Iraner kämpfen gegen den Verlust ihres kulturellen Erbes

Mehr als zerschlagenes Glas

Katayoun Shahandeh

Seit den ersten gemeinsamen Angriffen der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar ist das Land wiederholt Ziel von Luftangriffen geworden. Diese Angriffe, die angeblich die nuklearen und raketentechnischen Fähigkeiten des Landes treffen sollen, haben auch zivile Opfer gefordert und Schäden an kulturellen Stätten verursacht. Während zu Beginn des persischen Neujahrsfests Nowruz weiterhin Bomben fallen, kämpfen die Iraner um den Erhalt ihres historischen Erbes.

Luftangriffe in der Nähe der historischen Stadtteile von Teheran und Isfahan haben jahrhundertealte Gebäude beschädigt. Diese Verluste zeigen, wie Krieg nicht nur Menschenleben, sondern auch das historische Gedächtnis gefährdet, das in Städten und Landschaften verwurzelt ist. Als iranische Kunsthistorikerin ist es für mich doppelt schmerzhaft, mitanzusehen, was derzeit in meinem Land geschieht.

Der Iran verfügt über eine der weltweit größten Konzentrationen an historischer Architektur und städtischem Kulturerbe. Das Land zählt 29 UNESCO-Welterbestätten, die einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrtausenden umfassen: von den Hauptstädten antiker Reiche über islamische Stadtensembles bis hin zu Wüstenstädten.

Doch selbst Baudenkmäler, die Invasionen, politische Umwälzungen und Regimewechsel über Jahrhunderte hinweg überstanden haben, sind in modernen Konflikten gefährdet. Selbst wenn Kulturerbestätten nicht direkt angegriffen werden, können Explosionen, Brände und Schockwellen in der Nähe empfindliches Mauerwerk, glasierte Kacheln und dekorative Innenausstattungen beschädigen.

In der Hauptstadt Teheran haben Luftangriffe zwei bedeutende historische Stätten beschädigt: den Golestan-Palast und den Großen Basar.

Der Golestan-Palast, der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, diente im 19. Jahrhundert als zeremonielle Residenz der Kadscharen-Dynastie. Seine Säle zeichnen sich durch aufwändige Spiegelmosaike, bemalte Kacheln und einen architektonischen Stil aus, der persische Traditionen mit europäischen Einflüssen verbindet. Dieser Stil spiegelt eine Zeit wider, in der sich der Iran intensiv mit künstlerischen Strömungen in anderen Teilen der Welt auseinandersetzte.

Der Basar von Teheran ist weit mehr als nur ein Geschäftsviertel. Wie viele historische Basare im Nahen Osten ist er ein lebendiger städtischer Organismus, der Handel, religiöse Institutionen und das gesellschaftliche Leben miteinander verbindet. Historisch gesehen spielte er nicht nur eine wichtige Rolle in den wirtschaftlichen Netzwerken des Iran, sondern auch in den politischen Bewegungen. So war er maßgeblich an der iranischen Revolution von 1978 bis 1979 beteiligt, als die Basarhändler den späteren Führer der Islamischen Republik, Ajatollah Ruhollah Chomeini, unterstützten.

Schäden an solchen Orten betreffen daher nicht nur die historische Architektur, sondern auch die sozialen und städtischen Strukturen, die das Alltagsleben prägen.

141102 Golestan innen - Mehr als zerschlagenes Glas - Architektur, Iran, Iran-Krieg, Kulturerbestätten, Kulturzerstörung, Weltkulturerbe - Kultur
Im Inneren des Golestan-Palastes sind Glas und Spiegel zerstört. Die USA und Israel nehmen bei ihren Angriffen keine Rücksicht auf die von der UNESCO geschützten Orte. (Foto: tasnimnews.ir)

Von den Angriffen ist auch Isfahan betroffen, eine der bedeutendsten historischen Städte des Iran und ehemalige Hauptstadt der Safawiden (1501 – 1722) in einem goldenen Zeitalter der Kunst, Architektur und des Handels. Unter Schah Abbas I. wurde die Stadt zu einem kulturellen und städteplanerischen Zentrum des Persischen Reichs. Ihr Herzstück war der Naqsch-e-Jahan-Platz, ein monumentaler Komplex aus Moscheen, Palästen und Basaren, der den Beinamen „Nesf-e Jahan“ („Die halbe Welt“) erhielt.

Laut Angaben von für das kulturelle Erbe zuständigen Beamten wurden bei den Luftangriffen mehrere historische Gebäude durch die Druckwellen beschädigt, darunter der Timuriden-Palast aus dem 15. Jahrhundert, die historischen Gebäudekomplexe Jebe-Khaneh und Rakib-Khaneh, der Ashraf-Saal, der Palastkomplex Chehel Sotoun und der Ali-Qapu-Palast. Die Berichte beschreiben eingestürzte Decken, zerbrochene Türen und Fenster sowie zerbrochenes Glas.

