Letzte Texte von Doris Gercke erschienen

„Glücklich ist das Volk, wenn es zu Mittag isst“

Kurz vor ihrem Tod im Juli 2025 traf Doris Gercke, die wohl berühmteste Krimiautorin der 1990er Jahre („Weinschröter, du musst hängen“), Erfinderin der kantigen Ermittlerin Bella Block, mit ihrer Freundin und Verlegerin Else Laudan eine Verabredung zu ihrem literarischen Nachlass: die Herausgabe teils noch handschriftlicher Prosa- und Lyriktexte. Anfang des Jahres ist die Sammlung nun im Ariadne-Verlag veröffentlicht worden, inklusive Anhang. Alles in allem ein handlicher, schmaler Band, der es allerdings in sich hat.

„Von den Bewohnern der Städte“ heißt der Titel. Das klingt nicht zufällig nach Titeln wie „Lesebuch für Stadtbewohner“ oder „Im Dickicht der Städte“, Werke des jungen Bert Brecht, eines erklärten Lieblingsautors von Doris Gercke. Weder bei ihm noch bei ihr kommen die Menschen besonders gut weg. Was nicht heißt, dass kein Verständnis für ihr Gefangensein in den Verhältnissen, in ihrer Entfremdung durchscheinen würde. Genau so kennen wir die populäre Grand Old Lady der modernen Literatur: Als schonungslose Chronistin mit schwarzem Humor und einem Schuss Boshaftigkeit, der an Franz Josef Degenhardts Schilderungen des Kleinbürgerlebens erinnert.

Geradezu zur Hochform läuft die handwerklich ausgebuffte Autorin als Ich-Erzählerin in „Winter und Sommer“auf. Eine eventsüchtige junge Frau lässt sich über ein auf dem Land lebendes, mit ihr befreundetes älteres Paar aus, bei dem sie öfter ihre Wochenenden verbringen darf. Zu grotesken Zuspitzungen führt der Umzug der betagten Gastgeberin vom Land in die Stadt. Krass überraschende Wendungen beherrscht die an Kriminalfällen juristisch geschulte Gercke nach wie vor meisterhaft. Wie im Krimi sind das Sterben und der Tod fast durchweg präsent – vom „saufenden Gerippe“ bis hin zur barocken Todesverheißung und dem Gedicht „Krähen im Schnee“.

Autobiografisches schimmert durch, grundehrlich und sensibel: Spuren von Wehmut, Einsamkeit und Überdruss angesichts unausrottbarer Piefigkeit, Oberflächlichkeit und Selbstbezogenheit der „Bewohner“, ihrer Mitmenschen. „Glücklich ist das Volk, wenn es zu Mittag isst, da kann’s nicht laut genug sein.“ Käufliches Lifestyle-Glück im Gedicht „Mittag“. Ja doch, auch sonst ist vom Glücklichsein immerhin hier und da die Rede. Vorsicht, auch hier lässt Bert Brecht grüßen mit seinem „Ja, renn nur nach dem Glück …“ (Ballade von der Unzulänglichkeit).

Direkt politische Texte finden sich eher nicht in der von der bekennenden Kommunistin persönlich zusammengestellten Sammlung, abgesehen von zwei Texten über einen räsonierenden Schrebergartenbewohner und einen räsonierenden Bundespräsidenten – zwei ausgesprochen böse, vergnügliche Gedichte. Dass die Kommunistin Doris Gercke sich Zeit ihres Lebens unerschrocken eingemischt und dabei ihren Standpunkt nie verheimlicht hat, wissen wir.

Im 20-seitigen Anhang erwarten uns neben Gerckes Credo von 1995 „Wie man einen Krimi schreibt“ viele Verweise auf frühere Werke. Die Berliner Krimiautorin und Filmproduzentin Merle Kröger, Mitglied in dem von Gercke mitgegründeten HERland-Netzwerk, beschäftigt sich mit „Kein fremder Land“, 1995 als Science-Fiction-Roman erschienen. Einst als Zukunftswarnung unter anderem vor der „Festung Europa“ und heraufziehendem „Totalitarismus“ (Gercke) ausgemalt, wurde er inzwischen „von der Realität weit übertroffen“, so Kröger. In Else Laudans Nachwort geht es um Gerckes letzten Roman von 2022, „Die Nacht ist vorgedrungen“, einer vernichtenden Bilanz der letzten Jahrzehnte seit der „Wende“ (siehe UZ vom 11. Juni 2021). Da­rin lässt Gercke die Ich-Erzählerin, eine Journalistin, eine Art Gelübde ablegen: „Dass wir in unserer Reportage, die ich ‚Die Kultur der Sieger‘ nennen möchte, keine Rücksicht dabei nehmen werden, das zu schildern, was wir gehört und gesehen haben.“

Noch ist Gerckes umfassendes Werk erhältlich, wenn auch zum Teil nur antiquarisch. Dieser kleine Band rundet ihr literarisches Schaffen ab – dank Else Laudan, die ihr Nachwort schließt mit den Worten: „Die Welt braucht Schriftsteller wie Doris Gercke. Dringend.“

Doris Gercke
Von den Bewohnern der Städte
Letzte Texte: Szenen, Gedichte, Kurzgeschichten
Ariadne-Verlag, 104 Seiten, 12 Euro
Erhältlich im UZ-Shop

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"„Glücklich ist das Volk, wenn es zu Mittag isst“", UZ vom 20. Februar 2026



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