In „Marseille.73“ beschäftigt sich Dominique Manotti mit den Folgen des Algerienkrieges

Marseille stinkt nach Blut

Grasse, 12. Juni 1973. In dem provenzalischen Städtchen streiken zugewanderte Arbeiter, die quasi über Nacht durch ein neues Gesetz zu „sans-papiers“ – Illegalen – wurden, für Arbeitsverträge und anständige Wohnungen. Es folgen Wasserwerfer, Knüppelorgien der Polizei, fünf Schwerverletzte, 200 Verhaftete und die Verunglimpfung der Streikenden durch die örtlichen Gewerbetreibenden als Faulenzer, die dem guten Ruf der Stadt schaden. Der Rassismus in Gesellschaft und Polizei wird öffentlich. Und er richtet sich vor allem auf die algerischen Einwanderer, die besonders im Süden Frankreichs ihr Glück suchen.

Dass Rassismus und Polizeigewalt zusammen gehören, ist eine Binse und hat strukturelle Ursachen. In Frankreich kommt eine historische Komponente hinzu. 1830 besetzten französische Truppen Algier, Oran und Bône, 1847 wurde das Land zu einer Kolonie Frankreichs. Erst ein Jahrhundert später –1949 – begann der Widerstand in einigen algerischen Städten erneut aufzubrechen. Die Besatzer antworteten mit Massakern an der Bevölkerung. Am 1. November 1954 eint die algerische Befreiungsfront FLN den unkoordinierten Widerstand und beginnt den bewaffneten Kampf. Ab 1956 unterstützen das mittlerweile unabhängige Marokko und Tunesien die Unabhängigkeitsbewegung, die Kolonialherren bedienen sich der Fremdenlegion, um mit extremer Brutalität den Aufstand niederzuschlagen. Große Teile der Bevölkerung schließen sich dem Widerstand an, französische Siedler beziehungsweise ihre Geheimorganisation OAS verüben bestialische Terrorakte, die FLN antwortet mit gesteigerter Härte gegen die Siedler. Am 18. März 1962 muss Präsident Charles de Gaulle im Abkommen von Évian das Recht Algeriens auf Selbstbestimmung anerkennen und am 3. Juli 1962 entlässt die „Grande Nation“ Algerien in die Unabhängigkeit. Diese Schmach ist bei vielen, nicht nur den Veteranen, nicht vergessen und führte letztlich zur Gründung des „Front National“, heute „Rassemblement National“. Und da das Gros der Migranten in Frankreich noch immer aus dem Maghreb kommt, ist der Rassismus in der Polizei und deren Gewalt gegen Einwanderer zu großen Teilen dem verlorenen Krieg geschuldet.

Zum zweiten Mal nach „Schwarzes Gold“ nimmt sich Dominique Manotti die 70er Jahre in Marseille vor. Die Stadt ist ein Schmelztiegel verschiedener Nationalitäten, Ethnien und daraus hervorgegangenen Clans, die gnadenlos um die Vormacht im organisierten Verbrechen kämpfen. Korsische Mafia, Gangsterbanden jedweder Couleur, die rechtsextreme französisch-nationalistische Terrororganisation OAS und die Polizei haben sich zu einem undurchdringlichen Netzwerk zusammengeschlossen. In „Marseille.73“ geht es aber auch um dieses kollektive Trauma der französischen Gesellschaft. Der „Algerienkrieg“ hat Folgen, die bis heute nachwirken. Rund eine Million „pieds-noirs“ siedelten sich ab 1962 vor allem in Südfrankreich an, jene verbitterten französischen Siedler, die jetzt ihrem Hass auf die Einwanderer ungehemmt Lauf lassen: „Sie haben uns vertrieben, jetzt vertreiben wir sie.“ Sie unterwandern die UFRA (Vereinigung der französischen Algerienheimkehrer), arbeiten mit OAS und SAC (illegale Sicherheitstruppe, entstanden, um die OAS in Schach zu halten) zusammen. Und vor allem besetzen auch sie nach und nach wichtige Positionen in Polizei, Geheimdienst und Justiz. Viele von ihnen gehören zu den ersten Unterstützern des Algerienkriegsveteranen Jean-Marie Le Pen. Zehntausende Harkis (Algerier, die während des Krieges auf französischer Seite kämpften), von den Franzosen fallengelassen, in der Heimat verhasst, ließen sich ebenfalls in dieser Gegend nieder und dienen auch jetzt wieder als Kanonenfutter für die Ambitionen der sich formierenden Faschisten.
Thèodore Daquin, Pariser, jung, unangepasst, schwul, ist neu in der Stadt, mit der Aufklärung seines ersten großen Falls (Schwarzes Gold) hat er nicht nur bei seinen Vorgesetzten für Verstimmung gesorgt. In einem Sumpf aus Korruption, organisiertem Verbrechen und rechtsextremistischer Gruppierungen versucht er mit seinen beiden Inspektoren Grimbert und Delmas bei der „Brigade Criminelle“ der Landespolizei sauber zu arbeiten. Der Streik der Sans-papiers in Grasse und der Mord an einem Busfahrer in Marseille sind der Vorwand für die Pieds-noirs, gegen die maghrebinischen Arbeiter (Sans-papiers) mobil zu machen. Am nächsten Tag schreien in ganz Marseille Plakate: „Stopp die wilde Einwanderung“ und „Marseille hat Angst“. In der Stadt kündigt sich ein Sturm an. Dessen Aufziehen und seine Entladung schildert Manotti in dem exakten Zeitraum vom 15. August bis zum 8. Oktober 1973. Und sie eröffnet den Lesenden einen Blick hinter die Kulissen der politischen Macht im Zusammenspiel mit Sicherheitsbehörden, Bandenkriminellen und Medien.

