Da ist sie wieder. Die kleine Dicke, aus Stein gefertigt. Auch am Anfang des zweiten Bandes von Ulli Lusts „Die Frau als Mensch“ steht die „Venus von Willendorf“. Im Naturhistorischen Museum betrachtet die Comic-Version der Autorin Ulli Lust die 30.000 Jahre alte Figur und reflektiert darüber, dass selbst sie die kleine Statue einer nackten Frau nicht anders als symbolisch wahrnehmen kann – und schon sind wir auch bei „Schamaninnen“ wieder mittendrin im Thema. Welche Rolle haben Frauen in den Urgesellschaften gespielt? Ist irgendetwas dran an der Darstellung vom Heimchen am Feuer, da der Herd noch nicht erfunden war? Spoiler: Ist es nicht. Doch werden wir in der Lage sein, die patriarchalen Vorstellungen der Gegenwart nicht mehr auf die Vergangenheit zu projizieren?
Als Geschichte gilt nur der knappe, 6.000 Jahre währende Zeitraum, seitdem Schrift existiert – alles andere ist Vorgeschichte. Und – Überraschung! – die GeschichtsSCHREIBUNG ist männlich dominiert, genau wie die Kunstwerke der Zeit. In den vielen Jahrtausenden davor sah das anders aus.
Ulli Lust verfolgt in „Die Frau als Mensch – Schamaninnen“ die Spuren unserer Vorfahren. Sie folgt mit ihnen zusammen den Rentieren, von denen sie sich ernährt haben, und vergleicht das mythische Denken der nomadischen eurasischen Stämme. Schon allein die Überlegungen, die sich diese Stämme zur Zeugung von Kindern gemacht haben (und die in Mythen überliefert sind), weisen auf die Rolle der Frau hin – Männer kommen schlicht nicht vor. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Zusammenhang von Fortpflanzung und Sex nicht aus der Beobachtung der Natur abgeleitet werden konnte, doch haben etwa Befragungen von archaischen Kulturen, die heute noch stattfinden, einen entscheidenden Hinweis zum Stellenwert gegeben. Der war niedrig. Eine Zeugung findet erst statt, wenn die Seele des zukünftigen Kindes mit der Mutter in Berührung kommt. Dazu sind Männer nicht nötig.
Während sich Ulli Lust im ersten Band „Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte“ der (lange Jahre falschen) anthropologischen Forschung und neuen Erkenntnissen (unter anderem durch DNA-Analysen) widmet (siehe UZ vom 21. März 2025), geht es im neuen Band um die Rolle von Frauen in Spiritualität und bei der Führung von Stämmen. Schamanismus war tief im Alltag der Frühmenschen verankert, eine enge Verbindung zwischen realer und Geisterwelt prägte die Wahrnehmung des Lebens. Lust folgt dabei unermüdlich dem Leben in der Natur, der Nutzung von Birken und ihrer Parasiten zum Erhalten des Feuers, der Verfolgung der Tiere und der Frage, was denn die Geister damit zu tun haben – eine Vorstellung, die sich von Australien bis zum Polarkreis zog. Dabei erzählt sie – sozusagen mit und zwischen den Fakten – die Geschichte einer fiktiven Gruppe von Menschen und zeigt, warum es der männlich dominierten Anthropologie ein Dorn im Auge war, von weiblichen Schamanen oder Jägern auszugehen. So viel Einfluss auf die Gesellschaft, so eine wichtige Rolle wollte man den Frauen der Frühgeschichte nun wirklich nicht zugestehen. Wenn man die reinen Fakten anschaut, ist ein starkes Geschlecht nicht in Sicht, zumindest kein männliches.
Ulli Lust erzählt diese Sachgeschichte in Form von detailreichen, ausdrucksstarken Bildern, fast ist auf den einzelnen Seiten schon zu viel zu entdecken, denn es will ja auch noch sehr informativer Text gelesen werden, Dialoge wie Erzähltext. Die Spiritualität und die Frage, wie diese das Leben und die Entwicklung des Menschen beeinflusst hat, nehmen einen großen Raum ein, genau wie die Frage danach, welche Auswirkung es hat, welcher Mensch das Sagen hat über die Glaubenswelt. Da wird die Autorin auch persönlich. Sie schildert den Tod ihrer Mutter und ihren Wunsch, auf der Beerdigung zu sprechen. Da spricht nur der Pfarrer, meint der Vater. Für das Spirituelle ist heute – wie für die Leitung einer Gesellschaft – automatisch eher ein Mann zuständig. Immer noch. Ableiten aus der Geschichte lässt sich das aber nicht.
Wenn man übrigens „Ulli Lust, Schamaninnen“ googelt (um zum Beispiel für eine Rezension nach dem Preis zu schauen), fragt Google, ob man nicht „Ulli Lust Schamanen“ meint. Nein, meint man nicht, aber der Sexismus steckt überall.
Ulli Lust
Die Frau als Mensch – Schamaninnen
Reprodukt Verlag, 303 Seiten, 29 Euro
Erhältlich im UZ-Shop









