Im Schatten der Kriege stirbt der Traum vom „grünen Kapitalismus“

„Versöhnung der Menschheit mit der Natur …“

Diesen Text hat der Autor für die Rubrik „Marx Engels aktuell“ auf der Website der Marx-Engels-Stiftung geschrieben. In dieser Serie spiegelt Manfred Sohn einmal im Monat aktuelle Ereignisse an Aussagen der beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Es geht darum, mit der marxschen Methode alles kritisch zu hinterfragen, darum, die moderne Welt besser zu verstehen. Wir haben ihn redaktionell bearbeitet.

Im Juni 2022 hatten wir diese Rubrik „Marx Engels aktuell“ mit folgenden Worten begonnen:

„Der Krieg in der Ukraine beherrscht zurzeit alle politischen Debatten. Er schiebt sich damit auch wie eine alles überdeckende Schicht aus Wörtern über die scheinbar der Vergangenheit angehörenden Diskussionen um die drohende Klimakatastrophe. Diese Diskussionen werden aber über kurz über lang wieder an die Oberfläche kommen wie ein Korken, der sich eben nicht unter Wasser halten lässt, weil ihn seine Auftriebskräfte immer wieder nach oben treiben.“

Als ob die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) diese Ankündigung in ihrer Richtigkeit bestätigen wollte, veröffentlichte sie in ihrer regelmäßigen Rubrik „Forschung und Lehre“ am 4. Oktober gleich zwei große Artikel, in denen sie sich mit den Positionen von Karl Marx und Friedrich Engels zur Frage des Verhältnisses von Mensch und Natur herumschlägt – und ihnen unterliegt.

Ausgangspunkt der Breitseite gegen den Marxismus ist – unter der Überschrift „Gedämpfte Hoffnungen“ – ein Bericht über eine an der Universität Hamburg durchgeführte Tagung mit dem Titel „Das Scheitern des grünen Kapitalismus: Befunde, Gegenstimmen, Alternativen“. Zwar wehrt sich der FAZ-Autor Wolfgang Krischke mit Händen und Füßen und vom ersten bis zum letzten Absatz gegen den Grundtenor dieser Konferenz, kommt aber nicht umhin, die an ihrem Beginn vom Sozialwissenschaftler Sighard Neckel vorgetragene Bilanz zu referieren: „Das Konzept grünen Wachstums und ökologisch orientierter Märkte habe in den vergangenen Jahrzehnten die Zerstörung der Ökosysteme kaum abbremsen, geschweige denn aufhalten können. Typische Instrumente des grünen Kapitalismus wie Emissionshandel, Nachhaltigkeitszertifikate oder umweltbewusster Konsum seien gegenüber dem Artensterben oder dem Klimawandel weitgehend wirkungslos geblieben. Der globale Kohleverbrauch sei so hoch wie nie zuvor, die Emissionen sänken kaum oder stiegen sogar, wie in den Vereinigten Staaten. Riesigen Summen, die in die Ölförderung gesteckt würden, stünden minimale Investitionen in nachhaltige Technologien gegenüber. Und technisch erreichte Energieeinsparungen würden wieder aufgezehrt, wofür die überdimensionierten SUVs ein plastisches Beispiel böten.“ Zerlegt wurde auf der Konferenz diesem Bericht zufolge auch die Mär, die CO2-Bepreisung würde an diesem Trend irgendetwas ändern – sie verschiebt unter dem Strich nur Gelder von der einen in die andere Tasche.

Der letzte Strohhalm, an den sich die FAZ klammert, ist ausgerechnet Ralf Fücks, früher einmal beim Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), heute das Aushängeschild des mit staatlichen Mitteln geförderten „Zentrums Liberale Moderne“, das ausweislich seiner Website „für den Aufbruch in die ökologische Moderne“ steht und sich besonders seiner „fundierten Osteuropa-Expertise“ rühmt. „Marx‘ Prognose“ – so fasst die FAZ die Fücks-Position zusammen –, „durch die Entfesselung der Produktivkräfte würde die kapitalistische Wirtschaft am Ende die Quellen ihres eigenen Reichtums – die menschliche Arbeitskraft und die Natur – vernichten, sah Fücks keineswegs als zwingend an. Aber reicht die Zeit? Dazu äußerte sich Fücks nur sehr allgemein. Die Dynamik des grünen Kapitalismus, so seine Hoffnung, wird das notwendige Tempo entfalten. Er nehme ja gerade erst Fahrt auf.“

Das, was dort als „Prognose“ bezeichnet wird, steht bei Marx in dessen Hauptwerk, dem „Kapital“, nicht als Voraussagung der Zukunft, sondern als zusammenfassendes Ergebnis seiner gründlichen Analyse über die „Produktion des relativen Mehrwerts“, dem er den gesamten Abschnitt IV seines Buches widmet. Dort heißt es im letzten Satz schlussfolgernd: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Herleitung dessen, was hier zur „Prognose“ verkürzt wird, findet weder bei Fücks noch durch Krischke statt. Das Fehlen einer argumentativen Auseinandersetzung mündet so folgerichtig – wie gegenwärtig die gesamte „grüne“ Politikentwicklung – in einer zunehmenden Verleugnung der Wirklichkeit. Es findet nicht nur keine inhaltliche Auseinandersetzung mehr statt, sondern noch nicht einmal ein Eingehen auf die Faktenlage, die die FAZ eingangs ja völlig korrekt referiert hat. Das Ergebnis ist ein substanz- und faktenentleertes Prinzip Hoffnung, ein kuhäugiges Glotzen, in dem sich Unverständnis und Fassungslosigkeit angesichts der Weltläufe spiegelt.

