„Keine Zeit“, murmelt ein Schüler im Vorbeigehen. Zielstrebig steuert er auf den Eingang zur Frida-Levy-Gesamtschule in Essen zu. Es ist Donnerstag, der 5. März, Viertel vor acht – gleich beginnt der Unterricht. Vor seiner Schule stehen drei Mitglieder der örtlichen SDAJ-Gruppe an einem Streikposten. Sie haben mit Plakaten und Kreide auf den heutigen Schulstreik gegen die Wehrpflicht aufmerksam gemacht. Jetzt verteilen sie kleine Papiertüten, gefüllt mit Flyern, Stickern und Bonbons, an vorbeieilende Schüler – und versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Denn: Heute ist kein Schultag – heute ist Streiktag!
Das ist gar nicht so leicht. Viele behaupten, keine Zeit zu haben. Manche winken ab: Das Anliegen sei gut, aber man fürchte, Ärger mit den Eltern zu bekommen, wenn man der Schule heute fernbleibe. Andere kommen von selbst an den kleinen Infotisch. Sie wissen, worum es geht. Am 5. Dezember vergangenen Jahres hatten 55.000 Schülerinnen und Schüler in über 90 Städten in Deutschland gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht gestreikt. An diesem Tag verabschiedete der Bundestag das „Wehrdienstmodernisierungsgesetz“. Ob man sich am zweiten Streiktag beteiligt – diese Entscheidung trifft hier niemand leichtfertig.
Wie nimmt man diejenigen mit, die „keine Zeit“ haben, sich um ihre Zukunft zu kümmern? Sich Zeit für Diskussionen zu nehmen, hilft. Eine der Schülerinnen, die sagt, Schule sei wichtig, sie dürfe den heutigen Tag nicht verpassen, nimmt später doch an der Streikdemonstration teil. Zwei der Schulstreikenden nehmen noch schnell ein Mobilisierungs-Video für Instagram auf – direkt am Schuleingang. Die Frida-Levy-Gesamtschule wirkt schon von außen baufällig. Sie ist eine dankbare Kulisse, möchte man auf den Zusammenhang zwischen Aufrüstung und Bildungsmisere hinweisen.
Eine Lehrerin kommt auf einem Tretroller am Infostand vorbei. Sie blickt sich kurz um, dann bekundet sie Sympathie für den Streik. Und bedauert, dass sie als Beamtin nicht daran teilnehmen darf. Das Engagement der Schüler gefällt nicht jedem. Zwei Lehrer kritisieren einen Sticker, der auf den Streiktüten klebt und für Solidarität mit Palästina wirbt. „Antisemitisch“ sei der. Was daran „antisemitisch“ sein soll, können sie selbst auf Nachfrage nicht beantworten. Einer der beiden Lehrer wird einen der Schüler am Infostand später als „Hamas-Terrorist“ diffamieren.
Plötzlich fahren zwei Polizeiwagen vor. Drei Polizisten bauen sich vor dem Streikposten auf. Sie behaupten, der Infostand stehe auf Schulgelände. Sie fragen, ob die „Kundgebung“ angemeldet sei. Der Wortführer unter ihnen behauptet, es sei eine Straftat, eine nicht angemeldete Kundgebung durchzuführen. Das ist faktisch falsch. Die Vermutung liegt nahe, dass der Beamte bewusst Minderjährige belügt, um ihnen Angst zu machen. Kurz darauf erklärt er die „Versammlung“ für „aufgelöst“. Die Jugendlichen packen ihr Material ein und ziehen Richtung Burgplatz. Dort soll um 10 Uhr die Streikdemo beginnen.
Die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht sind ein Überraschungserfolg im antimilitaristischen Kampf in Deutschland. Sie haben international für Aufsehen gesorgt. „Auch Belgien diskutiert über die Einführung einer Wehrpflicht“, berichtet ein Vertreter von Comac. Das ist der Studentenverband der Partei der Arbeit Belgiens (PTB-PVDA). Auch Red Fox, der Jugendverband der PTB-PVDA, hat eine Delegation nach Essen geschickt. „Wir wollen lernen, wie man eine solche Bewegung aufbaut.“
Repression auch hier: Die Polizeipräsenz übersteigt das erwartbare Maß für eine entspannte Latsch-Demo deutlich. Die Schulleitung des Burggymnasiums läuft über den Platz und spricht eigene Schüler an: Wieso man nicht im Unterricht sitze? Die Mischung aus peinlicher Kumpelei und kalter Repression, die Sozialkundelehrer und Polizei heute an den Tag legen, ist leicht zu durchschauen und macht die Betroffenen noch wütender.
