Erinnerungen sind eine merkwürdige Sache. Manches hat man glasklar vor Augen, anderes verschwimmt. Ich bin mir zum Beispiel nicht mehr sicher, wie meine Grundschullehrerin ausgesehen hat, weiß aber noch sehr genau, dass sie nicht besonders freundlich war. Und obwohl die Plattensammlung meines Vaters in meiner Kindheit eine große Rolle gespielt hat, erinnere ich mich nur an einige Alben besonders gut. Auf einem von diesen sang ein Mann mit einer markanten, tiefen Stimme. Während ich mir die Plattenhülle angucke, erklärt mein Vater mir (ich war vielleicht vier oder fünf), dass das Lied von einem Mann handelt, der ermordet wurde, weil er sich für die Rechte von Arbeitern eingesetzt hat. Das hat mir Angst gemacht. War mein Vater in Gefahr, weil er in der Gewerkschaft war? Es leuchtete mir aber ein, dass man an so jemanden erinnern muss. Erst als ich viele Jahre später vor dem Geburtshaus von Joe Hill im schwedischen Gävle stehe, wird mir so richtig klar, dass der schwarze Mann auf dem Plattencover nicht der ermordete Arbeiterführer war.
Der auf dem Plattencover Abgebildete aber war mehr als ein Interpret von Liedern der Arbeiterbewegung. Er war Sänger, Schauspieler, Footballspieler, Jurist. Er war die große Stimme des Friedens und der Völkerfreundschaft.
Paul Robeson wurde am 9. April 1898 als Sohn eines geflohenen Sklaven geboren. In einer von Armut und dem tragischen Tod der Mutter geprägten Kindheit fiel er früh mit großem akademischem, sportlichem und künstlerischem Talent auf. Er erhielt ein Football-Stipendium für die Rutgers University und arbeitete nebenher in Theaterproduktionen. Den Universitätsbesuch an der Columbia finanzierte er durch Profi-Football.
Nach dem Uni-Abschluss wurde Robeson von einer großen Kanzlei angestellt, gab den Beruf als Anwalt aber nach wenigen Wochen wieder auf. Eine rassistische Sekretärin hatte sich geweigert, seine Notizen abzutippen – wie sollten erst die weißen Mandanten reagieren? Er kehrte zurück zum Schauspiel. Was folgte, hätte eine Bilderbuchkarriere nach dem Drehbuch des American Dream werden können – wäre da nicht Paul Robesons Sehnsucht nach Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit gewesen.
Bereits eine der ersten größeren Inszenierungen, in der Robeson eine Rolle übernahm, führte zum Skandal – schon vor der Premiere. Eugene O‘Neills „All God‘s chillun got wings“ empörte 1924 die rassistische US-Gesellschaft. Ein schwarzer Mann, eine weiße Frau – und am Schluss küsst sie sogar … seine Hand! Doch nach der Premiere blieb der vorher herbeigeredete Eklat aus. Zu groß war Paul Robesons Schauspieltalent, zu begeistert das Publikum. Es folgten die Hauptrolle in „Emperor Jones“ und – seine erfolgreichste Rolle – „Othello“. Bereits ab 1925 spielte Robeson auch in Filmen. Er begeisterte Publikum, Kritiker, Autoren, Regisseure und Kollegen gleichermaßen. Seine markante Bass-Gesangsstimme wurde ab 1932 endgültig zu seinem Markenzeichen. Robeson hatte im Musical „Show Boat“ eine Nebenrolle übernommen, der Song „Ol‘ Man River“ war ihm dafür auf den Leib geschrieben worden. Er sollte ihn für den Rest seines Lebens begleiten.
Insgesamt nahm das Singen, die Auftritte bei Konzerten einen immer größeren Rahmen in Robesons künstlerischem Schaffen ein. Er beschäftigte sich ab Mitte der 1930er Jahre mit den Zusammenhängen und Ähnlichkeiten verschiedener Lieder aus unterschiedlichen Kulturkreisen, lernte die unterschiedlichsten Sprachen, sang unter anderem in Deutsch, Französisch und Chinesisch. Dabei nahm das Erbe schwarzer Musik einen hohen Stellenwert für ihn ein. Er empfand Spirituals nicht als düster, sondern voller Hoffnung, Mut und Hingabe jener, die die Sklaverei erdulden mussten.
