Das Laientheater, das sich deutsche Bundespolitik nennt, versucht sich seit Wochen an Unterbietungen des von Tag zu Tag niedrigeren Niveaus. Da schluchzt der Wackelkanzler Friedrich Merz (CDU), als ihm Schülerinnen und Schüler bei einer Preisverleihung ein klein wenig menschliche Wärme entgegenbringen. Nur um danach in Kiew mit großer Geste weitere Milliarden Euro zuzusagen, die nicht nur dem Bildungssystem hierzulande fehlen werden, sondern die auch die Schülerinnen und Schüler, die Merz gerade noch zu Tränen rührten, dem Tod im Schützengraben ein gutes Stück näher bringen.
Am Dienstagabend vergangener Woche dann hätte den Nachrichtenjunkies unter uns glatt das Glas Feierabendwein aus der Hand fallen können. Ungläubig starrten wir auf unsere Handys und sahen der Twitter-Berichterstattung von Sebastian Vorbach von „Welt TV“ zu. Mit Trauermienen marschierten Teile der SPD-Bundestagsfraktion durch das Brandenburger Tor zum Bebelplatz. Betretene Gesichter, viele von ihnen halten das Grundgesetz wie die Beerdigungsblumen beim Weg über den Friedhof. Erst Politik machen, die Wahlergebnisse wie in Sachsen-Anhalt befördert, und dann den Trauermarsch für die Demokratie inszenieren – wessen Humor soll das denn sein?
Wer sich an dieser Stelle ein neues Glas eingeschenkt und gedacht hat, das Schlimmste wäre vorbei, der hat geirrt. Auftritt des Kriegsministers Boris Pistorius (SPD): Markige Rede von einer Getränkekiste herunter, danach leider kein Abgang, sondern das Grölen der deutschen Nationalhymne auf dem Niveau eines trunkenen Fußballfans nach Ende der dritten Halbzeit. Das Laientheater hat einen neuen Superstar.
Das finden auch die professionellen Beobachter: „Politik ist eben nicht bloßes ‚Problemlösen‘, wie es oft heißt, sondern eben auch symbolische Kommunikation. Keine sogenannte ‚Partei der Mitte‘ hat gerade ein überzeugendes Angebot und eine fesselnde programmatische Idee. Umso mehr kommt es auf Personen an. Auf Politiker, die situatives Geschick haben. Die einen historischen Moment erkennen und zur richtigen Zeit sagen: ‚Komm, wir gehen jetzt zum Bebelplatz‘“, so die Theaterkritik der „Zeit“.
„Situatives Geschick“ kann man Pistorius sicherlich unterstellen. Und es ist unfein, sich darüber lustig zu machen, dass der Mann nicht singen kann, wo er sich doch so schön nahbar gegeben hat auf seiner Getränkekiste. Man kann aber fragen, was er mit dem Schmierentheater ausdrücken will. Abstand zu rechter Politik kann es ja wohl nicht sein. Denn wer keine rechte Politik machen will, sollte mal schön die Finger von der Kriegsvorbereitung gegen Russland lassen. Zumindest muss man aber raus aus einer Koalition mit einer Partei, deren Landtagsabgeordnete in Sachsen-Anhalt ein AfD-Mitglied mit zum Landtagspräsidenten gewählt haben, wenn man wie Pistorius der Meinung ist: „Wer das zugelassen hat, hat sich an der Demokratie unseres großartigen Landes vergangen.“
Aber halt, darum geht es Pistorius ja gar nicht. Ihm geht es um Macht und um eine möglichst gute Ausgangslage, falls eine neue Regierung gesucht wird. Da haben alle, die das Ohr an der Stimmung der Bevölkerung haben, schlechte Nachrichten für den Kriegsminister. Da hilft auch kein Theater auf dem Bebelplatz.
Das Schmierentheater ging übrigens auch nach Pistorius nahtlos weiter. Alexander Dobrindt (CSU), den man trotz Pkw-Maut und anderer Skandale vom Verkehrs- zum Innenminister befördert hat, sprach im Bundestag über seine Schlafstörungen. „Ich werde diese bestialischen Bilder des Mordes niemals vergessen. Ich wache heute noch davon auf“, so Dobrindt in der Gedenkstunde des Bundestags zum 7. Oktober. Rassistisch bis in den Schlaf. Die Bilder von palästinensischen Eltern, die ihre toten Kinder in den Armen halten, der immer noch andauernde Völkermord scheinen ihm nicht den Schlaf zu rauben. Geht es Dobrindt bei seiner Inszenierung auch um Macht und die Durchsetzung politischer Interessen? Oder will er einfach auch nur ein bisschen betroffen sein? Beides schlechtes Theater.








