Lenin, der Kolonialismus und die nationale Frage

Die Frage konkret gestellt

Die Fragen nach Kolonialismus, Neokolonialismus, nach antikolonialen Befreiungsbewegungen, der nationalen Frage und der nach dem Verhältnis von Antikolonialismus und Antiimperialismus sind für Kommunisten entscheidende. Mit der Serie „Antikolonialismus gestern und heute“ wird UZ diesen Fragen nachgehen.

„Ein Volk, das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzipieren. Die Macht, derer es zur Unterdrückung der anderen bedarf, wendet sich schließlich immer gegen es selbst.“ Mit diesen Worten wies Friedrich Engels 1874 auf den Zusammenhang zwischen der sozialen Revolution und dem nationalen Befreiungskampf hin. Für Marx und Engels war der proletarische Internationalismus nicht primär eine moralische Frage, sondern eine strategische Notwendigkeit, die sich aus dem globalen Charakter des Kapitalismus ergibt. Die koloniale Ausplünderung war als Quelle der ursprünglichen Akkumulation zunächst einer der Hauptfaktoren für die Herausbildung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung in Europa. Doch lange nach der „Sprengung der feudalen Schranken der Produktion” trug das Kolonialsystem weiterhin zur Festigung der bürgerlichen Herrschaft bei. Bereits 1882 stellte Engels in einem Brief an Karl Kautsky den Zusammenhang zwischen der Beschwichtigung der Arbeiterbewegung und der Ausbeutung der Kolonialuntertanen her: „Sie fragen mich, was die englischen Arbeiter von der Kolonialpolitik denken? Nun, genau dasselbe, was sie von der Politik überhaupt denken … Es gibt hier ja keine Arbeiterpartei, es gibt nur Konservative und Liberal-Radikale, und die Arbeiter zehren flott mit von dem Weltmarkts- und Kolonialmonopol Englands.“ Die hegemoniale Sonderstellung Englands in der Weltwirtschaft war also die materielle Grundlage für den ausgeprägten Reformismus unter den englischen Arbeitern. Engels bemerkte diesbezüglich, dass „das englische Proletariat faktisch mehr und mehr verbürgert, so dass diese bürgerlichste aller Nationen es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewissermaßen gerechtfertigt.“

„Sozialistische Kolonialpolitik“

Als der Kapitalismus um die Wende zum 20. Jahrhundert in sein imperialistisches Stadium eintrat, wurde die Kolonialpolitik zu einem zentralen Streitpunkt innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung. Der niederländische Sozialdemokrat Henri van Kol startete 1904 auf dem 6. Internationalen Sozialistenkongress in Amsterdam den ersten Angriff auf den antikolonialen Konsens der Zweiten Internationale. Van Kol – der eine Plantage auf der niederländischen Kolonie Java besaß und stolz darauf war, seine Untertanen „menschlich“ zu behandeln – erklärte dem Kongress, dass man „nicht einfach auf die alten Kolonien verzichten“ kann. Die Kolonialvölker seien „nicht an eine Selbstverwaltung gewöhnt“. Doch wichtiger noch sei, dass „die neuen Bedürfnisse, die nach dem Sieg der Arbeiterklasse und nach ihrer Befreiung entstehen, selbst bei der sozialistischen Ordnung der Zukunft kolonialen Besitz notwendig machen“.

Zusammen mit Eduard Bernstein und Eduard David von der SPD bereitete van Kol eine Resolution für den nächsten Kongress im Jahr 1907 vor, um die Position der Zweiten Internationale in der kolonialen Frage offiziell zu revidieren. Dort hieß es, dass der Kongress „nicht prinzipiell und für alle Zeiten jede Kolonialpolitik, die unter sozialistischem Regime zivilisatorisch wirken können“ verwirft. Die Resolution scheiterte auf dem Kongress, aber nur knapp. Fast die Hälfte der Delegierten hatte sich hinter die Idee der „sozialistischen Kolonialpolitik“ gestellt. Die Verbürgerlichung, die Engels zwei Jahrzehnte zuvor in England aufgegriffen hatte, hielt nun in großen Teilen der Internationale Einzug. Auch in der SPD-Führung vollzog sich eine Abkehr vom Internationalismus hin zum „Sozialchauvinismus“. Nach dem Herero-Aufstand in „Deutsch-Südwestafrika“ im Jahr 1904 verurteilte die SPD das Vorgehen des Kaisers, jedoch nicht aus einem internationalistischen Standpunkt heraus, sondern aus der Perspektive des Wohls des Vaterlandes: Die Partei sah „in den deutschen Kolonien keine Stärkung, sondern eine Schwächung Deutschlands“. Somit wurde die internationale Solidarität immer mehr zu einer leeren Floskel. Der offene Schwenk der SPD-Führung zu den Positionen der Bourgeoisie im Jahr 1914 war daher auch in der kolonialen Frage verwurzelt.

