Kaum hat die Tarifrunde begonnen, hetzt der Kapitalverband Gesamtmetall. Die Parole lautet dieses Jahr: „Kosten senken, Standort retten!“ Selbst die niedrige Forderung von 5 Prozent mehr Lohn sei „völlig unangemessen, völlig überzogen“. Der Industriestandort sei „international nicht mehr wettbewerbsfähig“. Schuld seien zu hohe Kosten: Energie, Bürokratie, besonders aber der „Faktor Arbeit“. Das ist das übliche Geplärre, egal, ob hohe oder niedrige Forderung, obwohl sie nach wie vor Gewinne machen – nur eben nicht so hohe, wie sie gerne hätten. Mercedes hat 2025 rund 5,3 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftet, VW 6,9 Milliarden und Bosch 1,7 Milliarden Euro.
Preisexplosion an der Zapfsäule, bei Mieten und an der Supermarktkasse – die Beschäftigten in der BRD haben schon seit geraumer Zeit das Nachsehen. Die aufgestellte Forderung ist zurückhaltender als in der letzten Tarifrunde. Damals wurden 7 Prozent auf eine Laufzeit von 12 Monaten gefordert. Herausgekommen sind etwa 5 Prozent auf 24 Monate, was Reallohnverluste bedeutete. Die Schlussfolgerung daraus muss lauten, dass bei einer so niedrigen Forderung wie der aktuellen die Laufzeit unbedingt auf ein Jahr begrenzt werden und die Forderungshöhe durchgesetzt werden muss, weil sonst weitere Verluste bevorstehen.
Ein tarifliche Gewinnbeteiligung in Betrieben, in denen es wirtschaftlich gut läuft, bedeutet eine weitere Differenzierung und damit Abweichung vom Flächentarifvertrag. Das spaltet und schwächt. In einem offenen Brief von Vertrauensleuten der IG Metall und Betriebsräten von Mercedes an den IG-Metall-Vorstand heißt es: „Wir wollen keine weiteren Differenzierungsklauseln im Tarifvertrag. Sinn des Flächentarifvertrags ist es, Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu vereinheitlichen und gemeinsame Kämpfe in der gesamten Branche zu ermöglichen. Deshalb ist es falsch, den Tarifvertrag durch immer neue betriebliche Abweichungsmöglichkeiten auszuhöhlen.“
Außerdem ist die Sicherung der Arbeitsplätze ein wichtiges Thema für die IG Metall. Dies darf allerdings nicht mit Verzicht oder Absenkung von Tarifstandards erkauft werden. Das Beispiel VW zeigt: Nach dem Verzicht kommen weitere Forderungen der Kapitalseite – und die Arbeitsplätze sind trotzdem weg.
Es ist wichtig, diese Tarifrunde zu nutzen, um auch gegen die Angriffe des Kapitals auf die Arbeitszeit, auf die hart erkämpften betrieblichen und tariflichen Errungenschaften und Standards sowie auf Arbeitsplätze und Standorte klare Kante zu zeigen und sie zurückzuweisen. Die IG Metall braucht eine kämpferische Tarifrunde. Der Automobil-Aktionstag am 21. September, bei dem mehr als 170.000 Metallerinnen und Metaller an 280 Orten gegen die Arbeitsplatzvernichtung und die Angriffe des Kapitals protestiert haben, ist ein klarer Auftrag: Dieser Kampf muss weitergeführt werden; faule Kompromisse und Verzichtsvereinbarungen sind abzulehnen.
Der Auftakt der Verhandlungsrunde in Baden-Württemberg am 7. Oktober war ein gutes Beispiel: Rund 3.500 Metallerinnen und Metaller kamen mit 50 Bussen und mit S-Bahnen aus etwa 30 Städten nach Ludwigsburg, um ein Signal zu setzen. Es war ein Novum, dass bereits die erste Verhandlung mit einer solchen Aktion begleitet wurde.
So, wie die Kapitalseite agiert, ist der Druck der Beschäftigten vom ersten Tag an auch dringend notwendig. Lautstark zogen die Kolleginnen und Kollegen mit dem Transparent „Streikbereit“ vom Bahnhof zum Verhandlungslokal. Immer wieder erschallten die Parolen „Ohne Streik wird sich nichts verändern“, „bundesweit – streikbereit“ und „Widerstand“ in Ludwigsburg. An den Reaktionen während der Reden war deutlich zu erkennen, was den Kolleginnen und Kollegen wichtig ist. Beifall und Zuspruch gab es vor allem dann, wenn Angriffe des Kapitals auf tarifliche Errungenschaften und auf die Arbeitszeit zurückgewiesen wurden oder wenn klar gesagt wurde, dass Verzicht nicht weiterhilft, sondern dass Stärke, Solidarität und Anpacken gebraucht werden.
Dass den Kolleginnen und Kollegen auch das Zurückweisen der Angriffe seitens der Regierung auf die sozialen Errungenschaften wichtig ist, zeigte zum Beispiel ein Transparent der Vertrauensleute von Bosch Feuerbach: „Gegen Kürzungen im Sozialstaat – unsere Rechte, unsere Zukunft“. In den Reden spielte dies leider keine Rolle. Die DGB-Demos am 26. September, an denen sich 175.000 Kolleginnen und Kollegen in 15 Städten beteiligt haben, sind jedoch ein klarer Auftrag, den Kampf gegen Sozialabbau und Hochrüstung konsequent weiterzuführen und dazu auch die Tarifrunde zu nützen.
Die erste Verhandlung wurde nach zwei Stunden ergebnislos, ohne Annäherung und ohne ein Angebot vonseiten Südwestmetalls beendet. Die zweite Verhandlung findet am 27. Oktober statt – ein eher ungünstiger Termin, weil im „Ländle“ dann Herbstferien sind. Die Friedenspflicht endet am 31. Oktober. Ab dem 2. November sind Warnstreiks geplant. Es ist zu hören, dass die IG Metall eine kompakte Zuspitzung in wenigen Betrieben plant und möglichst rasch zu einem Ergebnis kommen will.
Es ist heute so wahr wie vor Jahrzehnten: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wer aber gemeinsam und entschlossen kämpft, wird gewinnen! Das haben die Kämpfe um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und der Kampf um die 35-Stunden-Woche gezeigt.








