Jürgen Meier „Wider die Kulturzerstörer“

Kampf der Kulturen

Von Herbert Becker

Jürgen Meier, Kulturwissenschaftler, Schriftsteller und Journalist, lebt in Hildesheim. Vor Kurzem erschien im PapyRossa Verlag ein neues Buch von ihm mit dem Titel „Wider die Kulturzerstörer“. Er versucht sich an einer „Tour d’horizon“, um in acht Kapiteln eine umfassende Darstellung zu leisten, was sich hinter dem Begriff der „Kultur“ subsummiert. Er macht deutlich, dass „Kultur mehr ist als Kunst“, er zeigt die dialektische Verbindung auf zwischen „Kultur und Wissenschaft“ und hebt die Bedeutung von Musik und Sprache hervor. Im zweiten Teil widmet er sich anschaulich den Mühen der Herrschenden, über die Formen der heutigen Kulturindustrie und den sogenannten „Kampf der Kulturen“ ihre Vorstellungen von Dominanz und Machterweiterung zu gestalten.

Meier geht vom marxistischen Begriff der Arbeit aus, als Auseinandersetzung des Menschen mit und in der Natur, mit dem Ziel der Beherrschung, zumindest des Nutzbarmachens der Naturkräfte, der Ressourcen. Für sein Thema wichtig ist ihm der Begriff der „Kultivierung“, nicht mehr gemeint als Arbeit an und mit der Natur. „Kultivierung“ versteht er als Arbeit an den individuellen Fähigkeiten des Menschen, sich selbst in ein gewünschtes oder auch notwendiges Verhältnis zu anderen, umfassend zu und in seiner Klasse zu setzen. Diese Arbeit geschieht durch Wissenschaft und Kunst, vermittelt sich über Sprache, Musik, Bilder und Skulpturen und prägt wesentlich das, was wir Alltag nennen. Die Auswirkungen der kapitalistischen, besser imperialistischen „Kultivierung“ sind, und hier zitiert er zustimmend Georg Lukács: „Der unauslöschliche Durst nach Sensation, der über die Mode des Happenings, des sexuellen Voyeurtums bis zum Kult der Drogen, der Bewunderung, ja selbst der Ausübung ‚grundloser’ Mordtaten führt, ist unzweifelhaft ein Produkt des durchmanipulierten Alltagslebens, seiner vordergründigen Sorglosigkeit, der aus solcher Lebensweise notwendig entspringenden und immer drückender empfundenen Langeweile.“ Jürgen Meier ist ein lesenswertes Buch gelungen, an vielen Stellen hätte man sich eine noch gründlichere, vertiefte Ausarbeitung gewünscht. Ärgerlich ist das Fehlen eines Registers, auch ein Literaturverzeichnis wäre für die Nutzung durch den Leser hilfreich.                    HB

Johann Gottfried Herder (1747 – 1803) spricht von einer Vielfalt einzigartiger, inkommensurabler, gleichberechtigter Formen von Kultur. Damit wendet er sich von Kant und dessen Idee einer Universalgeschichte ab. Heute nennt man das euphemistisch „Multikulti“, was Herder propagierte. Damit sind Menschen aus unterschiedlichen Nationen gemeint, die in einer Stadt wie Berlin eng zusammen leben und oft nicht als deutsche Staatsbürger anerkannt werden. Herders Kulturtheorie vertritt einen kulturellen Relativismus. Herder, ein aufklärerischer Geist wie Lessing, trat ein für eine friedliche Koexistenz aller Völker. Das war die Absicht seiner „Kulturtheorie“. Bismarck stellte Herders Intention von der Vielfalt der Kulturen auf den Kopf. Er forderte einen „Kulturkampf“ mit dem Vatikan, der 1870 zu einem Krieg mit der Schutzmacht des Vatikans, Frankreich, führte.

