Einer der beiden Namensgeber für die große Antikriegsmanifestation der deutschen Linken an diesem Wochenende ist Karl Liebknecht. Sein viel zu kurzes Leben und sein Werk haben in diesem Jahr aus vier miteinander verwobenen Gründen eine besondere Aktualität.
Zum einen hat er sein ganzes Wirken als Kampf gegen den seit den 1890er Jahren sichtbaren Militarismus und die Gefahr eines ganz Europa verschlingenden und die ganze Welt in seinen Strudel ziehenden Krieges gestaltet. Zum zweiten hat er dies – zum Beispiel 1904 auf einem SPD-Parteitag mit einer Rede zum Thema „Die Jugend und der Kampf gegen den Militarismus“ – mit dem Ziel verbunden, vor allem die Jugend zu gewinnen, sich diesem drohenden Krieg entgegenzustellen.
Zum dritten hat er diesen Kampf als junger Mann in der deutschen Sozialdemokratie begonnen, die – Ende des 19. Jahrhunderts noch von Karl Marx und Friedrich Engels wesentlich geprägt – für ihn Hoffnung zu bieten schien, diesen Kampf anzuführen. Als Reichstagsabgeordneter der SPD musste er sich der für ihn – wie auch für Rosa Luxemburg – bitteren Einsicht beugen, dass diese Partei trotz verbaler Friedensbekenntnisse längst Teil der Kriegstreiber geworden war. Einsam stimmte er als einziger im Reichstag gegen die Kriegskredite, ohne die das Morden nicht hätte beginnen können. Von der SPD-Führung an den Rand gedrängt und in die Schützengräben abkommandiert, trieb er die Bildung der Kommunistischen Partei Deutschlands voran.
Dies verweist auf den vierten und vielleicht wichtigsten Aspekt seiner heutigen Aktualität. Einer der Gründe des damals notwendigen Bruchs mit der SPD war seine Erkenntnis, dass die Kriegs- und die Systemfrage zusammenrücken. Wer den Kapitalismus nicht überwinden will, wird dieser Welt keine dauerhafte Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben bieten können. Die Friedensfrage unter Vermeidung der Systemfrage zu beantworten ist entweder eine Lüge oder eine Illusion. Auch wegen seiner Unbeugsamkeit, beide Fragen miteinander zu verbinden, wurde er auf Befehl von Gustav Noske (SPD) am 15. Januar 1919 zusammen mit Rosa Luxemburg ermordet.
Sein Vermächtnis aber bleibt gültig bis heute – wie der Aufsatz, den er 1906, acht Jahre vor dem großen Morden, in der „Jungen Garde“ unter der Überschrift „Gegen den Militarismus“ schrieb: „Die Stunde der Aushebung hat geschlagen. Bald kommt der Gestellungsbefehl und das Beste, was … im deutschen Volk gewachsen ist, muss sein Bündel schnüren und Eltern, Geschwister, Kollegen und Freunde, oft selbst Frau und Kind verlassen. Muss! Da gibt’s kein Zerren und Sträuben; Gefängnismauern drohen dem Widerstrebenden. ‚Das Vaterland ruft! Erbärmlich, wer sich seinem Dienst nicht freudig weiht!‘ So heißt es in den Schulen, so ruft es von den Kanzeln, so steht’s in allen wohlanständigen und ‚angesehenen‘ Büchern und Zeitungen.“
Auf die Straße also – im Sinne von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg stehen heute und auch im Frühjahr hoffentlich zehntausende junger und auch älterer Menschen auf, um gegen die drohende Wehrpflicht zu kämpfen, die nur in einem dritten und dann wahrscheinlich letzten von Deutschland ausgehenden Völkergemetzel und Inferno enden kann. In diesem Kampf verbreitet sich dann hoffentlich auch die weitere Erkenntnis von Liebknecht aus demselben Artikel, die da lautet: „Das ist nicht euer Vaterland; das ist nicht das einige deutsche Vaterland. Das ist nur die Vertretung einer Klasse des deutschen Volkes, die euch, seitdem ihr lebt … feindlich ist bis aufs Blut, die euch … ausbeutet und unterdrückt!“