Obwohl inzwischen ein gefeierter Star, war Paul Robeson Opfer des allgegenwärtigen Rassismus. Er lebte mit seiner Frau Eslanda (einer Anthropologin, die mindestens einen eigenen Artikel verdient hätte) von 1927 bis 1939 in London. Das Westend lag ihm zu Füßen, er wurde zu den verschiedensten Veranstaltungen als Gast eingeladen – und von der US-Botschaft ignoriert. Von ihr wurde er, anders als andere bekannte US-Bürger, die in England lebten, nicht zu den Feierlichkeiten zum 4. Juli eingeladen. In dieser Zeit in England wurde Paul Robeson der Zusammenhang von Rassismus und Ausbeutung bewusst. In seinen Erinnerungen hielt er fest: „Eines Tages höre ich, wie einer der Aristokraten zu seinem weißen Chauffeur sprach, als sei der ein Hund. Da dachte ich mir: ‚Paul, genauso würde ein Südstaatler in den USA mit dir sprechen.‘ Mir wurde in diesem Augenblick bewusst, dass der Kampf meines eigenen Volkes in Amerika und der Kampf der unterdrückten Arbeiter anderswo derselbe war.“
In London lernt er unter anderem durch Shapurij Saklatlava, Abgeordneter des britischen Unterhauses, den Schriftsteller George Bernard Shaw und den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Großbritanniens, Harry Pollitt, den Sozialismus kennen. Überzeugt war er nicht sofort – doch er begann, sich mit Marx, Engels und Lenin auseinanderzusetzen. Sein glühender Wunsch nach einem gerechten Leben für alle nahm bald mehr Raum ein als sein Streben nach künstlerischer Anerkennung.
Nach der Machtübertragung an die Nazis in Deutschland begann Paul Robesons öffentliches politisches Engagement. Nach anfänglichem Zögern trat er in London auf einer Benefiz-Veranstaltung für H. G. Wells’ Komitee zur Unterstützung jüdischer Flüchtlinge auf. 1934 reiste er zur Vorbereitung eines nie verwirklichten Filmprojekts mit Sergei Eisenstein über das Leben des haitianischen Revolutionärs Toussaint Louverture erstmals in die Sowjetunion. Die Zugreise führte über Berlin. Dort begegneten Robeson und seine Mitreisenden auf dem Bahnsteig Nazis. Eine Situation, die ihn an die US-amerikanischen Südstaaten und das Lynchen erinnerte. Später sagte er: „Ich wusste vorher nie, was Faschismus eigentlich bedeutet. Von jetzt an werde ich ihn bekämpfen, wo auch immer ich ihn antreffe.“
Doch erst mal wartete in der Sowjetunion eine völlig neue Erfahrung auf ihn. Sie sollte zur glücklichsten seines Lebens werden. Menschen begegneten ihm auf Augenhöhe, ungeachtet seiner Hautfarbe. „Zum ersten Mal in meinen Leben fühlte ich mich nicht als Schwarzer, sondern als Mensch. Du kannst dir nicht vorstellen, was es für einen Schwarzen bedeutet, in voller menschlicher Würde umhergehen zu können.“ Am meisten berührten Paul Robeson die Begegnungen mit den kleinsten Sowjetmenschen: „Diesen Kindern wurde nie die Angst vor dem Schwarzen Mann gelehrt.“
Zurückgekehrt aus der Sowjetunion, ging Robeson erneut auf Konzerttournee und sang vor ausverkauften Hallen. Auch spielte er weiter Theater, unter anderem in „Stevedore“, einem Drama über einen Hafenarbeiterstreik in den USA. Zum ersten Mal kämpften hier auf einer Theaterbühne weiße und schwarze Arbeiter gemeinsam um ihre Rechte. Zum ersten Mal war der charismatische Anführer schwarz.