Auch der zweite Artikel auf dieser Seite („Gibt es einen Wachstumszwang?“) arbeitet sich erneut an Marx ab, dem hier vom FAZ-Autor Thomas Thiel unterstellt wird, er habe die oben zitierte Schlussfolgerung gar nicht aus seiner Analyse gezogen, sondern die Analyse auf dieses Ergebnis hin zurechtgeschustert: „Ursprünglich geht die These vom Wachstumszwang auf Karl Marx zurück. Sie hat einen geschichtsphilosophischen Hintergrund: Es gilt zu beweisen, dass der Kapitalismus nicht Herr seiner selbst ist und auf die Katastrophe hinsteuert. Ein System, das Arbeitskräfte durch technischen Fortschritt ersetzt, muss nach Marx die Produktion ausweiten, um Arbeitslosigkeit und daraus folgende Konsumzurückhaltung abzuwenden.“ Das ist nicht völlig falsch, aber schief, weil dem einzelnen Unternehmer die Arbeitslosigkeit anderer völlig egal ist – sein Denken und Handeln kreist um seinen Profit, nicht um deren Arbeitslosigkeit. Statt sich ernsthaft mit den Einsichten des Marxismus auseinanderzusetzen, rutscht der Artikel in allgemeine „geschichtsphilosophische“ Betrachtungen ab, die in den schulterzuckend-hilflosen Sätzen münden: „Unstrittig dürfte auch sein, dass Wachstum ein verinnerlichter Zwang ist. (…) Vorerst bleibt es bei dem widersprüchlichen Appell: Dem Klima zuliebe sollen wir verzichten und der Wirtschaft zuliebe einkaufen gehen.“

Man kann es natürlich auch mit Politik versuchen – oder, wie der junge Friedrich Engels in den kurz nach seinem 23. Geburtstag geschriebenen „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“ bereits an der Jahreswende 1843/44 erkannte: „Aber der Ökonom weiß selbst nicht, welcher Sache er dient. Er weiß nicht, dass er mit all seinem egoistischen Räsonnement doch nur ein Glied in der Kette des allgemeinen Fortschritts der Menschheit bildet. Er weiß nicht, dass er mit seiner Auflösung aller Sonderinteressen nur den Weg bahnt für den großen Umschwung, dem das Jahrhundert entgegengeht, der Versöhnung der Menschheit mit der Natur und mit sich selbst.“ Diese doppelte Versöhnung aber wird, wie Engels in einer seiner ersten Arbeiten bereits skizziert und wie die in der Tradition von Marx und Engels weiter weltweit wirkenden Kräfte nicht müde werden zu betonen, nicht unter dem Banner des Profitprinzips, also kapitalistisch, sondern nur sozialistisch, nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, möglich sein.

Nur damit uns heutigen Marxistinnen und Marxisten keine Kritiklosigkeit unterstellt wird: In einer Hinsicht irrte Engels – im Jahrhundert.


Wissen und handeln
Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopotamien, Griechenland, Kleinasien und anderswo die Wälder ausrotteten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, dass sie damit den Grund zur jetzigen Verödung jener Länder legten, indem sie ihnen mit den Wäldern die Ansammlungszentren und Behälter der Feuchtigkeit entzogen. Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen – sondern dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und dass unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.
Die Männer, die an der Herstellung der Dampfmaschine arbeiteten, ahnten nicht, dass sie das Werkzeug fertigstellten, das mehr als jedes andre die Gesellschaftszustände der ganzen Welt revolutionieren und namentlich in Europa durch Konzentrierung des Reichtums auf Seite der Minderzahl, und der Besitzlosigkeit auf Seite der ungeheuren Mehrzahl, zuerst der Bourgeoisie die soziale und politische Herrschaft verschaffen, dann aber einen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat erzeugen sollte, der nur mit dem Sturz der Bourgeoisie und der Abschaffung aller Klassengegensätze endigen kann. – Aber auch auf diesem Gebiet lernen wir allmählich, durch lange, oft harte Erfahrung und durch Zusammenstellung und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen unsrer produktiven Tätigkeit Klarheit zu verschaffen, und damit wird uns die Möglichkeit gegeben, auch diese Wirkungen zu beherrschen und zu regeln.
Um diese Regelung aber durchzuführen, dazu gehört mehr als die bloße Erkenntnis. Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unsrer bisherigen Produktionsweise und mit ihr unsrer jetzigen gesamten gesellschaftlichen Ordnung.
Auszug aus: Friedrich Engels „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“


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"„Versöhnung der Menschheit mit der Natur …“", UZ vom 17. November 2023



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