Dann wird Malek Khider auf offener Straße erschossen. Die Police Urbaine scheint kein großes Interesse an der Aufklärung des Mordes zu haben und verschwindet alsbald wieder vom Ort des Geschehens. Daquin und seine Männer allerdings nehmen sich Zeit und finden einige Ansätze für eine Ermittlung, die sie auch gegen alle Widerstände ihres Vorgesetzten fintenreich weiterführen. Betraut mit dem Fall wird die Sûreté (Sicherheitspolizei), den nicht vorhandenen Spuren der Police Urbaine nicht zu folgen und zu vertuschen, was bei professioneller Polizeiarbeit herauszufinden wäre. Jede Möglichkeit, einen Prozess zu verzögern, möglichst zu verhindern, wird gesucht und gefunden. Bechir, streikerfahrener Kollege von Malek, organisiert einen Generalstreik der maghrebinischen Werftarbeiter und einen Trauerzug für Malek. „Würde ist Kampf.“ Unterstützt werden sie vom MTA (Bewegung arabischer Arbeiter), der extremen Linken, Katholiken, Protestanten, Hilfsorganisationen, sogar dem Bischof. Der Erfolg ist überwältigend und weitet sich mit Hilfe des MTA bis nach Paris und dann übers ganze Land aus. Marseille kocht, bald wird Blut fließen. Daquin und Kollegen müssen die Kontrolle behalten, respektive wieder herstellen.

In Toulon haben Kollegen schon länger das Geflecht der Algerienheimkehrer im Visier und nehmen Verbindung zur Brigade Criminelle in Marseille auf. Daquin soll mit seinem Team die Aktivitäten der UFRA untersuchen. Das ist der Hebel für Daquin, um im Mordfall Malek Khider weiterzumachen. Sie machen ihre Arbeit, ruhig, konzentriert. Verbündete bei der Finanzpolizei tragen das Ihre zu dem entstehenden Bild bei. Ein Verdacht kommt auf, verdichtet sich, wird manifest. Malek wurde mit einer Polizeiwaffe erschossen, bei Toulon wird im Haus eines UFRA-Mannes eine Bombe nebst komplettem Chemiebaukasten gefunden. Die Morde sind nur das Ventil für potentielle Verbündete und eine Ablenkungsstrategie. Es geht um Größeres.

Im Sommer 1973 überrollte eine Welle von Hetze und Gewalt ganz Frankreich mit Marseille als Mittelpunkt. Dominique Manotti macht daraus einen fulminanten Krimi, beleuchtet den historischen Hintergrund. Sie erzählt kraftvoll, schnörkellos, fast dokumentarisch. Und schafft es, die Gründe des Rassismus in der französischen Gesellschaft aufzudecken.


Dominique Manotti
Marseille.73
Aus dem Französischen von Iris Konopik
Ariadne, Hamburg 2020, gebunden, 397 Seiten, 23 Euro


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"Marseille stinkt nach Blut", UZ vom 12. März 2021



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