Zwei Romane gehen sehr unterschiedlich mit Weltaneignung um

Dorfleben

Von Jürgen Meier

Julie Zeh

Unterleuten

btb-Verlag

TB, 656 Seiten, 12,-Euro

Dörte Hansen

Mittagsstunde

Penguin-Verlag

geb., 320 Seiten, 22,-Euro

Zwei Autorinnen, zwei Romane. In einem nimmt Juli Zeh das Dorf „Unterleuten“ in Brandenburg unter die Lupe, im anderen macht dies Dörte Hansen mit dem Ort Brinkebüller in Nordfriesland.

Eine Vorrede

Literatur schafft eigene „Welten“. Im literarischen Schöpfungsprozess wird versucht, den vom Autor oder der Autorin vorgestellten Inhalt so in Formen, Figuren, Gegenstände zu setzen, dass diese am Schreibtisch neu entstandene „Welt“ im Leseprozess als mögliche Realität empfunden wird. Wenn dies gelingt, erfährt der oder die Lesende diese Geschichte als Kern des eigenen Lebens, diese Welt wird erfahrbar. Sie erkennen den eigenen Lebenskern und kritisieren von hier das Leben, das sie bislang gelebt haben. Das flüchtige Hier und Jetzt wird zum Verweis auf die historische Wandlung des Menschengeschlechts und der Einzelmensch wird zum Typus der Entwicklung gestaltet. Kein Künstler kann Literatur schaffen, ohne die Wirklichkeit des Lebens positiv oder negativ zu bewerten. Die Künstler gestalten die Wirklichkeit, müssen aber, wenn sie den sozialen Auftrag der Kunst erfüllen wollen, einen Standpunkt einnehmen. Durch ihre Parteilichkeit gegenüber der konkreten Wirklichkeit wird so eine böse Tat zum Element des gesellschaftlichen Lebens und gerät in keinen Gegensatz zur ethischen Empfindung, die das Böse der menschlichen Kultivierung beseitigen will, was die Ästhetik selbst nicht vermag. „Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten“, nannte das Lessing. Ohne ethisch klare Parteilichkeit gelingt keine ästhetische Produktion. Denn die Kunst ist, wie Lukács sagt, „universalisierter Humanismus“, dem die klassenmäßige Entscheidung zugrunde liegen kann. Die Kunst bereitet seelisch vor, welche menschlichen Werte gestärkt, geschwächt oder vernachlässigt werden können.

„Unterleuten“

Jule, die kleine Sophie ständig an der Brust, hasst ihren Nachbarn, den sie „das Tier“ schimpft. „Jeder sitzt auf seiner Beute und schlägt nach den anderen“, sagt „das Tier“. Aus seiner Autowerkstatt hat er eine Müllhalde gemacht, auf der er, zu Jules Verzweiflung, kontinuierlich Autoreifen verbrennt. Jule ist mit dem Berliner Professor Gerhard Fließ von der Humboldt-Universität nach „Unterleuten“ geflüchtet, einem Dorf, dessen Leben vor der Einnahme der DDR durch die BRD von der Gemeinschaft einer LPG „Gute Hoffnung“ dominiert. Unter Führung des LPG-Vorsitzenden Rudolf Gombrowski wurde sie in die Ökologica GmbH transformiert. Gombrowski ist Sohn des Grundbesitzers, dessen Land in der DDR in die LPG „Gute Hoffnung“ verwandelt wurde. Das von der Regierung unterstützte Engagement für eine Windkraftanlage forciert dann die inneren Dorfkonflikte. Gombrowski, der partizipieren will, scheitert auf ganzer Linie. Er nimmt sich am Ende des Romans zwanzig Meter unter der Erde in den Gängen der Wasserversorgung das Leben. Kron, ehemaliger Brigadeführer der LPG, will kein Kommunist mehr sein. Er entschied, „seine eigenen Windmühlen zu bauen, statt gegen fremde anzutreten“. „Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden. Sich dagegen wehren zu wollen, wäre gleichbedeutend mit dem Aufstand gegen ein Naturgesetz.“ Die Städter, glaubt er zu wissen, „könnten den Kreislauf durchbrechen“. Sie könnten nach und nach ein neues Unterleuten begründen. Auch Jule, wie alle anderen Figuren des Romans, scheitert. Jule kehrt zurück nach Berlin. „Weil die Stadt niemandem gehörte, gehörte niemand die Stadt.“ Die Stadt auf der einen, das Dorf auf der anderen Seite, so der Nachgeschmack der Lektüre, scheinen die Ursache für die menschlichen Grausamkeiten zu sein.