Der Antikolonialismus der Bolschewiki

Während die Mehrheit der Zweiten Internationale den Kolonialvölkern kaum Beachtung schenkte, richtete Wladimir Lenin seine Aufmerksamkeit zunehmend nach Osten. Er sah im „Erwachen Asiens“ nach 1905 die Entstehung einer neuen antiimperialistischen Dynamik und integrierte diese in seine Revolutionstheorie. „Der Weltkapitalismus und die russische Bewegung des Jahres 1905 haben Asien endgültig wachgerüttelt. Hunderte Millionen einer eingeschüchterten, in mittelalterlicher Stagnation niedergehaltenen Bevölkerung sind zu neuem Leben und zum Kampf für die elementaren Menschenrechte, für die Demokratie erwacht … an die Stelle (der) bei lebendigem Leibe verfaulenden Bourgeoisie treten bereits das Proletariat der europäischen Länder und die junge, vom Glauben an ihre Kräfte und vom Vertrauen zu den Massen erfüllte Demokratie der asiatischen Länder. Das Erwachen Asiens und der Beginn des Kampfes des fortgeschrittenen Proletariats Europas um die Macht kennzeichnen die neue Ära der Weltgeschichte, die Anfang des 20. Jahrhunderts angebrochen ist.“

Die koloniale Frage spielt in Lenins Revolutions- und Imperialismustheorie in dreierlei Hinsicht eine zentrale Rolle. Erstens bezeichnet Lenin die Unterscheidung zwischen unterdrückten und unterdrückenden Nationen als „das Grundlegende, Wesentliche und Unvermeidliche beim Imperialismus“. Er hebt diese Unterscheidung hervor, um den „bürgerlich-demokratischen Lug und Trug“ über die „koloniale und finanzielle Versklavung der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung des Erdballs durch eine verschwindende Minderheit der reichsten fortgeschrittenen kapitalistischen Länder“ zu entlarven. In Anlehnung an Engels sieht Lenin in der Ausbeutung der Kolonien die materielle Grundlage für den Opportunismus: „In allen zivilisierten fortgeschrittenen Ländern raubt die Bourgeoisie – auf dem Wege entweder der kolonialen Unterdrückung oder des Herausziehens finanzieller ‚Vorteile‘ aus formell unabhängigen schwachen Völkern – eine Bevölkerung aus, die die Bevölkerung ‚ihres‘ Landes um ein Vielfaches übertrifft. Daher die ökonomische Möglichkeit der ‚Extraprofite‘ für die imperialistische Bourgeoisie und der Verwendung von einem Teil dieses Extra-profits zur Bestechung einer gewissen Oberschicht des Proletariats, um sie in reformistisches, opportunistisches, die Revolution fürchtendes Kleinbürgertum zu verwandeln.“ Immer wieder unterstreicht Lenin „diesen tiefsten Zusammenhang zwischen gerade der imperialistischen Bourgeoisie und dem Opportunismus“, denn daraus folgert er seiner These der „Unvermeidlichkeit des Bruchs mit dem Sozialchauvinismus“.

Zweitens: Aus diesem Zusammenhang geht ebenfalls hervor, dass der Kampf der Proletarier in den Metropolen untrennbar mit der nationalen Befreiung der unterdrückten Völker verbunden ist. Die Erstickung der Revolution in Westeuropa nach 1918 bestärkte Lenins frühere Vermutung, dass der Sozialismus über den Weg eines antiimperialistischen Weltprozesses erkämpft werden muss: „Es wird immer klarer, dass die über der ganzen Welt heraufziehende sozialistische Revolution keinesfalls nur in dem Sieg des Proletariats eines jeden Landes über die eigene Bourgeoisie bestehen wird. Das wäre möglich, wenn die Revolutionen leicht und rasch vonstatten gingen. Wir wissen aber, dass die Imperialisten das nicht zulassen werden, dass alle Länder gegen ihren inneren Bolschewismus gerüstet und nur mit dem Gedanken beschäftigt sind, wie sie den Bolschewismus bei sich zulande besiegen können. Deshalb reift in jedem Land der Bürgerkrieg heran, an dem die alten sozialistischen Paktierer an der Seite der Bourgeoisie teilnehmen sollen. Somit wird die sozialistische Revolution nicht nur und nicht hauptsächlich ein Kampf der revolutionären Proletarier eines jeden Landes gegen die eigene Bourgeoisie sein, nein, sie wird ein Kampf aller vom Imperialismus unterdrückten Kolonien und Länder, aller abhängigen Länder gegen den internationalen Imperialismus sein.“ Die antiimperialistische Solidarität in Wort und Tat ist somit für die Arbeiterbewegung während der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus unverzichtbar.