Um Viertel nach zehn eröffnet Karen vom Schulstreik-Komitee Essen die Demo. Gut 250 Menschen stehen auf dem Burgplatz, überwiegend Schülerinnen und Schüler. Das sind deutlich weniger als am 5. Dezember vergangenen Jahres. Karen macht Mut: „Wir werden bestimmt noch mehr unterwegs.“
Jonas Schwabedissen hält die erste Rede. Er ist Sprecher der ver.di-Vertrauensleute am Uniklinikum Essen. „Manche von uns haben im Leben schon über 100 Tage Streikerfahrung gesammelt, aber dass so ein junger Mensch so viel Mut und so klare Worte findet, das haben wohl die wenigsten von uns schon erlebt.“ Der erwähnte junge Mensch heißt Oktay. Er engagiert sich im Essener Schulstreik-Komitee. Zwei Mal hatte er während des Arbeitskampfes in der Tarifrunde der Länder vor Streikenden des Uniklinikums gesprochen und dort mächtig Eindruck hinterlassen. Schwabedissen freut sich sichtlich, heute selbst erleben zu dürfen, „dass es hier in Essen hunderte Schüler wie Oktay gibt“. Die Bundeswehr werde nicht genügend Freiwillige finden – „und dann zwingen sie euch!“ Diejenigen, die den Schülern erzählten, wie wichtig Krieg sei, würden nicht in Kriege ziehen. „Das sollt ihr.“ Auch Gewerkschaften setzten sich gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht ein. Von den streikenden Schülern könnten seine Kollegen und er etwas Wichtiges lernen: Die streikten nämlich, ohne Streikrecht zu genießen, ließen sich nicht einschüchtern und stellten politische Forderungen auf. „Kollegen wie euch brauchen wir in der Gewerkschaft“, ruft Schwabedissen den Schülern zu.
Auch Oktay greift noch zum Mikrofon, bevor die Demo loszieht. Seit wann sei es „normal“, dass sich junge Leute auf Krieg vorbereiten und lernen, zu töten? „Frieden muss normalisiert werden!“ Protest lebe davon, dass sich viele beteiligen. Der Streik heute sei deshalb nicht das Ende, sondern ein Anfang für eine Jugend, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehme.
Mit Parolen wie „Nie, nie, nie wieder Wehrpflicht!“, „Kein Mensch, kein Cent der Bundeswehr!“ und „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“ zieht die Demonstration durch Essen, vorbei an vielen Schulen. An den meisten Schulen stehen Schülerinnen und Schüler am Zaun. Sie wissen, worum es geht. Einige fallen in die Sprechchöre ein. Viele filmen den Zug mit ihren Handys. Am Kurfürstenplatz schließen sich zwei Dutzend Schüler des Burggymnasiums, das dort eine Zweigstelle hat, spontan der Demonstration an. Ein kleines Mädchen entwischt mehrfach ihrem Vater. Er will spazieren gehen, sie offenkundig an der Demo teilnehmen. Selbst zwei Polizisten schmunzeln.
Ziel der Demonstration ist der Europaplatz, der direkt an den Essener Hauptbahnhof grenzt. So weit kommt der Demozug nicht. Weil bis 13 Uhr angemeldet sei, sei die Versammlung auch um 13 Uhr aufzulösen, darauf besteht die Polizei. Die Demonstration endet deshalb auf Höhe der Andreasschule im Stadtteil Rüttenscheid. Für die streikenden Schülerinnen und Schüler ist das ein praktisches Lehrstück in bürgerlicher Demokratie.
Eine Rednerin erinnert auf der Abschlusskundgebung daran, dass jedes vierte Kind in Deutschland in Armut lebt – während jeder zweite Euro aus dem Bundeshaushalt für Krieg und Rüstung ausgegeben wird. Der Streik heute sei großartig, doch müsse man mehr Verbündete gewinnen. „Wir führen eure Kriege nicht!“, bekräftigt sie.
Bevor sie um kurz nach 13 Uhr die Versammlung auflöst, meldet Karen die Zahl, auf die heute alle gewartet haben: 50.000 Schülerinnen und Schüler seien bundesweit auf der Straße. Ein Erfolg, der noch ausgebaut werden kann: „Am 8. Mai werden wir mehr!“
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