Zur Lösung von Umweltproblemen in China • Teil 2

Bäume für alle

Chinas CO2-Absorptions-Strategie, eine Aufforstung, damit mehr Bäume mehr CO2 aufnehmen können, wird in den Westmedien komplett ignoriert. Allein zwischen 2012 und 2022 wurden 70 Millionen Hektar aufgeforstet, das ist die doppelte Fläche Deutschlands. Mehr als ein Viertel aller neuen Wälder weltweit sind seit 2000 in China entstanden, dem einzigen Land, das auch die Wüsten zurückgedrängt hat. Bis 2049 sollen weitere 90 Milliarden Bäume gepflanzt werden. Das Ziel wird aber erkennbar vorzeitig erreicht, denn 70 Milliarden Bäume werden schon bis 2030 gepflanzt sein. Allein der 14. Fünfjahres-Plan sieht vor, dass der Anteil der Wälder an der Gesamtfläche Chinas bis 2025 um einen Prozentpunkt auf gut 24 Prozent steigt, das sind weitere 11 Millionen Hektar oder die Fläche von Bayern und Baden-Württemberg zusammen.

Jeder Chinese und jede Chinesin ab elf Jahren soll jedes Jahr drei Bäume pflanzen. Dafür werden in China mehr Baumsetzlinge aufgezogen als im Rest der Welt zusammen. Über die Ant-Forest-App („Waldameise“) beteiligen sich inzwischen 400 Millionen Chinesinnen und Chinesen durch ihr ökologisches Konsum-, Freizeit- und Mobilitätsverhalten über spielerisches Punktesammeln am Pflanzen von Bäumen. Alle Wälder Chinas sind in speziellen Naturschutzgebieten und Biodiversitäts-Zonen organisiert, insgesamt gibt es 12.000 geschützte und jeweils speziell betreute Gebiete.
Im Ergebnis absorbieren Chinas Wälder 9,2 Milliarden Tonnen von den emittierten 10,7 Milliarden Tonnen CO2 im Jahr, das sind etwa 86 Prozent der Emissionen. Dies dürfte Weltspitze sein, wobei uns vergleichbare Zahlen aus dem Westen fehlen. Im Ergebnis ist Chinas Luftqualität massiv verbessert worden: In Peking zum Beispiel gab es 2021 330 Tage gute Luft, 100 Tage mehr als noch 2013. Damit gibt es in China eine um zwei Jahre erhöhte Lebenserwartung. Die Universität Chicago bestätigt in ihrem Air Quality Life Index 2022, China hätte „mehr erreicht als westliche Industriestaaten“.

In vielen weiteren Bereichen wird in China experimentiert und es stellen sich Erfolge ein: beim chemiefreien Reisanbau in ganz China, bei hochwertiger Mülltrennung mit höchsten Recyclingquoten, bei Null-Emissions-Gebäuden und ganzen Städten, die emissionsfrei sind. Fast die Hälfte aller E-Fahrzeuge der Welt fahren in China, darunter 99 Prozent aller E-Busse und E-Lkw. China ist das Zentrum für die Erforschung und Anwendung neuartiger umweltfreundlicherer Batterien für die E-Mobilität. Es ist größter Standort der mobilitätsorientierten Wasserstoff-Entwicklung. In der bevölkerungsreichsten chinesischen Provinz Guangdong im Süden der Volksrepublik fahren sogar mit Wasserstoff betriebene Straßenbahnen. Es wird mit Solarplatten-Autobahnen experimentiert, auf denen die Fahrzeuge dann mit Induktionsstrom befördert werden. Bis 2030 soll an der Ostküste Chinas eine neue Magnetschwebebahn Peking im Norden über Shanghai bis nach Guangzhou im Süden verbinden. Die Strecke ist über 3.500 Kilometer lang. Die in China hergestellte Bahn erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 600 Kilometer pro Stunde und kann damit mehrere Inlandsfluglinien ersetzen.

Chinas Ökologische Zivilisation ist nicht nur fortschrittliche Technologie, gute Organisation, starke Finanzierung und fortschrittliche internationale Kooperation im Rahmen der Grünen Seidenstraße. Eine soziale Öko-Mobilisierung hat den Alltag erreicht. Da ist nicht nur die Ant-Forest-App, mit der schon über Punktesammeln durch ökologisches Alltagsverhalten 1,2 Milliarden Bäume gepflanzt wurden. Chinesische Konsumenten sind auch weltweit führend im Ökobewusstsein und bei der Zahlungsbereitschaft für Nachhaltigkeit. Der chinesische ökologische Aufbruch reicht vom Plastikverbot bis zu Experimenten weg von der Orientierung am Wirtschaftswachstum, hin zur geplanten Steigerung der Lebensqualität. Es gibt inzwischen ein flächendeckendes Böllerverbot zur Reduzierung der Feinstaubbelastung, was in der Erfindernation des Feuerwerks ein erheblicher Kulturbruch ist. Ein weiterer Kulturbruch ist ein Gesetz gegen Nahrungsmittelverschwendung, da zur chinesischen Gastfreundschaft traditionell ein üppiges Überangebot von Speisen gehört.

Die Forschung zu klimaneutralen Mobilfunknetzen wird forciert. Nachhaltige Alltagsmaterialien aus Stroh, Bambus oder Reis sind allgegenwärtig. Sein Bahnticket oder eine Handy-Aufladung kann man für das Einwerfen leerer Flaschen in Automaten erstehen. Das Land ist insgesamt auf dem Weg zur Klärung des chinesischen Traums vom wohlhabenden statt „reichen“, glücklichen und „schönen“ Land, zu einer Ökologischen Zivilisation eben.

Die Bilanz der Ökologischen Zivilisation Chinas auf allen Feldern ist ohne Beispiel in der Welt. Es ist die experimentelle Dynamik des „Systems“, geführt und kontrolliert durch die KPCh, die Integration des kollektiven Lernens in alle Prozesse, das parallele Entwickeln verschiedenster Technologien, die agile Industriepolitik zwischen Regulieren, Gehenlassen, Lernen, Standardisieren und Wieder-Gehenlassen sowie die staatliche und gesellschaftliche kollektive Handlungs- und Organisationsfähigkeit. Sie schließt eine größere individuelle Handlungsfähigkeit ein, zum Beispiel für die vielen Millionen Startups und die vielen „grünen Einhörner“. Es sind insbesondere Gründerinnen – 52 Prozent der Startups werden inzwischen von Frauen aufgebaut – die die Dynamik an dieser Stelle des Systems anfeuern. Kombiniert mit der ökologischen Massenmobilisierung lassen sich Konturen eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts erkennen.

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"Bäume für alle", UZ vom 24. Februar 2023



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