Der „Rückblick aus dem Jahre 2000“ von Edward Bellamy ist ein Blick in die Zukunft

Zukunftsvision

Clark Johnson, „People’s World“. Übersetzung: UZ

Das 1888 veröffentlichte Werk „Looking Backward: 2000 – 1887“ war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Bestseller in den USA und erschien auch in mehreren deutschen Übersetzungen – eine davon von Clara Zetkin: „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887“, erschienen im Jahr 1914. Heute ist Edward Bellamys Werk nahezu vergessen, und das ist ein Verlust für unsere Gesellschaft.

Der Ausgangspunkt des utopischen Romans „Rückblick aus dem Jahre 2000“ ist das Erwachen von Julian West im wörtlichen und im übertragenen Sinn: Er ist ein Zeitreisender, der 113 Jahre lang geschlafen hatte. Aus dem rohen und ungezügelten Kapitalismus seiner Zeit herausgerissen, öffnet Julian die Augen in einer neuen Welt der Zusammenarbeit und Gleichheit.

Bellamy sah den Trend der Konsolidierung von parasitären Monopolen und Trusts des „Gilded Age“ der USA ab den 1870er Jahren voraus und prophezeite den Anbruch einer „goldenen Zukunft“. Der gierige und seinem Wesen nach ineffiziente Kapitalismus weicht einem einzigen Eigentümer des gesamten Kapitals und der gesamten Industrie: dem Staat, dessen Motto lautet „Von allen gleich, für alle gleich“.

Bellamy wurde in New England geboren. Er ließ sich nicht gerne als „Kommunist“ oder „Sozialist“ bezeichnen, sondern nannte sich selbst einen Nationalisten, der das öffentliche Inte­resse über den privaten Profit stellte. Er wendet „die Vorstellung der Demokratie auf das Wirtschaftssystem“ an und bedient sich leicht verständlicher, aber wirkungsvoller Allegorien, um seine These zu untermauern.

So beschreibt er beispielsweise einen großen Wagen, der von armen, leidenden Menschen gezogen wird. Oben sitzen die Reichen. Der Kutscher ist der Hunger. Obwohl die Menschen, die den Wagen ziehen, sichtlich an der Anstrengung leiden, steigen die Passagiere oben nie aus, selbst an den steilsten Wegstrecken nicht. Hoch über dem Staub und der Mühsal genießen diese Passagiere bequem die Landschaft, während sie sich darüber unterhalten, wie schwer es ist, gutes Hauspersonal zu finden.

In Bellamys Vision der nationalen Einheit im „Rückblick aus dem Jahre 2000“ wird jeder in eine industrielle Armee eingezogen. Jeder Bürger wird entsprechend seinen Fähigkeiten ausgebildet, geschult und einem Beruf zugewiesen. Selbst körperlich oder geistig Beeinträchtigte leisten einen Beitrag. Es gibt keine Arbeitslosigkeit, und ab 45 Jahren erhält man eine Rente, von der man leben kann.

Jeder erhält eine Debitkarte – eine Erfindung, die Bellamy vorhersagte – und den gleichen Lohn, aber die Arbeitszeit wird jeweils entsprechend den körperlichen Anforderungen der Arbeit angepasst. So sind die Schichten für körperliche Arbeit kürzer als die für weniger anstrengende Berufe.

Da alle Bürger finanziell gleichgestellt sind, sind die Privatunterkünfte bescheiden und die öffentlichen Plätze großzügig gestaltet. Da das Wohlergehen der Menschen Vorrang vor dem Profit hat – jeder erhält einen gleichen Pro-Kopf-Anteil am Bruttoinlandsprodukt –, wird verschwenderischer Wettbewerb überflüssig.

Dr. Leete, der Julian West auf seiner Tour durch diese Zukunft begleitet, stellt fest, dass das Land durch die Konsolidierung von Kapital und Produktion unter einem einzigen Eigentümer tatsächlich mehr allgemeinen Wohlstand schafft als der Kapitalismus. Anstatt dass Unternehmen und Einzelpersonen gegeneinander konkurrieren, arbeiten sie nun zusammen.
Als Paradebeispiele für entsetzliche Verschwendung möchte ich die unaufhörliche, infantilisierende Fernsehwerbung – organisierte Lügenpropaganda – anführen. Man stelle sich vor, wie viel gesünder die Gesellschaft wäre, wenn diese Zehntausende von Sprechern, Schauspielern, Models, Prominenten, Lockvögeln und herumtollenden Statisten produktiv beschäftigt wären, anstatt in diesem erbärmlichen Gerangel mit der Konkurrenz um jeden zusätzlichen Dollar Dienstleistungen in mehrfacher Ausführung und Produkte von zweifelhaftem Gebrauchswert anzupreisen.

