Als der Autor dieses Beitrags im September 2024 von der Südkurve Jena zu einem internen Vortrag eingeladen wurde, stand die Szene – wie so viele Fußballfans und Ultras hierzulande – noch unter dem Eindruck einer massiven Repressionswelle im Vorfeld der Heim-Europameisterschaft. In den Monaten zuvor war die Zahl der Stadion-, Aufenthalts- und Betretungsverbote sprunghaft angestiegen. Gleichzeitig nahm die Intensität polizeilicher Maßnahmen rund um die Spieltage sichtbar zu. Für viele aktive Fanszenen gehört es mittlerweile zum Alltag, dass Auswärtsfahrten durch martialische Polizeitaktiken faktisch beendet werden, bevor das Spiel überhaupt erreicht ist.
Der Vortragsabend zog sich bis in die laue Spätsommernacht hinein und drehte sich um die Frage, welche gesellschaftliche Entwicklung hinter dieser Eskalation steht. Die Diskussion zeigte schnell: Die Verschärfung der Repression gegen Fans ist kein isoliertes Phänomen der Fußballpolitik, sondern Ausdruck einer umfassenderen Militarisierung der Bundesrepublik.
Besonders augenfällig wurde dieser Zusammenhang, als die Sachen zusammengepackt waren und man in kleiner Runde irgendwann um Mitternacht das Ernst-Abbe-Sportfeld verließ. Rund um das Stadion wurde bereits kräftig aufgebaut: Der Thüringer Kindertag sollte mit einem großen Familienfest von einem lokalen Radiosender gefeiert werden – inklusive eines weithin sichtbaren „Karrieretrucks“ der Bundeswehr. Zwischen Hüpfburgen, Bühnenprogramm und Mitmachständen präsentierte sich die Armee als vermeintlich attraktiver Arbeitgeber. Krieg, militärische Hierarchie und staatliche Gewalt wurden als Abenteuer und berufliche Perspektive inszeniert, adressiert an Kinder und Jugendliche.
Die Kritik der Jenaer Fanszene ließ nicht lange auf sich warten: In Zeiten der sogenannten Zeitenwende agiert die Bundeswehr nicht mehr als Institution, die auf freiwilligen Nachwuchs hofft, sondern als offensiver Akteur gesellschaftlicher Ideologieproduktion. Der Militarismus wird frühzeitig kulturell verankert und der Sport dient dabei als wirkungsvolle Bühne.
Gesamtgesellschaftliche Militarisierung
Seit dem Ukrainekrieg und den politischen Entscheidungen zur massiven Aufrüstung befindet sich die Bundesrepublik in einem historischen Umbruch. Militärische Stärke wird erneut zum zentralen Bestandteil staatlicher Strategie. Milliardenprogramme für die Bundeswehr, infrastrukturelle Anpassungen für militärische Mobilität und die politische Debatte über die Wiedereinführung der Wehrpflicht markieren diesen Kurs.
Doch Aufrüstung funktioniert nicht allein über Waffen und Panzer. Sie benötigt eine ideologische Grundlage. Eine Gesellschaft muss darauf eingeschworen werden, militärische Gewalt als notwendig und legitim im Sinne des nationalen Erfolgs zu akzeptieren. Dass der nationale Erfolg auf Wirtschaftswachstum und Steigerung des Bruttoinlandsprodukts basieren soll, während die soziale Infrastruktur für dieses Primat geopfert wird, lässt sich als vermeintlicher Widerspruch des Ideals „Demokratie“ ausklammern.
Diese ideologische Formierung vollzieht sich zunehmend über kulturelle Räume; gerade der Sport spielt dabei eine Schlüsselrolle. Während die Bundeswehr seit Jahrzehnten als größter staatlicher Förderer des deutschen Spitzensports jenseits des Fußballs fungiert, wird die Präsenz seit Beginn der „Zeitenwende“ systematisch auf den Breitensport ausgeweitet.

Kapitalien des deutschen militärisch-industriellen Komplexes treten vermehrt als Sponsoren auf (Stichwort Rheinmetall) oder erscheinen mit Werbeständen bei Sportevents. Das „Championship Weekend“ der European League of Football oder einzelne Spieltage der German Football League wurden in den vergangenen Jahren dafür genutzt, Bundeswehreinheiten einzubeziehen und zu feiern: Die militärische Symbolik wurde gezielt an Vorbilder aus dem US-Sport angelehnt, wo militärische Präsenz bereits seit Jahrzehnten fest in die Dramaturgie von Sportveranstaltungen integriert ist. Solcherlei bewusste Versuche, militärische Logiken mit gesellschaftlicher Normalität zu verknüpfen, steigen an.
