Joachim Guilliard musste die Tudeh-Partei nicht fragen, weil er durchaus selbst in der Lage war, die Situation richtig einzuschätzen und dadurch die beiden deutschen Friedensorganisationen scharf und angemessen zu kritisieren. Dabei hat er die iranische Regierung nicht zum antiimperialistischen Bündnispartner erklärt, wie ihm vorgeworfen wird. Allerdings ist die Frage nicht unbedeutend, wie die Islamische Republik in der heutigen weltweiten Auseinandersetzung zwischen dem imperialistischen Weltsystem und den Gegenkräften, die dann ja die antiimperialistischen wären, einzuschätzen sei. Ansatzpunkte für die Beantwortung dieser Frage sind in dem UZ-Beitrag von Matthew Read in der UZ vom 30. Januar zu finden. Er zitiert Lenin, dass es notwendig sei, „zwischen unterdrückten und unterdrückenden Nationen“ zu unterscheiden, und es folglich notwendig werde, „zu klären, welche Kräfte ein revolutionäres Potenzial im nationalen Befreiungskampf besitzen, welche Rolle die Religion in den nationaldemokratischen Bewegungen spielt“ und dabei „nicht von abstrakten Leitsätzen“, „von formalen Etiketten“, „sondern von den Erscheinungen der konkreten Wirklichkeit auszugehen“. So müsse man damit umgehen können, „dass die antikoloniale Bewegung in Java ‚im Zeichen des Islams erwacht ist‘ oder dass der monarchistische Emir von Afghanistan aufgrund seines Kampfes gegen den britischen Kolonialismus ein Verbündeter war.“
Ist es ohne Belang, dass der Iran im Unterschied zu den Golfstaaten fest an der Seite der Palästinenser steht? Dass er Teil von BRICS und der Shanghai-Kooperation ist? Dass 60 Prozent der Studenten Frauen sind und ihr Anteil in hohen Positionen höher ist als in Europa? Dass trotz der Feindseligkeit Israels die Juden im Iran nicht zu leiden haben? Das alles beantwortet die oben gestellte Frage nicht endgültig, aber es zeigt die Notwendigkeit einer echten, unvoreingenommenen Analyse.