„In einer zivilisierten Gesellschaft gibt es keine Selbstversorgung“, schreibt Bellamy. „In einer Gesellschaft, die noch auf einem derart barbarischen Stand ist, dass sie nicht einmal die Zusammenarbeit innerhalb der Familie kennt, kann sich möglicherweise jeder Einzelne selbst versorgen, aber auch das nur für einen Teil seines Lebens. Das ist die Lage eines Menschen, der sein Haus mit Dynamit als Mörtel baut.“

Dr. Leete erklärt dem staunenden Julian: „Ihr Elend rührte – wie all Ihre anderen Leiden auch – von der Unfähigkeit zur Zusammenarbeit her, die sich aus dem Individualismus ergab, auf dem Ihr Gesellschaftssystem beruhte, aus Ihrer Unfähigkeit, zu erkennen, dass Sie durch die Vereinigung mit Ihren Mitmenschen zehnmal mehr Gewinn erzielen konnten als durch den Kampf gegen sie.“

Als Julian die üblichen Phrasen über den Wohlstand, den der „freie Markt“ schaffe, und über „persönliche Rechte“ wiederkäut, antwortet Dr. Leete: „Das Land ist reich und niemand möchte den Menschen Gutes vorenthalten. Zu Ihrer Zeit waren die Menschen gezwungen, Geld und Güter für den Fall eines zukünftigen Versiegens des Lebensunterhaltes für sich selbst und für ihre Kinder anzuhäufen. Aufgrund dieser Notwendigkeit galt Sparsamkeit als Tugend. Heute hat sie jedoch keinen solchen lobenswerten Zweck mehr, und da sie ihren Nutzen verloren hat, wird sie auch nicht mehr als Tugend angesehen.“

Der gute Doktor lobt den Geist der Einheit und erklärt: „Heutzutage gibt es weit weniger Eingriffe in die persönliche Freiheit, als Sie es gewohnt waren. Wir verlangen zwar per Gesetz, dass jeder Mann eine bestimmte Zeit lang dem Staat dienen muss, aber wir stellen ihn nicht – so wie es in Ihrer Zeit üblich war – vor die Wahl zwischen Arbeit, Diebstahl oder Hunger. Mit Ausnahme dieses Grundgesetzes, das in Wirklichkeit nur eine Kodifizierung des Gesetzes der Natur ist, das auf alle Menschen gleichermaßen wirkt, hängt unser System in keiner Weise von einer Gesetzgebung ab, sondern ist völlig freiwillig – das logische Ergebnis des Wirkens der menschlichen Natur unter rationalen Bedingungen.“

„Arbeit wird nicht mehr wie früher nach der Höhe des Lohnes aufgewertet oder abgewertet. Jede Arbeit ist würdig, weil sie notwendig ist und zum Wohl der Gemeinschaft beiträgt. Erst als die Menschheit aus dem Sumpf des Kapitalismus befreit und in eine gesunde Umgebung versetzt wurde, trat ihre wahre Natur zum Vorschein. Unverhüllt und ungehindert durch die Auswüchse des alten Systems wird die Menschheit nun für ihre wahren Qualitäten anerkannt. Die Menschen verbessern sich nicht nur körperlich, sondern auch moralisch. Die menschliche Rasse ist insgesamt gesünder, ehrlicher und logischer.“

Diese kurze Rezension kratzt kaum an der Oberfläche der philosophischen Tiefe (oder des literarischen Werts) von „Looking Backward“. Ich empfehle allen, dieses Buch zusammen mit Bellamys letztem Werk, „Equality“, zu lesen. Dort führt Bellamy seine Vision des „öffentlichen Kapitalismus“ weiter aus und ersetzt die „alte Ökonomie“ (eine Wissenschaft der Dinge) durch eine „neue Ökonomie“ (eine Wissenschaft vom Menschen).

Als treibende Kraft seiner Gesellschaft sei „Gleichheit die einzige sittliche Beziehung zwischen Menschen“, erklärt Bellamy. Er stellt sie den „Scheindemokratien“ gegenüber, „die weltweite Herrschaft des Geldes und den Despotismus der Plutokratie ermöglichen“. „Keine Verfassungsklauseln und keine Parlamentsverfahren können eine Regierung hervorbringen, die keine Farce ist, solange private wirtschaftliche Inte­ressen sich vom öffentlichen Inte­resse unterscheiden und ihm entgegenstehen“, schließt er.

Für alle, die sich nach mehr als den Krümeln des Kapitalismus sehnen, hat Bellamy eine Fülle zu bieten.

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"Zukunftsvision", UZ vom 20. Februar 2026



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