Wenn der Winter sich einfach nicht verziehen will und der Frühling ungebührlich lang auf sich warten lässt, wenn es zu nass zum Spazieren und zu kalt für den Schwimmbadbesuch ist, muss ein Wohlfühlprogramm her. Schaumbad, eine große Kanne besten Tees, ein gutes Buch und manchmal auch einfach Lieblingssnacks und ein Filmnachmittag, um den Winterblues aus dem Sonntagnachmittag zu vertreiben. Besonders eignen sich dazu gut gemachte Literaturverfilmungen, und so waren wahrscheinlich nicht wenige Menschen erfreut, neben Albernheiten wie einer neuen halben Staffel „Bridgerton“ bei Netflix auch eine neue Verfilmung eines Agatha-Christie-Krimis zu finden. Die klassischen Whodunnits haben einen ebenso klassischen Unterhaltungswert, markige, wie liebenswerte Charaktere von Hercule Poirot bis Miss Marple, es darf mitgeraten werden, wer es denn nun war, die Brutalität von Verbrechen gerät in den Hintergrund. Und immer wieder wird sich an (Neu-)verfilmungen versucht. Dabei kamen großartige Ergebnisse heraus, wie zum Beispiel die Verfilmung von „Mord im Orient-Express“ von Kenneth Branagh (Regie und Hauptrolle) mit einer illustren Besetzung von Johnny Depp über Penélope Cruz und Michelle Pfeiffer bis Judi Dench. Und auch wenn wirklich jeder weiß, wer es war im Orient-Express, ist die Verfilmung ein Vergnügen, vor allem für die Augen, dank der Kameraführung von Hans Zambarloukos. Und auch wenn die beiden Fortsetzungen („Tod auf dem Nil“ und „A Haunting in Venice“) nicht an den „Mord im Orient-Express“ anknüpfen konnten (was aber auch für die Vorlage gilt): Auch sie eignen sich hervorragend als Gegenmittel für den Sonntagsblues. Also her mit der neuen Serie? Besser nicht.
„Agatha Christie’s Seven Dials“ ist eine Miniserie aus der Hand von Regisseur Chris Sweeney und der Feder von Chris Chibnall und ist in drei Folgen an einem verregneten Sonntag gut zu schaffen. Das ist allerdings fast das einzig Positive, das man über die Serie sagen kann.
Auf dem Landsitz einer adeligen Familie, die diesen aus akuter Geldnot an Sir Oswald Coote vermietet hat, findet eine Party statt. Eingeladen zu der Sause sind auch ein paar junge Männer, Mitarbeiter des britischen Außenministeriums. Einer von ihnen hat den Ruf, den halben Tag zu verschlafen, wenn er nicht geweckt wird, also verstecken seine Freunde mehrere Wecker in seinem Zimmer. Als die morgens das gesamte Haus terrorisieren, taucht der Gefoppte trotzdem nicht auf – er liegt tot im Bett, gestorben an einer Überdosis Schlafmittel.
Ohne zu viel zu verraten: Schon die Romanvorlage hat wenig mit Poirot oder Marple zu tun. Vielmehr ist es eine unterhaltsame Jagd, Verschwörung, Geheimbünde und Staatsgeheimnisse inklusive. Haupt„ermittlerin“ ist in Roman wie in Serie Lady Eileen „Bundle“ Brent (Mia McKenna-Bruce), die Tochter der verarmten Adelsfamilie, die während der Vermietung mit ihrer Mutter im Gartenhaus wohnen muss. Vom Plot des Krimis soll hier nicht mehr verraten werden, aber das Team Sweeney/Chibnall lässt den Gemütsverfassungen der Charaktere so viel Raum, dass für die Ermittlung kaum Platz mehr bleibt. Und zwar so wenig, dass man sich zwischendurch immer wieder fragt, woher denn nun der neue Ermittlungsansatz kommt. Hat die Verfilmung tatsächlich riesige Löcher in der Erzählung oder ist man kurz eingenickt? Keine Frage, die man sich bei einem vergnüglichen Filmabend stellen will. Und warum sich für die Netflix-Serie ein bescheuertes neues Ende ausgedacht werden musste, versteht auch kein Mensch.
Richtig unglücklich erweist sich auch noch die Besetzung. Helena Bonham Carter spielt Bundles Mutter, die ums (finanzielle) Überleben der Familie ringt, nachdem Mann und Sohn im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Dabei agiert sie überaus exzentrisch, schnippelt ständig an Pflanzen herum und steht der Eigenständigkeit der Tochter hilflos gegenüber. Und ist damit ein Abklatsch ihrer selbst in der Rolle der Mutter von „Enola Holmes“, der ebenfalls für Netflix produzierten Verfilmung der Jugendbuchserie von Nancy Springer (siehe UZ vom 2. Oktober 2020 und vom 18. November 2022).
Es gibt keinen Grund, sich den Sonntagnachmittag mit „Agatha Christie’s Seven Dials“ noch grauer zu machen. Also doch lieber Buch in der Badewanne.
Agatha Christie’s Seven Dials
3 Folgen à 50 Minuten
Unter anderem mit:
Mia McKenna-Bruce, Edward Bluemel, Helena Bonham Carter und Martin Freeman
Abrufbar auf Netflix