Spätestens ab dem Putsch der Faschisten gegen die Spanische Republik und dem darauffolgenden Krieg stand für Paul Robeson das politische Engagement an erster Stelle. Ihm war klar, dass es nicht nur um das Leben und die Freiheit Spaniens ging, sondern um das Leben und die Freiheit aller. „Jeder Künstler, jeder Wissenschaftler, jeder Schriftsteller muss sich jetzt entscheiden, wo er steht. Er hat keine Alternative. Der Künstler muss Partei ergreifen. Er muss sich entscheiden, ob er für die Freiheit oder für die Sklavenhalter kämpfen will.“ Robeson trat nicht nur zu Solidaritätskonzerten wie an Weihnachten 1937 in der Londoner Albert Hall auf, sondern beschloss, selbst nach Spanien zu reisen und seinen Beitrag zu leisten. Paul Robeson sang in Barcelona, Benicasim, Albacete, Tarragona und im von den Faschisten belagerten Madrid. Er sang in Feldlagern, Gräben, Lazaretten.
Auf dem Höhepunkt seiner Popularität war Paul Robeson endgültig zum Kommunisten geworden – obwohl er nie einer Kommunistischen Partei beitrat. Er spielte für Gewerkschaften, bei Arbeitskämpfen, und er nutzte seine Konzerte, um sich zum Beispiel für die Freiheit von Earl Browder, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei der USA, einzusetzen, der wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Passgesetz zu vier Jahren Haft verurteilt worden war. Er war Mitglied in Organisationen wie der zur Hilfe für China, zur Unterstützung antifaschistischer Flüchtlinge und natürlich des von ihm selbst gegründeten „Rates für afrikanische Angelegenheiten“. Der Zweite Weltkrieg war noch nicht vorbei, der Kalte Krieg noch nicht da, da wetzte J. Edgar Hoover bereits seine Messer gegen den populären Künstler. Am 7. Oktober 1946 musste Robeson dann das erste von vielen Malen vor dem „Komitee über unamerikanische Tätigkeiten“ aussagen.
Die Hexenjagd gegen Kommunistinnen und Kommunisten nahm in den USA an Fahrt auf, als Paul Robeson beschloss, den kommerziellen Konzerten den Rücken zu kehren. Und er tat das mit einem Paukenschlag. Ausgerechnet in Salt Lake City beendete er sein Konzert im März 1947 mit der Ballade über Joe Hill, jenen Arbeiterführer, der in der gleichen Stadt 32 Jahre zuvor in einem der größten Justizskandale der USA unschuldig zum Tode verurteilt und hingerichtet worden war. Im Publikum saßen die Kupferminenbosse (beziehungsweise ihre Erben), die die Verurteilung von Joe Hill eingefädelt hatten, mit regungslosen Mienen. Doch der Applaus war ohrenbetäubend, denn ebenfalls anwesend waren die Gewerkschafter (oder ihre Söhne), die mit Massenprotesten versucht hatten, den Mord an Joe Hill zu verhindern. Genau vor diesem Publikum machte Robeson seine Ansage, dass er sich der politischen Zensur nicht mehr zu unterwerfen gedenke: „Ich ziehe mich hier und heute von der Konzertarbeit zurück. Künftig werde ich für meine Freunde aus der Gewerkschaftsbewegung singen, mit anderen Worten, nur bei Versammlungen, bei denen ich singen kann, was ich will.“
FBI, Medien und Politik verstärkten ihre Hexenjagd, Robeson seine politische Arbeit. Im April 1949 nahm er am Kongress der Weltfriedenskräfte in Paris teil, mit Picasso, Neruda, Aragon und 2.000 Delegierten aus 60 Ländern der Welt. Dort besiegelte er aus Sicht der USA sein Schicksal endgültig. Im Namen seines Volkes und aller unterdrückten Völker erklärte er dort, es sei unvorstellbar, dass die Schwarzen in Amerika für jene, die sie seit Generationen entrechten, gegen die Sowjetunion in den Krieg ziehen – dem Land, das im Laufe nur einer Generation „in unserem Volk das Bewusstsein seiner Würde geweckt hat“. Danach galt er den USA als zur Strecke zu bringender Verräter. Dass dazu nicht nur der Entzug bürgerlicher Freiheiten und des kommerziellen Erfolges gehörten, zeigte sich spätestens in Peekskill.
