Ein Mönch beichtet seine Liebe zur Madonna. Nichts Ungewöhnliches, wäre der Betbruder kein tibetischer Lamaist und mit der Madonna nicht die Mutter Christi gemeint, sondern die Queen of Pop. Von mal skurrilen, häufiger aber erkenntnisreichen Begegnungen quillt das Buch über, das Volker Häring und Christian Y. Schmidt gemeinsam geschrieben haben, nachdem sie sich rund 7.000 Kilometer entlang der Route des „Langen Marschs“ durch die Volksrepublik China geochst haben. „Der lange Fahrrad-Marsch“ ist kein Marsch, sondern ein Ritt zu Drahtesel mit elektrischer Unterstützung. Eine Schnapsidee: Bei einer Feier in Peking gerieten beide, der Reiseliterat und -veranstalter Häring und der Autor und ehemalige „Titanic“-Redakteur Schmidt, in Zank darüber, welche Rolle der deutsche Kommunist Otto Braun bei der Flucht der Roten Armee vor der Vernichtung durch die nationalistischen Guomindang Mitte der 1930er gespielt hat.
Weder Ochs noch Esel, Corona oder Schmidts Unsportlichkeit ließen das Vorhaben scheitern. Im Herbst 2023 beginnt die Tour, die mit einer Winterpause bis in den Mai des Folgejahres hinein dauert. „In den gut viereinhalb Monaten, in denen wir unterwegs waren, haben wir in genau achtundneunzig Orten übernachtet“, summiert Statistiknarr Schmidt. Und: „Mehr als hundertmal habe ich am Berg die Tour verflucht. Vierunddreißigmal haben Volker und ich uns gestritten, davon zwölfmal bis aufs Blut. Zusammen hatten beide Räder genau sechsundzwanzigmal einen Platten. Zweimal ist ein Mantel geplatzt. Vierzehnmal sind die Ketten abgesprungen, und dreimal sind sie gleich gerissen. Dreizehnmal hat Volker den Satz gesagt: ‚Jetzt haben wir ein Riesenproblem.‘ Fünfzehnmal wurden wir im Hotel und auf der Straße von der Polizei kontrolliert. Meistens waren die Beamten zuvorkommend, dreimal nicht. Viermal hat uns ein Hotel abgewiesen, weil wir Ausländer waren. Zweieinhalbmal bin ich krank geworden: ein entzündetes Augenlid, eine Magen-Darm-Grippe und ein kurzer Infekt. Zehn tote Tiere habe ich am Straßenrand gesehen, darunter ein Wiesel mit edlem Fell, das aussah, als ob es schliefe. Und einmal, am 29. März in Dechang, habe ich mir versehentlich mit Rasiercreme die Zähne geputzt, weil ich so erledigt war.“
Das literarische Tandem wechselt von Kapitel zu Kapitel die Perspektive. Anders hätten die beiden grundverschiedenen Charaktere wohl auch nicht zueinander gefunden: Beide eint zwar, China seit Jahrzehnten zu bereisen und mitunter dort zu leben und als Nicht-Kommunisten der Volksrepublik grundsätzlich affirmativ und ohne Ressentiments zu begegnen. Oft aber knirscht es zwischen dem eigenbrötlerischen Freizeitradler Schmidt, der sein Chinesisch unter Verschluss hält und lieber den Vollblutvelozipedisten Häring Unterkünfte buchen, Essen bestellen und mit den Behörden verhandeln lässt. Wo die beiden Typen auseinandergehen, ergänzen sie sich auch: Schmidts Vorbehalte gegenüber Offiziellen, die sich an ihre Hinterräder kleben könnten und den „yang guizi“ („westlichen Teufeln“) freundlich, aber bestimmt zeigen, welche Gedenkstätten und Museen die beiden besuchen sollten und welche nicht, wird von Häring zwar nicht selten als Paranoia abgetan („Du leidest echt unter Verfolgungswahn!“). Oft aber bestätigen sich Schmidts Vorbehalte gegen das betreute und damit einengende Reisen.
Schließlich ist auch der Rechercheauftrag, den sich beide gegeben haben, kein einfacher: Otto Braun (1900 – 1974), der als Militärberater der Kommunistischen Internationale nach China kam und später Vorsitzender des Schriftstellerverbands der DDR wurde, taucht in der chinesischen Geschichtsschreibung vornehmlich als Widersacher Maos auf. Was nicht falsch ist, bezeugt Braun in seinen „Chinesischen Aufzeichnungen (1932 – 1939)“ (1973) selbst, dass das Verhältnis zwischen beiden gelinde gesagt schwierig war. In der Volksrepublik ist allerdings die Ansicht verbreitet, dass Li De, wie Braun dort genannt wird, für allerlei Fehler während des Langen Marsches verantwortlich sei, bis sich Mao durchsetzte und Brauns Kompetenzen fast völlig einhegte. Otto Braun, Tamara Bunke Chinas? Fehlanzeige.
Neue Erkenntnisse zur Otto-Braun-Forschung gewinnen die beiden Radler eher auf der Rezeptionsebene: Wo sie vom Sattel steigen, fragen sie nach dem Bild, das vom Deutschen in Stadt und Land vorherrscht.
„Otto hilf – ich kann nicht mehr!“, klagt der dauerhaft am Limit strampelnde Braunianer Schmidt. Wem anderer Leid zu sehr eigenes verursacht, sollte die Tour de Force vielleicht nur etappenweise lesen, sonst schmerzt bei der Lektüre zu sehr das Sitzfleisch mit. Lohnend aber ist die tiefer als nur an der Oberfläche kratzende Reiseliteratur allemal: Häring und Schmidt finden ein modernes China vor, in dem selbst auf dem Land weitgehend alles mit Apps läuft und die nächste gut ausgestattete Werkstatt nicht im fernen Peking, sondern in der nächsten Kleinstadt zu finden ist. Dazu aber kommen die Widersprüche: Ein Fahrradladenbetreiber weist auf die horrende Miete hin, die er zu entrichten hat. Manche, die Häring und Schmidt treffen, sind als Industrielle und Aktionäre Frührentiers geworden, stecken nun in Rotarmistenuniform und bieten entlang der Route des Langen Marschs geschichtsbwusstes Straßentheater an. Und vor allem Schmidt stößt sich wiederholt an der „Disneyfizierung“ des Bürgerkriegs und der Revolution, während sich Häring wiederum grämt, dass er einen Plastikpanda nicht habe kaufen können, weil der Andenkenladen geschlossen hatte.
Volker Häring, Christian Y. Schmidt
Der lange Fahrrad-Marsch
7.000 Kilometer durch das Reich der Mitte
Verlag Ullstein extra, 368 Seiten, 19,99 Euro








