam Tönnies: Die ihm gehörende Zur‑Mühlen‑Gruppe übernahm und gründete den Betrieb 2023 juristisch neu. Das erlaubte es nach dem kapitalgesteuerten deutschen Gesellschaftsrecht, das bei Arbeitsgerichtsverfahren stets die Arbeiterschutzrechte schlägt, Mindestlöhne zu zahlen und vier Jahre lang keinen Sozialplan aufzustellen. In den Medien und auch von Gewerkschaften wird dies als „Lücke“ im Gesetz bezeichnet, obwohl es um den juristischen Ausdruck von Klassenverhältnissen geht, um Macht.

Der Rest ist Profitgier plus Konzentration und Zentralisation, sogenannte Marktbereinigung. Bei der Übernahme kündigten die Tönnies-Leute Investitionen in die veraltete Kühlanlage an. Das hat sich, so NGG-Sekretär Veit Groß in einem Interview mit „junge Welt“ vom 13. Januar, als „völlige Luftnummer erwiesen“. Fördergelder wurden offenbar nicht abgerufen. Das Ziel sei vielmehr gewesen: „Niedriglöhne um jeden Preis. Nach der Übernahme herrschte ja erst einmal tariffreier Zustand.“ Erst im September 2025 habe es nach mehr als einjährigen Verhandlungen einen Tarifvertrag gegeben.
Die Werksschließung wirkt wie eine Antwort darauf: Zweieinhalb Jahre schufteten die Beschäftigten zu Hungerlöhnen. Jetzt erhalten viele lächerliche Abfindungen, weil sie bis 2021 langjährig mit Werkverträgen, also in „Fremdfirmen“, gearbeitet hatten. Das wurde in der Fleischindustrie damals verboten. Abfindungen gibt es nur auf die Zeit der Festanstellung.

Der ganze Vorgang ist ein Lehrstück für die Durchsetzungsmacht des Kapitals und die nicht vollendete Abwicklung einstiger DDR-Betriebe, die als Konkurrenten westdeutscher Unternehmen auftreten könnten.

Hinzu kommt die akute Krise der deutschen Industrie, die im Land Brandenburg an verschiedenen Stellen aufflackert: Über das Schicksal des von der Landesregierung gepamperten Tesla-Werks in Grünheide bei Berlin herrscht Unsicherheit. Das Schicksal der mutwillig von den „Zeitenwende“-Koalitionären seit 2022 vom russischen Ölnachschub abgeklemmten Raffinerie PCK Schwedt an der Oder ist ungeklärt. Dafür beherbergt Brandenburg als erstes Bundesland seit Dezember 2025 das israelische Raketenabwehrsystem „Arrow 3“, Kostenpunkt bislang 5,6 Milliarden Euro. Das ist wichtiger als ein Arbeitsplatz.

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"Ostdeutschland plattmachen", UZ vom 20. Februar 2026



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