Krieg ist immer gegen das Volk. Die Kriegsgewinner sitzen in Banken, Versicherungen und Monopolen. Ein Gespräch mit dem Zeitzeugen Armin Lufer

Vom Hitlerjungen zum Kommunisten

Über 100.000 Kindersoldaten sind in den letzten Jahren des Vernichtungskriegs des deutschen Faschismus sinnlos gestorben. Von der Hitlerjugend über den Volkssturm bis zum „dritten Aufgebot“ wurden Kinder für den faschistischen Wahnsinn des „Endsiegs“ rekrutiert – viele davon mit voller Überzeugung. Armin Lufer aus Brandenburg überlebte den deutschen Faschismus als Hitlerjunge und Kindersoldat. Der heute 97-Jährige zog aus seinen Erlebnissen seine Lehren, die er noch bis ins hohe Alter an Schulklassen weitergibt. Wie er von der Schulbank in den Schützengraben und vom Hitlerjungen zum Kommunisten wurde, und welche Schlüsse auch für heute gezogen werden sollten, berichtet das DKP-Mitglied Armin Lufer im UZ-Interview.

UZ: Armin, Du bist mit deinem Geburtsjahr 1929 quasi in den Hitler-Faschismus hineingeboren. Du bist in Breslau-Karlowitz zur Welt gekommen und aufgewachsen, dem heutigen polnischen Wrocław. Wie hast du deine Kindheit und Jugend unterm Hakenkreuz erlebt?

Armin Lufer: Mit zehn Jahren trat ich dem Deutschen Jungvolk bei, dem jüngeren Zweig der Hitlerjugend. Wir jungen Menschen wurden spielerisch, aber sehr zielgerichtet auf den Krieg vorbereitet – nach der Devise „Flink wie ein Wiesel, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. Diesem Ziel diente die gesamte ideologische, militärische und sportliche Vorbereitung der Jugend. Wir Kinder empfanden das weniger als Pflicht, vielmehr als ein Spiel, eine scheinbar normale Jugend unter Gleichaltrigen.

Bis 1938 war mein Alltag jedoch auch von einem selbstverständlichen Miteinander mit jüdischen Nachbarn geprägt. Insbesondere erinnere ich mich an das Geschwisterpaar Militscher, das mit seiner Familie in unserer Nachbarschaft lebte und gut integriert war. Viele jüdische Bürger waren in Breslau tätig und das Zusammenleben mit Christen und Andersgläubigen schien friedlich. Bis zur sogenannten „Reichskristallnacht“, dem 9. November 1938 – ein Einschnitt, den ich in meinem Leben immer im Hinterkopf habe. An diesem Tag erlebte ich, wie in Breslau Synagogen brannten, jüdische Geschäfte zerstört und Menschen verfolgt wurden – ohne Widerstand der Bevölkerung. Ich erfuhr, dass die Familie Militscher zeitweise in ein Ghetto gebracht wurde. Breslau, das 1933 als „treueste Stadt des Führers“ gegolten hatte, besaß zugleich die drittgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands. Doch diese Vielfalt spiegelte sich in der Hitlerjugend nicht wider. So wurde ich letztlich ganz im Geist des faschistischen Systems erzogen, während gleichzeitig die Verfolgung der jüdischen Nachbarn vor meinen Augen geschah.

UZ: Das zu hinterfragen oder Zweifel daran zu hegen war in der Hitlerjugend sicherlich auch nicht Programm?

Armin Lufer: Ganz und gar nicht: Die bedingungslose Befolgung von Befehlen wurde uns von klein auf eingeprägt. Mit Kriegsbeginn 1939 und dem Überfall auf die So­wjet­union zwei Jahre später sollte sich diese militärische Erziehung auch praktisch unter Beweis stellen. Wir Jugendlichen mussten uns ab dem 6. August 1944 als Angehörige der Hitlerjugend zum Bau einer Verteidigungsstellung an der deutsch-polnischen Grenze in Goschütz bei Breslau melden. Als Teil des Einsatzkommandos „Unternehmen Barthold“ war ich am Bau von Panzer- und Schützengräben beteiligt. Unser Kommando bestand ausschließlich aus 15-jährigen Schülern aus Breslau. Die Versorgung übernahmen BDM-Mädchen („Bund Deutscher Mädchen“) und die Führung lag bei 17-jährigen Hitlerjungen.