Drittens, diese Tatsache verlangt von den Kommunisten die Entwicklung konkreter antikolonialer Strategien. Wie in der Innenpolitik mussten die Bolschewiki nun in der Außenpolitik Neuland betreten. Welche Kräfte besitzen ein revolutionäres Potenzial im nationalen Befreiungskampf? Welche Rolle spielt Religion in den nationaldemokratischen Bewegungen? Können ehemalige Kolonien zum Sozialismus fortschreiten, ohne das kapitalistische Entwicklungsstadium durchlaufen zu müssen? Das waren die Fragen, mit denen sich die neu gegründete Kommunistische Internationale (Komintern) befassen musste. Für Lenin war es „besonders wichtig, … bei der Lösung aller kolonialen und nationalen Fragen nicht von abstrakten Leitsätzen, sondern von den Erscheinungen der konkreten Wirklichkeit auszugehen“. Das heißt, genau zu untersuchen, welches historische Entwicklungsstadium ein bestimmtes Land durchläuft und welche Besonderheiten es in der nationalen Frage aufweist.

Die Rückständigkeit in Asien und Afrika machte Bündnisse mit nicht-proletarischen Kräften nötig. Kommunisten dürften sich in dieser Hinsicht nicht von formalen Etiketten aufhalten lassen. Lenin erkannte beispielsweise nüchtern die Tatsache an, dass die antikoloniale Bewegung in Java „im Zeichen des Islams erwacht ist“ oder dass der monarchistische Emir von Afghanistan aufgrund seines Kampfes gegen den britischen Kolonialismus ein Verbündeter war. Bewegungen in den unterdrückten Ländern sollten „nicht vom Standpunkt der formalen Demokratie, sondern vom Standpunkt der wirklichen Resultate in der Gesamtbilanz des Kampfes gegen den Imperialismus“ eingeschätzt werden (Stalin). Auf dem 1. Weltkongress der Komintern brachte der Holländer S. J. Rutgers diese Position auf den Punkt: Die Kommunisten wünschen „ein aktives Zusammenwirken (mit den Kolonialvölkern), auch unabhängig davon, ob (sie) ihre eigene Ideologie, ihre eigene Religion besitzen oder nicht“. Was zählt, ist „die Grundlage des Widerstandes gegen den Imperialismus“. In diesem Sinne sollten die Kommunisten in den Ländern des Ostens nicht eigene Bewegungen ins Leben rufen, sondern in den existierenden nationalen Bewegungen arbeiten und dort den wissenschaftlichen Sozialismus hineintragen. Die konkrete Praxis der folgenden Jahrzehnte, insbesondere in Ost- und Westasien, zeigte jedoch, wie kompliziert diese Aufgabe war. Es war notwendig, Taktiken entsprechend den spezifischen Entwicklungsphasen der Bewegung und des Kampfes stets zu überprüfen.

Solidarität als Waffe

Die koloniale Frage hat sich in der Geschichte der Arbeiterbewegung immer wieder als Prüfstein erwiesen. Ob Proudhon zu Marx‘ Zeiten, die Bernsteinianer am Vorabend des Ersten Weltkriegs oder die „westlichen Marxisten“ nach 1917 – alle haben den Zusammenhang zwischen nationaler Befreiung und dem Kampf für den Sozialismus verkannt oder geleugnet. Durch die „konkrete Analyse der konkreten Situation“ gelangten die Bolschewiki zu der Erkenntnis, dass der Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium nur überwunden werden kann, wenn er von beiden Seiten gleichzeitig geschwächt wird – von der Arbeiterbewegung in den „Metropolen“ und der nationalen Bewegung in den unterdrückten Ländern. Sonst wird die imperialistische Bourgeoisie immer in der Lage sein, sich auf die eine als Reserve zu stützen, um die andere zu zerschlagen.

Die 1940er Jahre bestätigten auf schrecklichste Weise Engels’ Vorhersage, dass die Macht, derer ein Volk zur Unterdrückung eines anderen bedarf, sich schließlich gegen es selbst wenden wird. Der deutsche Faschismus richtete die Grausamkeit der europäischen Kolonialpolitik nach innen. Heute zeichnet sich eine ähnliche Gefahr am Horizont ab, die nur durch entschlossenen und breiten Widerstand abgewendet werden kann. Gerade in Zeiten von Militarisierung und der Neuaufteilung der Welt unter den imperialistischen Mächten ist es die dringende Aufgabe der Kommunisten, einen konsequenten Antikolonialismus innerhalb der Arbeiterbewegung zu verfechten. Vereinfachte und abstrakte Leitsätze, die zu einer „Äquidistanz-Position“ führen, verschleiern nur, wer der wahre Aggressor ist, und setzen den Unterdrückten mit dem Unterdrücker gleich. Das „charakteristische Merkmal des Imperialismus“ ist eben die Ausbeutung „einer großen Zahl unterdrückter Völker“ durch „eine verschwindende Zahl unterdrückender Völker“ (Lenin). Die Verbindung zwischen der imperialistischen Bourgeoisie und dem Opportunismus muss aufgedeckt werden. Der Kampf gegen die Sozialpartnerschaft ist eben auch der Kampf gegen den Neokolonialismus. Hierzu bleibt die antiimperialistische Solidarität mit den anderen Kräften im revolutionären Weltprozess die mächtigste Waffe in unserem Arsenal.

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"Die Frage konkret gestellt", UZ vom 30. Januar 2026



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