„Jeder ist ein Deutscher, der auf dem deutschen Gebiet wohnt“, hatten, ganz anders als Bismarck, die Parlamentarier der Frankfurter Paulskirche 1848 verkündet. Die Nationalität sei nicht mehr bestimmt „durch die Abstammung und die Sprache, sondern ganz einfach bestimmt durch den politischen Organismus, durch den Staat […] das Wort ‚Deutschland‘ wird fortan ein politischer Begriff.“

Dies zeugte von demokratischer Gesinnung, dem Bismarcks Militarismus und die anschließende deutsche Reichsgründung, die dem „Kulturkampf“ mit Vatikan und Frankreich folgte, ein Ende setzte. Kultur wurde mit aristokratischer Ideologie identisch gesetzt, damit aber als Kultur vernichtet. Wenn „Kulturen“ gegeneinander kämpfen, so kämpfen nicht „Kulturen“, sondern Menschen aus unterschiedlichen Regionen der Welt sind es, die, aufgehetzt von Ideologen und Staatsdienern, gegeneinander marschieren. Jede kämpfende Partei erklärt in diesem Kampf die eigene „Kultur“ für die richtige und wahre „Kultur“. Diese Kämpfe sind aber keine „Kulturkämpfe“. Denn, wie sagt Kant, die Kultur kann nur „der letzte Zweck sein, den man der Natur in Ansehung der Menschengattung beizulegen Ursache hat“. Kultur kann daher nicht gegen Kultur kämpfen! Sondern es kämpfen Staaten und Staatenbündnisse (NATO, EU) gegen Staaten (Syrien, Irak) und Staatenbündnisse. „Die ‚heutige Gesellschaft‘“, schreibt Marx, „ist die kapitalistische Gesellschaft, die in allen Kulturländern existiert, mehr oder weniger frei von mittelaltrigem Beisatz, mehr oder weniger durch die besondre geschichtliche Entwicklung jedes Landes modifiziert, mehr oder weniger entwickelt. Dagegen der ‚heutige Staat‘ wechselt mit der Landesgrenze. Er ist ein andrer im preußisch-deutschen Reich als in der Schweiz, ein andrer in England als in den Vereinigten Staaten.“

Im September 1914 veröffentlichten 93 deutsche Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller den Aufruf „An die Kulturwelt!“: „Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten.“ In Kontinuität zu diesem Aufruf, verfasst im Namen Goethes, Beethovens und Kants – die einen humanistischen Begriff von Kultur hatten, der sich auf die menschliche Entwicklung der einen Menschheit bezog –, unterzeichnet von Männern, im Namen des deutschen „Kulturvolks“, formulierte Hitler: „Der Träger der menschlichen Kulturentwicklung war und ist der Arier“. Deutlich wird aber, wie wichtig es ist, gründlich über den Begriff Kultur nachzudenken, bevor er als Etikett für imperialistische Aktionen missbraucht wird. Mit ihrer Behauptung: „Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt“ und ihrem Hoch auf das deutsche „Kulturvolk“ legten die Unterzeichner nicht nur für die imperialen Pläne des deutschen Kaisers und Kapitals eine ideologische Grundlage. Hitler konnte diese aristokratische Ideologisierung von Kultur und Kulturvolk nutzen. Er trieb den Keil ein Stück weiter in die Köpfe des Volkes, indem er den „Kampf der Kulturen“ zu einem Kampf der Rassen machte, bei dem die „Arier“ von Geburt an als „Kulturbegründer“ dazu berufen seien, die „niederen“ Menschen in Arbeitslagern und Konzentrationslagern für sich arbeiten zu lassen. „Je primitiver die technischen Voraussetzungen zu einer Kulturbetätigung sind, umso notwendiger ist das Vorhandensein menschlicher Hilfskräfte, die dann, organisatorisch zusammengefasst und angewandt, die Kraft der Maschine zu ersetzen haben.“ Hitlers Rassismus klingt zwar, wenn er von der Aufrechterhaltung der „Reinheit des Blutes“ der arischen Rasse spricht, biologistisch. Dies ist Teil seiner ideologischen Ablenkung vom Klassenkampf hin zum „Kulturkampf“, die in der Weltwirtschaftskrise 1929 den deutschen „Leistungsträgern“, den arischen „Kulturbegründern“ (Flick, Siemens, Haribo, Krupp, Sachs, die Bankiers der Deutschen Bank etc.) große Dienste leistete. Hitler lieferte ihnen eine idealistische Weltanschauung mit vielen Events und Werbekonzepten, die aus braven Bürgern Bestien machte.

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Über den Autor

Herbert Becker (Jahrgang 1949) hat sein ganzes Berufsleben in der Buchwirtschaft verbracht. Seit 2016 schreibt er für die UZ, seit 2017 ist es Redakteur für das Kulturressort.

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"Kampf der Kulturen", UZ vom 6. September 2019



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