Richtig blöd ist für Journalisten ja, wenn Saure-Gurken-Zeit ist, Sommerloch oder ähnliche plötzliche Nachrichtenflauten. Außer dem üblichen Dickicht von Politikeransprachen und der Aufregung um Verbotsbefürwortung und -ablehnung von Silvesterknallerei ist auch der Jahresanfang manchmal recht nachrichtenarm. In diesem Jahr kann sich aber echt kaum ein Ressort beschweren.
Doof ist nur, wenn die Nachrichten so gar nicht zur zu vermittelnden Politagenda passen. Da ist es ganz gut, wenn man eh keinen weitergehenden Vertrag mit der Wahrheit hat. Die ARD erklärt zum Beispie zu Venezuela direkt auf der Seite der „Tagesschau“: „Die Korrespondentinnen und Korrespondenten der ARD erhalten seit fünf Jahren in der Regel keine Journalistenvisa für die Einreise nach Venezuela. Daher erfolgt die Berichterstattung über Venezuela von außerhalb des Landes, vor allem aus dem ARD-Studio Mexiko-Stadt.“ Also kann Anne Demmer, die Leiterin des Hörfunkstudios in Mexiko-Stadt, sich auch damit zufriedengeben, die Stimmung in Venezuela in einem Artikel zusammenzufassen, der aus von der BBC geführten Interviews und nicht näher definierten YouTube-Videos besteht. „Angst vor Repressionen hält Menschen im Haus“, weiß sie so zu berichten – Fotos von Demonstrationen in Caracas gegen den Angriff der USA zeigen ein anderes Bild. Aber es ist halt auch eine schwierige Aufgabe, über Venezuela zu berichten, wenn man doch eigentlich stets Maduro verteufelt hat, sich jetzt aber Trump als derjenige rausstellt, der Mord und Entführung befiehlt.
Da müssten es die Kollegen aus der Innenpolitik eindeutig leichter haben, immerhin sind sie vor Ort und das beherrschende Thema ist auch zu schön: Stromausfall in Berlin. Da menscheln Schicksalsreportagen, der Berliner Senat versagt komplett, während der Chef Tennis spielen ist. Dann gibt es auch noch ein „linkes“ Bekennerschreiben und findige Vertreter der Journalistenzunft könnten glatt mal recherchieren, ob die „Vulkangruppe“ noch existiert.
Aber noch schöner wäre natürlich, wenn es der Russe wäre, dachten sich die Journalisten bei der dpa und gaben eine Meldung heraus, in der sie versuchten, aus Gerüchten Fakten zu konstruieren – damit das Gerücht am Schluss die Meldung ist. „Die KI-Expertin Andrea Schlüter“, heißt es in der Meldung, „die sich mit Sprache beschäftigt und Seminare gibt, schreibt bei Bluesky, sie sei sich bei ‚einigen Formulierungen ziemlich sicher, dass sie NICHT originär im Deutschen verfasst wurden‘.“ Eine kleine Google-Recherche zeigt, Andrea Schlüter ist keine Linguistin, sondern „Head of Strategy, Operations and Partnerships“ des „TÜV AI.Lab“, das zum Ziel hat, „die regulatorischen Anforderungen an KI in die Praxis zu übersetzen und Europa zum Hotspot für sichere und vertrauenswürdige KI zu machen“ – warum die dpa ausgerechnet sie und ihre Anmerkung zu angeblich im deutschen ungebräuchlichen Formulierungen wie „Nur der Schreck darüber, wo wir als Menschheit gelandet sind“ oder „Die Bedenken gehen gegen Null, wenn …“ zum Maßstab aller Dinge macht, bleibt nicht lange ein Geheimnis. Die Meldung über den Russen soll in die Zeitungen, auch wenn wir keinen seriösen Experten haben, der sich daran die Finger schmutzig macht. Und so wird weiter aus der Unterhaltung auf Bluesky zitiert: „Jemand anderes erklärt: ‚Wer für Vance ‚Vans‘ schreibt, kennt den Namen (nur oder vorwiegend) aus der üblichen kyrillischen Schreibweise.‘“ Und noch besser: „Ein User stützt sich auf eine computergestützte Analyse und kommt zu dem Ergebnis: ‚Der Text weist grammatikalische Muster auf, die im Deutschen unnatürlich wirken und auf spezifische Transferfehler hindeuten.‘“
Zusammengefasst stützt sich dpa also auf Andrea Schlüter, „jemand anderes“ und einen „User“. Von zwei von dreien war also nicht mal der Klarname zu ermitteln, von der Qualifikation zur Beurteilung von Sprache und Bekennerschreiben mal ganz zu schweigen.
Aber Hauptsache, der Russe war’s.









