Ganz kurz klang es nach Friede, Freude, Eierkuchen. Die Berlinale sei „ihrem Ruf als offenes, politisches Forum mit besonders großer Bandbreite der Meinungen gerecht geworden“, hieß es in einer Pressemitteilung vom 21. Februar, dem Tag der Preisverleihung, aus dem Hause von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. „Mutige Filme gegen Diktaturen und Autokraten haben sie zu einer Berlinale der Freiheit werden lassen“, ließ Weimer sich wörtlich zitieren, und weiter: „Mein Dank gilt Tricia Tuttle und Wim Wenders. Sie haben diese Festivalausgabe unter besonderen weltpolitischen Herausforderungen grundliberal und künstlerisch anspruchsvoll gestaltet. Damit haben sie den Charakter der Filmfestspiele als Plattform für künstlerischen Dialog, für kulturelle Vielfalt und für demokratische Werte nachhaltig gefestigt.“
Alles fein also, zumindest so lange, bis jemand über Palästina spricht. Das tat auf der Preisverleihung der Regisseur Abdallah Alkhatib und warf Deutschland zudem eine Unterstützung des israelischen Völkermords in Gaza vor. Nicht unbegründet angesichts von Expertenmeinungen, Völkerrechtlern, Waffenlieferungen und einem anhängigen Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag (siehe UZ vom 27. Februar).
In der Woche seit dem Ende der Berlinale lief Weimer dann zur Höchstform auf: Eine außerordentliche Zusammenkunft der Führungsgremien der „Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH“ wurde für den Donnerstag vergangener Woche einberufen, die „Bild“ und die „Jüdische Allgemeine“ verkündeten bereits vor der Sitzung die Abberufung Tricia Tuttles als Leiterin der Berlinale, schließlich ist sie auf einem Gruppenfoto mit Abdallah Alkhatib und seiner Filmcrew in der Nähe einer Palästinafahne zu sehen – und seine Rede abgewürgt hat sie auch nicht. Purer Antisemitismus also.
Doch auf der Sitzung kam Weimer nicht durch, noch ist Tuttle die Intendantin der Berlinale. Am Mittwoch dieser Woche (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe von UZ) soll eine weitere Sitzung des Aufsichtsrats über Tuttles Zukunft entscheiden.
Nach der Bauchklatsche mit dem Versuch, Tuttle schnell und öffentlichkeitswirksam abzusägen, lässt Weimer nicht nach. Die Berlinale dürfe kein Ort für Hetze, Antisemitismus oder gar Drohungen sein, erklärte er eifrig in der „Rheinischen Post“. Jurys, Mitarbeiter und Künstlerinnen und Künstler müssten besser vor aktivistischen Übergriffen geschützt werden. Das wäre tatsächlich ganz schön, wenn man bei den Filmfestspielen geschützt wäre vor Attacken zionistischer Aktivisten und wenn Kulturförderung nicht an einem Bekenntnis für Israel hängen würde. Das meint der Kulturbeauftragte der Staatsräson aber natürlich nicht. Er spielt an auf die Frage an Wim Wenders, ob er gedenke, sich zum Genozid in Palästina zu äußern – allein Fragen sind offensichtlich schon „Übergriffe“ für Staatsminister Weimer.
Doch auch Wenders, der sich zuvor für eine unpolitische Berlinale starkgemacht hatte, geht Weimer zu weit. Gemeinsam mit mehr als 700 Künstlerinnen und Künstlern, darunter Tom Tykwer, Iris Berben, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta, wirft Wenders Weimer in einem Offenen Brief der Deutschen Filmakademie vor, politisch Einfluss auf die Berlinale zu nehmen. „Redefreiheit und Kunstfreiheit sind nicht nur tragende Säulen jeder demokratischen Gesellschaft, sondern auch der Raum, den wir Filmschaffende brauchen, um unsere Kunst zu gestalten“, schreibt die Akademie. „Wir sind erschrocken über die Verletzung dieses Raumes und den Versuch der politischen Einflussnahme in Bezug auf die Leitung eines der bekanntesten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt.“
Weimer griff nach dem letzten Strohhalm, um seine Wunschvorstellung doch noch durchzusetzen und Tuttle loszuwerden: Sie wolle ja selbst nicht mehr. Tuttle habe ihm gesagt, sie könne in dieser vergifteten Atmosphäre die Berlinale kaum weiterführen. Bleibt die Frage, wer die Atmosphäre vergiftet hat. Der Kulturstaatsminister hat zumindest kräftig mitgegiftet.