Mich schaudert es, wenn ich heute höre, dass wieder an der Grenze zwischen Polen und Russland ähnliche Stellungen von deutschen Soldaten errichtet werden – praktisch könnten sie auf die damaligen Pläne zurückgreifen. Ab September 1944 wurden wir nach Hitlers Erlass zur Gründung des „Volkssturms“ in diesen übernommen. Ich gehörte mit meinen Gleichaltrigen zum sogenannten „Dritten Aufgebot“, das alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren umfasste und uns damit formal zu Angehörigen der Wehrmacht machte. So wurde ich als 15-Jähriger zum Wehrmachtsangehörigen, wurde vereidigt und unterstand militärischer Führungsgewalt. Dieser Einsatz dauerte bis Dezember 1944.

In den Tagen kurz vor Weihnachten wurden wir entlassen, weil die Rote Armee auf Bitten Churchills die Oder-Weichsel-Operation zeitlich vorverlegt hatte. Die Westalliierten befanden sich in einer bedrohlichen Lage, da sie durch die letzte deutsche Offensive in den belgischen Ardennen fast in eine katastrophale Situation gerieten. Churchill wandte sich daher an Stalin und Stalin kam der Bitte nach. So wurde die Oder-Weichsel-Operation von Januar auf Dezember vorgezogen. Zu dieser Zeit kam ich dann wieder zurück nach Breslau, wo meine Mutter schon mit einem Befehl der Wehrmacht auf mich wartete: Ich sollte mich als Angehöriger der Hitlerjugend im Stadion melden zur Verteidigung der „Festung Breslau“.

UZ: Nach dem Sieg der Sowjetsoldaten in Stalingrad haben die Rotarmisten die Faschisten schon bis fast an die Oder zurückgedrängt. Der Krieg ist schon verloren und die „Festung Breslau“ damit ein einziges Selbstmordkommando. Hast du da als Jugendlicher Zweifel bekommen?

Armin Lufer: Ich hatte nie die Absicht, stiften zu gehen. Der Eid auf den Führer und die Befehle waren für mich verbindlich – das war schlicht meine Erziehung und ich fühlte mich wie ein deutscher Soldat. Es wurde aber auch alles darangesetzt, dass wir nicht auf diese Gedanken kommen sollten. Unser Bataillonskommandeur war ein Angehöriger der Waffen-SS mit einem Arm in der Binde und mit Ritterkreuz behängt. Nach der Vereidigung marschierten wir bei 22 Grad Kälte und hohem Schnee durch die Stadt. Wir begegneten Flüchtlingstrecks aus Schlesien, die vor der heranrückenden Front nach Westen flohen. Unsere Kommandeure wählten einen Umweg, um eigenen Fluchtgedanken vorzubeugen. An der südlichen Stadtgrenze sollten wir uns in den gefrorenen Boden eingraben. Das blieb erfolglos. Stattdessen brachten sie uns in einer Gaststätte unter, um uns mit unseren neuen Waffen – Panzerfäusten, Karabinern, Maschinengewehren und Gasmasken – vertraut zu machen. Noch im April 1945 erhielt ich, obwohl die Stadt bereits zu 80 Prozent zerstört war, in einer eindrucksvollen Zeremonie das Kriegsverdienstkreuz und das Infanterie-Sturmabzeichen, um mich zum „Endsieg“ zu motivieren. Mit Speck fängt man Mäuse. Aber damals empfand ich das als Ehre.