Die Schäden in Isfahan sind besonders besorgniserregend, denn die Stadt nimmt einen zentralen Platz in der Architektur- und Kulturgeschichte des Iran ein. Isfahan erlebte im 17. Jahrhundert als Hauptstadt der Safawiden eine Blütezeit und ist bis heute eine der bedeutendsten historischen Städte der islamischen Welt. Selbst relativ geringe Schäden in dieser historischen Stadt geben Anlass zu ernsthafter Sorge. Dekorative Elemente wie Fliesenarbeiten, Wandmalereien und Spiegelmosaike gehören zu den empfindlichsten Bestandteilen der Architektur der Safawiden und sind, einmal verloren, äußerst schwer wiederherzustellen.

Auch internationale Denkmalschutzorganisationen haben ihre Besorgnis zum Ausdruck gebracht. So warnte das US-amerikanische Komitee von Blue Shield, einer internationalen Nichtregierungsorganisation, die sich für den Schutz des Kulturerbes in Kriegs- und Katastrophenzeiten einsetzt, dass die Missachtung internationaler Konventionen zum Schutz von Kulturgütern bei bewaffneten Konflikten zu Verstößen gegen das Völkerrecht führen könne. Blue Shield verwies dabei auf die jüngsten Schäden an Stätten wie dem Chehel-Sotoun-Palast in Isfahan und dem Golestan-Palast in Teheran.

Die Gefährdung Isfahans verdeutlicht zudem die weiteren Risiken, denen das iranische Kulturerbe ausgesetzt ist. Stätten wie Persepolis, die zeremonielle Hauptstadt der Achämeniden (6. – 4. Jahrhundert v. u. Z.), Pasargadae, wo sich das Grabmal von Kyros dem Großen (circa 559 – 530 vor unserer Zeitrechnung) befindet, und die historische Wüstenstadt Yazd repräsentieren verschiedene Schichten der iranischen Kultur – von den antiken Reichen bis hin zur islamischen Stadtkultur.

Warum ist das Kulturerbe für die Iraner so bedeutsam?

Die historischen Denkmäler des Iran sind nicht nur archäologische Stätten oder Touristenattraktionen. Sie sind Teil einer kulturellen Identität, die durch jahrtausendealte künstlerische, literarische und architektonische Traditionen geprägt ist. Städte wie Schiraz, Isfahan und Yazd sind beispielsweise eng mit den Werken von Dichtern wie Hafis (14. Jahrhundert) und Firdausi (10./11. Jahrhundert) verbunden, die das iranische Kulturleben bis heute prägen.

Für viele Iranerinnen und Iraner symbolisieren historische Denkmäler ein Gefühl der Kontinuität, das die antike persische Vergangenheit, die islamische Epoche und die moderne Nation miteinander verbindet.

Die Sorge um die beschädigten Gebäude hat auch heftige Reaktionen in den sozialen Medien ausgelöst. In den sozialen Medien ziehen Beiträge, die die Zerstörung historischer Stätten beklagen, oft wütende Reaktionen nach sich, in denen argumentiert wird, dass Menschenleben wichtiger seien als Gebäude. Für viele Iranerinnen und Iraner wirft dieser Kontrast schwierige Fragen darüber auf, welche Verluste Beachtung finden.

Einige fragen auch, warum sich die internationale Gemeinschaft wenig darum schert, dass die Ökosysteme des Iran über viele Jahre hinweg durch Misswirtschaft im Umweltbereich geschädigt wurden. Der Urmia-See beispielsweise, einst einer der größten Salzseen der Welt, hat durch den Bau von Staudämmen und die Umleitung von Wasser für die Landwirtschaft den größten Teil seiner Fläche verloren.

Für viele Iraner sind diese mehrfachen und überlappenden Krisen – Umweltzerstörung, politische Unterdrückung und Krieg – Teil eines umfassenderen Bildes von Verlusten, die sowohl die Menschen als auch das kulturelle Gedächtnis unmittelbar betreffen.

Wenn der Krieg historische Kulturgüter beschädigt, geht mehr als nur Architektur verloren. Mit ihnen verschwinden Fragmente des kulturellen Gedächtnisses, die Jahrhunderte überdauert haben.

Zwar haben viele der historischen Stätten des Iran Invasionen, Revolutionen und politische Umwälzungen überstanden, doch die heutigen Konflikte bergen neue Risiken, wenn historische Städte in der Nähe strategischer Ziele liegen. Einmal zerstört, können diese Denkmäler nicht wirklich ersetzt werden.

Beim Schutz des kulturellen Erbes in Konfliktzeiten geht es daher nicht nur um die Erhaltung von Gebäuden, sondern auch um die Bewahrung der Erinnerungen und Geschichten, die Gesellschaften über Generationen hinweg verbinden.

Der Artikel erschien zuerst in der US-amerikanischen Zeitung „People‘s World“.
Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: UZ

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"Mehr als zerschlagenes Glas", UZ vom 3. April 2026



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