Der Roman liest sich, raffiniert geschrieben, wie ein Werk von Nietzsche, in dem sich die Menschheit als Gattung nicht finden lässt und ethische Orientierung geleugnet wird. Alles ist nur grausam in dieser „Welt“ der Julie Zeh. Die Besonderheit, nämlich im Menschenschicksal das Menschheitsschicksal spüren zu können, gibt es nicht. Es herrscht Nihilismus. Mit Kunst, die Selbstbewusstsein der Menschen fördern muss, hat der Roman nichts zu tun.

Mittagsstunde

„Alles Göttliche lief ab an ihrem Fell wie Wasser am Gefieder einer Gans“, ärgert sich der Dorfpfarrer. „Der Gott von Sönke Feddersen“, den Gastwirt im Dorfkrug Brinkebüll und Großvater von Ingwer, dem Sohn seiner Tochter Marret, „war so penibel wie ein Brotschneider in Magnitogorsk. Für das, was man verbrochen hatte, zahlte man, so einfach war das. Weil Gerechtigkeit von Rechnen kam und Schuld von Schulden. Man konnte sich auf diesen Gott verlassen, Sönke hatte mit ihm Hunger, Kälte, Typhus überlebt  Auge um Auge. Vier Rotarmisten abgeknallt, vier Zehen abgefroren in Magnitogorsk. Diejenigen, die rechnen konnten, waren besser durchgekommen. Die  verstanden hatten, dass sie nicht zufällig da saßen, schuldlos steif gefroren in Baracke 64, schicksalhaft und ungerechterweise in Gefangenschaft geraten. Es war einfacher, wenn man begriffen hatte, dass man abbezahlte. Fast tausend Tage Lager, und er wusste ganz genau, wofür.“

Der Roman, in dem die „verdrehte“ Marret allerorts prophezeit: „De Welt geiht ünner,“ zeigt in jeder Phase, dass der Mensch allein verantwortlich ist für das, was in der Gesellschaft geschieht. Als 1965 die Landvermesser kommen, werden die „Felder riesengroß, die Wälle und die Streuobstwiesen ‚weggehobelt‘, und die ersten Starfighter der Bundeswehr kamen in Richtung Nordsee über Brinkebüll geflogen. Es klang wie eine Explosion, wenn der Pilot die Schallmauer durchbrach, ein Donner, der vom Himmel kam, er konnte nur ein Zeichen sein. ‚Na, Marret, geiht de Welt mol wedder ünner?‘“

Die Autorin zeigt ethische Haltung gegenüber der zerstörerischen Wirkung des Kapitalismus. Nachdem die kleinen Bauern ihre „Abschaffungsprämie“ erhalten haben und die großen Bauern immer größer werden, sind die Kasernen, Übungsplätze, Munitionsdepots und Fliegerhorste die „Bauernauffanglager“. „Von Pflugscharen auf Schwerter umgeschult, es hatte auch sein Gutes. Man machte sich nicht tot, man war nicht mehr auf Sonne, Wind und Regen angewiesen. Brauchte sich mit der Natur nicht mehr herumzuplagen.“ Was wie Nihilismus klingt, ist Ironie, die deutlich macht: Ohne Natur keine Menschheit.

Eine Nachrede

Denis Scheck, Tausendsassa im Literaturbetrieb und bekannt durch seine TV-Sendungen, bezeichnet sowohl Hansens Roman als „ein literarisches Ereignis“ („3Sat“), als auch Juli Zehs Roman als „einen literarischen Triumph“. („Tagesspiegel“) Sind sie wirklich gleich zu bewerten? Was sind Schecks Maßstäbe? Oder hat er nur Marketing-Anforderungen und Anbiederungen im Kopf? Es scheint so, wenn der Leser sich beider Romane annnimmt, bleibt von der Meinung Schecks nichts übrig.

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"Dorfleben", UZ vom 18. April 2019



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