„Wir Frauen“ setzt 2022 unter anderem auf Komikerinnen

Wenn man trotzdem lacht

Die Corona-Infektionszahlen steigen, die Herrschenden in diesem und anderen Ländern trommeln immer lauter zum Krieg gegen Russland und China und in Polen sterben Frauen an Schwangerschaftskomplikationen, weil Ärztinnen und Ärzte aufgrund des Abtreibungsverbots Angst davor haben, für die Behandlung in den Knast zu wandern. Mit anderen Worten: Es gibt gerade wenig bis nichts zu lachen. Gerade für Frauen.

Vielleicht haben sich Florence Hervé, Melanie Stitz und Mechthilde Vahsen, die Herausgeberinnen des „Wir Frauen“-Kalenders, deswegen dazu entschieden, das Lexikon des diesjährigen Kalenders Komikerinnen zu widmen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass „alles was eine Clownin ausmacht (…) in unversöhnlichem Gegensatz zu dem, was das Patriarchat an einer Frau schätzt“ steht, wie Gardi Hutter sagt. Für diese kluge Erkenntnis durfte sie aufs Titelbild des „Wir Frauen“-Kalenders 2022.

Ansonsten widmet sich der Kalender rebellischen und aufbegehrenden Frauen aus mehreren Jahrhunderten, aus Kunst und Kultur, Wissenschaft, Politik und Bewegung, und feiert die runden Geburtstage von Frauen wie Karin Michaëlis und Alexandra Kollontai und die wunderbare Freundschaft zwischen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg.

Auch Manssija „Manschuk“ Mametowa, deren Geburtstag sich am 23. Oktober kommenden Jahres zum 100. Mal jährt, hat ein eigenes Kapitelchen bekommen. Sie wurde als Kind armer Bauern in einem Steppen-Aul (einer Art wanderndem Dorf) geboren und wuchs später in der ostkasachischen Großstadt Semipalatinsk auf. 1939 wurde sie Mitglied des Komsomol und Schülerin einer medizinischen Fakultät. Als Nazi-Deutschland 1941 die Sowjetunion überfiel, wollte Manschuk sofort an die Front, was ihr aber auf Grund ihres jungen Alters verweigert wurde. Sie blieb hartnäckig und wurde schließlich in einen Unteroffiziersrang befördert und hatte teilweise das Kommando über die MG-Schützen ihrer Einheit inne. 1943 starb Manschuk bei der Rückeroberung Newels. Bei einem zeitweiligen Rückzug der Roten Armee blieb sie auf dem Schlachtfeld, um ihren Kameraden Schutz zu bieten – aus drei MGs nacheinander. Am 1. März 1944 erhielt Manssija Mametowa als erste asiatische Frau den Titel „Held der Sowjetunion“.

Wer von Frauen wie Manschuk und anderen Heldinnen und Vorkämpferinnen erfahren möchte, ist mit dem bei PapyRossa erscheinenden Kalender gut beraten. Die kleineren Vorstellungen, über die Tage des Jahres verteilt, machen auf Frauen aufmerksam, deren Geschichte man recherchieren, deren Forschung man sich anschauen und deren Bücher man lesen sollte. Zusätzlich gibt es kleine, vergnügliche Essays, zum Beispiel über die Frage, warum Frauen jetzt auch noch zu den „Umweltverantwortlichen“ der Familien gemacht werden, und nützliche Tipps, wie zum Beispiel zu feministischen Podcasts, die den Quarantäne-Alltag versüßen und zum Nachdenken anregen. Zusätzlich findet sich im „Wir Frauen“-Kalender Platz für Adressen und Notizen, ein Menstruationskalender und – ganz wichtig – eine ausfüllbare Liste zu verliehenen Büchern.


Wir Frauen 2022
Herausgegeben von Florence Hervé, Melanie Stitz und Mechthild Vahsen
PapyRossa Verlag, 12,90 Euro
Erhältlich unter uzshop.de


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Wenn man trotzdem lacht", UZ vom 26. November 2021



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