Der letztjährige Finaltag der Amateure kann als jüngster Beweis dafür gelten. Die größte Bühne des deutschen Amateurfußballs – alle Landespokal-Finalspiele finden an diesem Tag statt – wird nicht nur von mittags bis abends im TV übertragen, sondern ist vertraglich mit der Bundeswehr verbandelt. Werbeflächen in den Stadien, Social-Media-Beiträge und Präsenz in der Übertragung zeugen von der staatlichen Inanspruchnahme des Sports: Mit „Grenzen überwinden“, „Komm in die Mannschaft“ oder der Aussage, dass Fußball und Bundeswehr mehr gemeinsam haben, als man denke, wurde auf Karrierestände an den Stadien aufmerksam gemacht. Das deutsche Militär möchte sich als gesellschaftlich akzeptierter Bestandteil des Alltags inszenieren und junge Menschen als zukünftiges Kanonenfutter für den deutschen Imperialismus gewinnen.
Sport und Ideologie
Diese Entwicklung ist Ausdruck der gesellschaftlichen Funktion von Sport unter kapitalistischen Bedingungen. Denn Sport ist nicht nur Freizeitvergnügen und losgelöste Betätigung; er ist in seiner Vielfalt eine kulturelle Praxis, die tief in gesellschaftliche Produktions- und Herrschaftsverhältnisse eingebettet ist. So zeigt die materialistische Sportforschung, dass menschliche Bewegung stets gesellschaftlich vermittelt ist. Körperliche Praxis entwickelt sich im Zusammenhang mit den physischen Anforderungen von Arbeit, also auch durch Eigentumsverhältnisse und soziale Strukturen. So gesehen existiert Bewegung als menschliche Fähigkeit in allen Gesellschaftsformen – doch Sport als organisierte Körperkultur ist ein historisches Produkt der bürgerlichen Gesellschaft.
Mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverhältnisse veränderte sich das Verhältnis von Arbeit und Körper grundlegend. Zu Zeiten des Feudalismus war es an die ständische Ordnung gebunden, an die gesellschaftliche Unterteilung in Adel, Klerus und bäuerlich-handwerkliche Bevölkerung. Für den Adel standen körperliche Praktiken wie Reiten, Fechten, Turniere oder die Jagd im Mittelpunkt. Diese dienten primär der militärischen Vorbereitung wie der Repräsentation von Macht und der Festigung sozialer Hierarchien. Körperliche Fähigkeiten galten als Ausdruck von Ritterlichkeit und Standesehre. Für die beherrschte Bevölkerung existierte Körperkultur vor allem in Form von Arbeit, aber auch in traditionellen Spielen oder Festbräuchen. Diese waren weniger institutionalisiert und dienten meist gemeinschaftlichen oder religiösen Zwecken.
In der Frühphase der Industrialisierung existierte für das brutal geschaffene Arbeitertum kaum Freizeit und die bürgerliche Klasse interessierte sich kaum für die Körperkultur-Traditionen des Adels. Dass ausgerechnet England das Mutterland des bürgerlichen Sports wird, hat auch damit zu tun, dass dort das Bürgertum in ein Bündnis mit der Aristokratie eintrat und die neu entstandene Schicht der bürgerlichen Aristokraten die feudalen Traditionen – wie auch einige Elemente der Volkskörperkultur – übernahm und ihren Bedürfnissen anpasste. Die Entwicklung des sogenannten Gentleman-Sports ist zudem von der lokalen Verschiebung vom Land in die Stadt geprägt: Statt einzelner Events wurden so regelmäßige Sportveranstaltungen möglich, erste Clubs gründeten sich und ließen neben Sportplätzen und Arenen auch das Massenpublikum entstehen.
Nur war diese Entwicklung den höheren bürgerlichen Schichten vorbehalten, während die Verelendung der proletarischen Massen in den Städten ungehindert voranschritt. Ohne Existenz einer freien Zeit außerhalb von Arbeit und unbedingter Reproduktionsarbeit (Essen, Schlafen und so weiter) kam die Körperkultur des Volkes zum Erliegen. Erst durch soziale Kämpfe um Arbeitszeitverkürzung entstand überhaupt die Voraussetzung für Freizeitgestaltung, die in Form der neu gewonnenen Zeit sofort zum umkämpften Terrain wurde. Bürgerliche Eliten nutzten Sport, um Disziplin, Leistungsorientierung und Konkurrenzdenken zu fördern. Gleichzeitig entwickelte sich Sport innerhalb des Proletariats zu einem Raum kollektiver Identität und sozialer Gemeinschaft, der in der historischen Entwicklung – allen voran durch die Gründung proletarischer Sportverbände – die doppelte Funktion des Sports aufzeigt. Über jede Sportdisziplin hinweg kann der Sport einerseits gesellschaftliche Herrschaft stabilisieren, indem er Leistungsprinzipien, nationale Identität und Wettbewerbs- oder Produktivitätsideologie vermittelt. Andererseits eröffnet er Räume für Solidarität, Widerstand und alternative Formen kollektiven Handelns.
