Während die Arbeitslosigkeit in Deutschland zunimmt, freuen sich DAX-Konzerne über steigende Aktienkurse

Krise? Welche Krise?

Die Folgen von Arbeitsplatzvernichtung und Werksschließungen sind inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt unübersehbar. „Es fehlt weiterhin wirtschaftlicher Rückenwind. Auch zum Jahresende hält daher die schwache Entwicklung an“, kommentierte Andrea Nahles, die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), in der vergangenen Woche die jüngsten Statistiken ihrer Behörde. Unter dem Strich stehe der Arbeitsmarkt schwächer da als vor einem Jahr, so ihre ernüchternde Bilanz.

Tatsächlich sind die Arbeitslosenzahlen zum Jahreswechsel so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Allein im Dezember stieg die Zahl der registrierten Arbeitslosen gegenüber dem Vormonat um 23.000 auf 2,908 Millionen an. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 6,2 Prozent und einem Anstieg um 0,1 Punkte innerhalb von vier Wochen.

Bei einem Vergleich mit dem Vorjahresmonat wird die dramatische Entwicklung noch deutlicher. Im Dezember 2024 waren noch 101.000 Menschen weniger arbeitslos gemeldet. Höher als am Jahresende 2025 lag die Arbeitslosigkeit zuletzt im Dezember 2010. Damals waren 3,012 Millionen Menschen ohne Job.

Hinzu kommt, dass die Zahl offener Stellen deutlich zurückgegangen ist. Im Dezember 2025 verzeichnete die BA 619.000 gemeldete Arbeitsstellen. Das waren 35.000 weniger als noch vor einem Jahr. Entsprechend fiel auch der BA-Stellenindex (BA-X), der neben dem Bestand an gemeldeten Arbeitsstellen auch den Zugang in Arbeit berücksichtigt, mit 101 Punkten um 5 Punkte geringer aus als im Vorjahresmonat.

Die Börse zeigt sich von der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt unbeeindruckt. Schon im vergangenen Jahr hatte der Aktienindex DAX trotz Krise, Arbeitsplatzabbau und US-Zollpolitik einen Anstieg von 23 Prozent und damit das beste Jahr seit 2019 verzeichnet. Und auch 2026 scheint es nur eine Richtung zu geben: nach oben. Gleich zu Jahresbeginn sprang der Leitindex auf einen Höchststand von 24.873 Punkten, womit er seine Bestmarke aus dem Oktober bei 24.771 Punkten hinter sich ließ.

Frank Sohlleder, Analyst beim Broker „Activ Trades“, kommentierte dies auf „tagesschau.de“ wie folgt: „Die Anleger scheinen fest entschlossen zu sein, die fundamentale Neuausrichtung der deutschen Wirtschaft, getragen von den Reformhoffnungen unter der Regierung Merz, in die Kurse einzupreisen.“ Mit anderen Worten: In Erwartung entsprechend hoher Dividendenausschüttungen nimmt man Sozialabbau, Arbeitsplatzvernichtung und selbst die Deindustrialisierung eines ganzen Landes billigend in Kauf.

Das aktuelle Rekordhoch ist jedoch laut Wirtschaftsredakteuren der ARD vor allem auf einen neuen Preisschub bei Rüstungsaktien zurückzuführen. Die angespannte geopolitische Lage durch den US-Angriff auf Venezuela trieb insbesondere die Aktien des DAX-Konzerns Rheinmetall um mehr als 9 Prozent nach oben. Auch die Titel von Hensoldt und Renk waren mit Blick auf den Militärschlag der USA laut Analysten stark gefragt.

Zudem zeigte sich der Ölmarkt entspannt. Die Notierung für Rohöl fiel um 0,6 Prozent auf 60,53 Dollar pro Barrel zurück. Dahinter steht die Erwartung auf ein höheres Ölangebot, wenn US-Konzerne die Kontrolle über die verstaatlichte venezolanische Ölindustrie zurückgewinnen sollten. So schätzt die Rohstoffexpertin Helima Croft von RBC Capital, dass sich die Produktion bei einer Aufhebung der Sanktionen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeter um mehrere hunderttausend Barrel pro Tag erhöhen könnte.

Die Ereignisse in Lateinamerika scheinen auf zynische Weise Robert Halver von der Baader Bank recht zu geben, der schon 2025 postulierte: „Viel entscheidender als die wirtschaftliche Lage hierzulande ist, dass die großen DAX-Konzerne weltweit aktiv sind, dass sie Kosmopoliten sind mit guten Geschäftsmodellen.“ Daher könne man von den Niederungen des Nationalstandorts abstrahieren. „Und das ist der Grund, warum die Aktienkurse weiter steigen“, so der Banker. Unter dieser Prämisse erweist sich dann auch – neben der praktizierten Arbeitsplatzvernichtung – ein völkerrechtswidriger Militärschlag als profitables Geschäftsmodell.

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"Krise? Welche Krise?", UZ vom 16. Januar 2026



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