In Peekskill hatte Robeson bereits drei Open-Air-Konzerte bestritten, am 27. August 1949 sollte ein weiteres stattfinden. Doch die antikommunistische Hetze gegen Robeson zeigte Wirkung: Hunderte von Gegendemonstranten, zum Teil organisiert von der Veteranenorganisation American Legion, blockierten das Gelände, bedrohten anreisende Konzertbesucher und hängten eine Puppe mit dem Schild „Robeson“ um den Hals an einen Galgen – die Polizei griff nicht ein. Robeson ließ sich nicht kleinkriegen. Das Konzert wurde verlegt, auf ein freies Feld nur wenige Kilometer entfernt, am Nachmittag des 4. September. Doch die Robeson-Hasser ließen nicht locker: Auf den Hügeln um die Bühne hatten sich Scharfschützen positioniert, bereit zum Mord. Robeson wurde, eng umringt von 15 Menschen, zur Bühne gebracht, legte in seiner berühmten Geste die Hand ans Ohr und begann, „Let my people go“ zu singen. Die Scharfschützen bekamen ihn nicht zu Gesicht.
Gleich nach dem Konzert wurde Robeson in ein Auto gebracht, in dem er sich auf den Boden legen musste. In tumultartigen Szenen wurden abreisende Konzertbesucher aus ihren Autos gezerrt, verprügelt, die Autos angezündet – und die Polizei mischte mit.
Für Robeson folgte der absolute Boykott. Zeitungen schmähten ihn, seine Platten verschwanden aus den Verkaufsregalen, Konzerte wurden abgesagt, Filmangebote blieben aus – auch finanziell ein harter Schlag. Dazu wurde ihm der Reisepass entzogen. Doch Robeson gab nie auf. „Ich werde meine Stimme überall dorthin tragen, wo es Leute gibt, die die Melodie der Freiheit oder Worte hören wollen, die ihnen angesichts der Verzweiflung und der Angst Hoffnung und Mut geben.“ Vor seinem Passentzug hatte er für den Kongress des Weltfriedensrats, in dem er selbstverständlich Mitglied war, gesungen. In den USA gefangen, gab er Konzerte per Telefon, in der Londoner St. Pancras Town Hall und für walisische Bergarbeiter. Als er noch nicht einmal mehr nach Kanada reisen durfte (was US-Bürgern eigentlich auch ohne Pass erlaubt ist), bauten die Veranstalter kurzerhand auf der US-Seite der Grenze ein kleines Podium auf – und auf der kanadischen gigantische Lautsprecher. 30.000 Menschen hörten dort seine Stimme. Auch politisch war Paul Robeson nicht kleinzukriegen, er sprach vor der Konferenz von Bandung – per Tonbandaufnahme, einen Pass hatte er immer noch nicht.
Auch wenn er in den folgenden Jahren Siege erringen konnte und unter anderem seine Reisefreiheit zurückerhielt, die DDR besuchen und auf verschiedenen Pressefesten Kommunistischer Parteien auftreten konnte, forderte die Hexenjagd ihren Tribut. Paul Robeson erkrankte an Depressionen, es folgten mehrere Suizidversuche und Krankenhausaufenthalte in unterschiedlichen Ländern. Auch wenn er weiterhin politisch und künstlerisch aktiv blieb, sollte er sich nie wieder ganz erholen.
Am 23. Januar 1976 verließ Paul Robeson die Bühne für immer. Seine Stimme und sein Kampf für eine gerechte Welt aber sind unsterblich.