Als gleichaltrige junge Soldaten bekamen wir den Auftrag, auf dem Breslauer Ring vor dem Denkmal König Friedrichs III. Aufstellung zu nehmen, um der standrechtlichen Erschießung des zweiten Bürgermeisters, Dr. Spielhagen, beizuwohnen. Er wurde wegen „Feigheit vor dem Feind“ verurteilt, in Wirklichkeit aber, weil er Breslau zur „freien Stadt“ erklären wollte, um Breslau vor der vollständigen Zerstörung zu bewahren. Dieses Schauspiel sollte uns abschrecken: Wer desertierte oder feige handelte, würde dasselbe Schicksal erleiden. Ich sah dann immer wieder, wie Soldaten unterschiedlichen Alters und Rangs von der Feldgendarmerie aufgegriffen und erschossen und mit Schildern wie: „Ich war zu feige für Führer und Volk zu kämpfen“, an Bäumen oder Laternen aufgehängt wurden. Dieses Bild verfolgte mich, und ich erfüllte meine Soldatenpflichten stets aus Angst vor der gleichen Strafe. Ich hatte Schiss, nicht Schiss in Worten, sondern auch in Wirklichkeit. Deshalb haben mir Ältere dann auch beim Wechsel der Bekleidung geholfen, weil ich die Hosen buchstäblich voll hatte: Ich wollte weiterleben.

UZ: Nicht allzu lange danach kam endlich die erlösende Befreiung und der Sieg über den Hitler-Faschismus. Der Endsieg ist endgültig begraben – wie war das für dich?

Armin Lufer: Ab April 1945 kam ich mit meinen Erfrierungen als jüngster Patient in ein Franziskanerkloster. Nach der Übernahme des Lazaretts durch die 6. Armee der Ersten Ukrainischen Front – damals unter dem sowjetischen General Glusdowski – besuchte mich dann recht schnell ein Frontbeauftragter des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ (NKFD), der von den Klosternonnen auf mich aufmerksam gemacht worden war. Die Nonnen wurden auch unter sowjetischer Besatzung weiterhin als Krankenschwestern eingesetzt. Der deutsche Soldat des NKFD sorgte dann dafür, dass ich in das Lazarett des sowjetischen Kriegsgefangenenlagers in Tábor in der Tschechoslowakei überführt wurde. Das war ein wirkliches Glück: Ich erfuhr gerade dort die internationalistische Solidarität nicht nur von Deutschen, sondern primär durch die sowjetischen Ärzte und Schwestern – das war Heilung nicht nur meiner Wunden, sondern auch meines Geistes.

070803 Portrait 1944 - Vom Hitlerjungen zum Kommunisten - Armin Lufer, Faschistische Barbarei, Hitlerjunge, Kindersoldaten, Kommunist - Hintergrund
Armin Lufer 1944
070804 Portrait 2017 - Vom Hitlerjungen zum Kommunisten - Armin Lufer, Faschistische Barbarei, Hitlerjunge, Kindersoldaten, Kommunist - Hintergrund
… und 2017

Am 6. Mai erfolgte dann die lang ersehnte die bedingungslose Kapitulation der „Festung Breslau“. Es war ein herrlicher Sonnentag, doch ich wusste nicht, was das bedeutete oder was nun kommen würde. Der „Endsieg“ war unerreichbar, die Waffen schwiegen – aber was sollte aus mir werden? Ich hatte keine Ahnung. Am 8. Mai, dem Tag der Gesamtkapitulation, besuchte mich erneut ein etwa 25-jähriger, Deutsch sprechender Soldat mit einer schwarz-weiß-roten Armbinde mit der Aufschrift „NKFD“. Er war als Hitlerjunge ähnlich erzogen worden, hatte als Leutnant gedient, war desertiert, in sowjetische Gefangenschaft geraten und schließlich im Nationalkomitee geschult worden. Daraufhin setzte er sich mit propagandistischer Arbeit dafür ein, weitere deutsche Soldaten zum Niederlegen der Waffen zu bewegen. Obwohl er wusste, dass er von vielen als Verräter betrachtet wurde, wollte er so dazu beitragen, den Krieg schneller zu beenden und unnötiges Sterben zu verhindern. Er sprach mit mir über meine Erlebnisse und zeigte mir Perspektiven für die Zukunft auf.

