Es ist richtig: Auch die Auseinandersetzungen um den Fußball spielen sich nicht im luftleeren Raum ab. Sie sind Teil des Kampfes der Massen um die Teilhabe an der Welt. Das zu missachten wäre sträflich. Genauso sträflich wäre es allerdings, die Rolle des Fußballes in diesem Kampf zu überhöhen. Raphael Molter schreibt, dass die Formierung der deutschen Fanbewegung eine echte Gefahr darzustellen scheint für das politische Ziel einer formierten Gesellschaft in Zeiten der Krise und des Krieges. Wir sollten vorsichtig sein, dem unbesehen zuzustimmen. Natürlich hat er recht, dass die Proteste in den Stadien auch zutiefst in jenen gesellschaftlichen Umständen wurzeln, in denen ein Großteil der Besucher gezwungen ist zu leben. Es sei aber durchaus die Frage gestattet, ob das nicht längst eingepreist ist in dem, was die bürgerliche Gesellschaft aus dem Fußball gemacht hat: Ein Ventil, aus dem der Dampf entweichen kann, ohne Schaden anzurichten. Der Fußball ist eben längst nicht mehr nur eine von den Massen getragene Massenkultur. Er ist auch gehätscheltes Kind der Unterhaltungsindustrie, die die Menschen abzurichten hat, weiter im Alltag der überkommenen Verhältnisse zu funktionieren. Es ist löblich, was so manche Fanszene an sozialem Zusammenhang zu schaffen vermag. Trotzdem ist immer wieder zu fragen, an welcher Stelle das längst geschickt vereinnahmt ist durch die, die wissen, dass man mit „Brot und Spielen“ die Welt geräuschlos regieren kann. Auch dann, wenn es im Stadion mal ziemlich laut hergeht.
Brot und Spiele
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"Brot und Spiele", UZ vom 6. Februar 2026