Eine historische Verbindung
Gerade die Verbindung zwischen Sport und Militarismus besitzt in der globalen Geschichte bürgerlicher Herrschaft eine lange Tradition. Bürgerliche Körperkultur entstand im Kontext nationalstaatlicher Formierung und imperialistischer Konkurrenz. Turnbewegungen, militärische Drillpraktiken und sportliche Wettkämpfe dienten häufig der körperlichen Vorbereitung auf Kriege. Auch der moderne Leistungssport reproduziert militärische Prinzipien: Hierarchie, Disziplin, Leistungssteigerung und Opferbereitschaft gelten als zentrale Tugenden. Diese Werte spiegeln gesellschaftliche Anforderungen an Arbeit innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise wider – und lassen sich problemlos in militärische Strukturen übertragen.
Sport diszipliniert Körper, formt subjektive Leistungsbereitschaft und produziert emotionale Gemeinschaftserlebnisse. Diese emotionalen Bindungen können staatlich instrumentalisiert und im Sinne der Herrschaft genutzt werden, etwa zur Stärkung nationaler Identität oder zur Legitimation militärischer Politik. Nichts anderes passiert, wenn bei Sportgroßveranstaltungen militärische Zeremonien ins Programm eingebaut werden oder Rüstungsunternehmen als Werbepartner auftreten und so patriotische Gefühle gezielt mit dem Sporterlebnis verknüpft werden oder das Militär als normaler Bestandteil des Alltags dargestellt wird. Gleichzeitig erzeugt Sport massenwirksame Aufmerksamkeit. Gerade deshalb eignet er sich besonders für ideologische Vermittlung. Wenn militärische Akteure Sportveranstaltungen nutzen, sprechen sie nicht nur potenzielle Rekruten an, sondern beeinflussen gesellschaftliche Deutungsmuster insgesamt.
Während der Profisport vor allem symbolische Wirkung entfaltet, besitzt der Breitensport eine andere strategische Bedeutung. Hier erreicht der Staat große Teile der Bevölkerung direkt. Sportvereine sind Orte sozialer Integration, von Jugendarbeit und Gemeinschaftsbildung. Gerade deshalb eignen sie sich als Rekrutierungsfelder militärischer Ideologie. Wenn Bundeswehrprogramme Trainingslager fördern, Kooperationen mit Vereinen eingehen oder bei Sportfesten präsent sind, entstehen langfristige Bindungen zwischen Militär und bürgerlicher Zivilgesellschaft.
Diese Entwicklung folgt einer klaren Logik: Militärische Akzeptanz entsteht neben offener Propaganda durch Normalisierung. Wenn Kinder Bundeswehrstände als selbstverständlichen Teil von Veranstaltungen wahrnehmen, wird militärische Gewalt gesellschaftlich entdramatisiert.
Gegenmodell: Arbeitersport
Die historische Arbeitersportbewegung zeigt, dass Sport auch anders organisiert werden kann. Sie verstand sportliche Betätigung als solidarische Gemeinschaftspraxis mit dem Ziel kollektiver Gesundheit, kultureller Bildung und politischer Selbstorganisation. Initiativen wie der Arbeitersport Leipzig knüpfen heute an diese Tradition an. Sie versuchen, Sport wieder als sozialen Ausgleich zum Alltag, als Raum solidarischer Gemeinschaft und als kulturelles Projekt jenseits kapitalistischer Verwertung zu etablieren.
Angesichts der zunehmenden Militarisierung des Sports gewinnt diese Perspektive neue Bedeutung. Wer Sport ausschließlich staatlichen, kommerziellen und militärischen Akteuren überlässt, verzichtet auf einen wichtigen gesellschaftlichen Gestaltungsraum. Der Wiederaufbau selbstorganisierter Sportstrukturen kann ein Beitrag sein, sportliche Praxis aus staatlicher und kapitalistischer Vereinnahmung zu erobern.
Die Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht zeigt, wie eng Sport, Militarisierung und gesellschaftliche Formierung miteinander verbunden sind. Junge Menschen sollen nicht nur militärisch ausgebildet, sondern bereits kulturell darauf vorbereitet werden. Der Schulstreik gegen die Wehrpflicht richtet sich deshalb nicht allein gegen militärische Zwangsdienste. Er richtet sich gegen eine gesellschaftliche Entwicklung, die Militarismus zur Normalität machen will – auch über den Sport.
Wer sich dieser Entwicklung entgegenstellen will, muss die gesellschaftlichen Funktionen von Sport verstehen. Breitensport ist kein unpolitisches Freizeitvergnügen, sondern Teil gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Doch Sport kann auch ein Raum gesellschaftlicher Gegenbewegung sein. Der Aufbau solidarischer Sportstrukturen, die Verteidigung selbstorganisierter Fankultur und der Widerstand gegen militärische Vereinnahmung sind somit zentrale Aufgaben einer neuen Friedensbewegung.