Nach meiner Entlassung im Dezember 1945 auf dem Marktplatz in Hoyerswerda landete ich über verschiedene Stationen im thüringischen Pößneck. Da eine Rückkehr nach Breslau unmöglich war, wurde Pößneck zu meinem Neuanfang. Dort erhielt ich Hilfe durch die „Thüringen-Aktion gegen Not“, die übrigens etwas später zur heute bekannten „Volkssolidarität“ zusammengeführt wurde und in der ich bis heute Mitglied bin. Antifaschisten unterstützten mich mit Kleidung, Nahrung aus der Suppenküche und beruflichen Wegweisern. Mit ihrer Unterstützung wurde ich 1946 als ehemaliges Mitglied der Hitlerjugend in die KPD aufgenommen.

Das war der Beginn meines neuen Lebens in der antifaschistisch-demokratischen Ordnung, aus der 1949 die DDR wurde. Zunächst arbeitete ich als Hilfsarbeiter auf dem Bau, begann 1947 eine Berufsausbildung zum Zimmermann und durfte fortan am Aufbau der DDR mitwirken. Ich selbst wurde als Jugendlicher eingezogen und diente einem verbrecherischen Regime, ohne dies damals zu erkennen. Aus meinen Erlebnissen zog ich die Lehre, dass Krieg immer nur dem Volk schadet. Die eigentlichen Kriegsgewinner sitzen in Banken, Versicherungen und Monopolen.

Hitler hatte damals verkündet: „Gebt mir vier Jahre Zeit, und ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen.“ 1945 habe ich meine Heimatstadt tatsächlich nicht wiedererkannt – sie lag in Trümmern. Zwar hatten die Rüstungsindustrie und der Bau der Reichsautobahn die Arbeitslosigkeit in Breslau verringert, doch diese Infrastruktur diente vor allem einem Zweck: Sie war die Grundlage für den Überfall auf Polen und die So­wjet­union. Dieselbe Infrastruktur, die damals dem Krieg diente, bildet auch heute die Grundlage der Hochrüstung. Diese Ideologie steckt heute nicht in den braunen Uniformen von damals, sondern in Nadelstreifenanzügen – übrigens nicht nur der AfD. Es gibt erschreckende Parallelen zur Gegenwart. Ich hatte das Glück, nach dem Krieg am Aufbau des Sozialismus in Deutschland mitzuwirken: In meiner DDR war die Erhaltung des Friedens oberstes Staatsziel und bestimmte ihre Politik. Heute in der Bundesrepublik Deutschland gehört die Kriegsvorbereitung wieder zur Staatsräson.

UZ… und wieder soll die Jugend dafür bluten und zurechtgemacht werden und bringt peu á peu die Wehrpflicht auf dem Weg. Was rätst du den Schülern heute bei deinen Schulbesuchen?

Armin Lufer: Meine eigenen Erlebnisse führen mich zu der Überzeugung, dass Krieg in jeder Form ausgeschlossen werden muss. Meinungsverschiedenheiten, ob zwischen euch Schülern, in der Familie oder eben zwischen Völkern, lassen sich nur durch Gespräche klären – durch ein Miteinander auf allen Ebenen. Das bedeutet nicht nur Reden, sondern auch wirtschaftliche Zusammenarbeit, um Wohlstand für alle Völker zu sichern. Das sollte den Schülern in der Schule gelehrt werden! Wer diese Grundsätze ernst nimmt, kann nur einen Beruf wählen, der nichts mit Waffen zu tun hat. Denn Waffen sind zum Töten gemacht. Nicht umsonst wurden 1945 in den Nürnberger Prozessen auch Vertreter der Rüstungsindustrie als Kriegsverbrecher verurteilt, weil sie mit Waffen Geschäfte gemacht hatten. Und das ist heute nicht anders. Deshalb mein Rat an die Schüler: Wählt Berufe des Friedens, nicht der Waffe! Das Waffenhandwerk ist ein Handwerk, das darauf ausgelegt ist, andere Menschen zu töten und getötet zu werden – euer Leben ist dafür zu schade.

Von der Schulbank in den Schützengraben – ein Zeitzeugengespräch mit dem 97-jährigen Armin Lufer
Freitag, 6. 3. 2026 um 18 Uhr im Café Sibylle
Karl-Marx-Allee 72, 10243 Berlin

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"Vom Hitlerjungen zum Kommunisten", UZ vom 13. Februar 2026



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