Unter den vielen sind es nicht nur die Panikmacher, die ob der mit uns sprechenden Maschinen („Large Language Models“, LLM) die Literatur und jene, die sie herstellen, an einer Verwerfung stehen sehen. Hannes Bajohr und Ann Cotten haben Ende vergangenen Jahres mit „Schreiben nach KI“ (Verlag Matthes & Seitz) einen lesenswerten Sammelband zum Thema herausgebracht. Für die US-amerikanische Schriftstellerin Lucia Berlin stellte sich die Frage nicht, ob Nummer 5 oder C3PO ihr den Arbeitsplatz wegnimmt. Der offensichtlichste Grund dafür: Sie starb bereits 2004 an ihrem 68. Geburtstag. Nicht unerheblich aber ist, dass ihr der Status als Schriftstellerin zeitlebens nicht vom Automaten, aber von oftmals automatisch denkenden Subjekten streitig gemacht wurde: Berlin erfuhr erst postum großes und internationales Ansehen, nachdem 2015 Stephen Emerson mit „A Manual for Cleaning Woman“ eine wohlsortierte Auswahl von Kurzgeschichten herausbrachte, die in den beiden Folgejahren von Antje Rávik Strubel ins Deutsche übersetzt und in zwei Bänden („Was ich sonst noch verpasst habe“ und „Was wirst du tun, wenn du gehst“) vom Zürcher Arche-Verlag herausgebracht wurden.
Seitdem erschienen mit „Abend im Paradies“, „Welcome Home“ (beide Kampa-Verlag, 2019) und „Love, Loosha“ (AKI-Verlag, 2024) weitere Storys, Notate beziehungsweise Ansätze zu einer Autobiografie sowie der Briefwechsel Berlins mit Schriftstellerkollegen Kenward Elmslie.
„Ich möchte Unsterblichkeit“, heißt es im Band „Ein neues Leben“, der neben teils unveröffentlichten Storys, Einzelbeiträgen für Literaturmagazine und Kurzessays auch Reisetagebücher versammelt. Bis zur Unsterblichkeit ist es noch weit, doch Berlins Geschichten haben einen Schritt dahin getan. Während ihres Lebens diente ihr selbiges zwar fortwährend als erzählerischer Rohstoff, stand ihr jedoch auch fortwährend im Weg: In Alaska in proletarische Verhältnisse hineingeboren, gelangte die Familie durch die Anstellung des Vaters als Bergbauingenieur in Chile zu relativ hohem Wohlstand. Berlins Biografie ist von fortwährenden Umzügen und Brüchen geprägt: Beatnik-Bohème, Leben als früher Hippie im Auto und am mexikanischen Strand, Alkoholabhängigkeit wie -entzug, Dasein als Alleinerziehende, Jobs als Lehrerin, Putzfrau und Telefonistin, vor allem im Alter Leid verursachende Skoliose. Auch wenn sie fortwährend schrieb und hier und da publizierte, blieb ihr die große Resonanz lange verwehrt. Wenn sie auch hoffte, dass man sie nicht vergisst: Dass irgendwann ein Mädchen in die Bibliothek geht und Lucia Berlin liest, die literarische Widerspiegelung von durch Rassismus und Sexismus mitgeprägte Klassengesellschaften, war ein Wunsch der Autorin, als längst absehbar war, dass sie zeitlebens nicht mehr zu Ruhm gelangen würde.
Das Begehr, nicht vergessen zu werden, schildert David Berlin, dritter von vier Söhnen, im knapp einstündigen Film „Love, Lucia“, für den die Schweizer Regisseurin Ann Kathrin Doerig ihn und Lucia Berlins Freundin und Schriftstellerkollegin Lydia Davis interviewte und der beim AKI-Verlag unter uzlinks.de/lucia abrufbar ist.
Lucia Berlin machte Angaben, wie mit ihrer Literatur nach ihrem Ableben zu verfahren sei. Dass sie nun mehr denn je gelesen wird, mag sie also auch selbst prognostiziert haben.
„Ein neues Leben“ allerdings nimmt niemand zur Hand, weil das Buchäußere entzückt: Mag die Idee, Berlin auf dem Cover im Bildhintergrund und im Auto sitzend fast verschwinden zu lassen, während der Fokus auf einem jungen Blumenverkäufer im Vordergrund liegt, auch recht hübsch sein und zum Inhalt passen. Die Hochglanzdeckel im Verbund mit einer dunkelvioletten Schrift, die nur schräg gegens Licht gehalten lesbar ist, lassen einen darüber nachdenken, dem Buch einen Sichtschutzumschlag Maß zu schneidern.
Insgesamt drei Mal taucht vorn und hinten das „Leben“ auf. Um das geht es selbstverständlich in den Texten – manche von ihnen Entwürfe für einen verworfenen Roman, andere halbe Zettelkästen, wieder andere Schreibübungen, um sich aus Blockaden zu lösen, oder schlicht das eigene Schreiben zu trainieren.
Lucia Berlins satte Biografie legte es nahe, sich an dieser zu bedienen. Hier sind es oft anderer Leute Leben, die ins Zentrum rücken: Seniorinnen und Senioren etwa, die ihr ihre Lebensgeschichte erzählten. Daraus entstanden ist unter anderem die stark mündliche Kurzgeschichte „Unser Leuchtturm“: „Die Winter waren hart, elend. Wir mussten jedes Jahr in die Stadt ziehen. In einen Schuppen, der nur aus einem Zimmer bestand, mit Holzofen, wir schliefen alle auf dem Fußboden. Mein Vater arbeitete auf den Betriebsbahnhöfen, wenn er Arbeit fand. Er hasste es. Er war kein Trinker, aber im Winter wurde er böse und schlug jeden von uns und meine Ma, nur, weil er erschöpft war und ihm die Decke auf den Kopf fiel, zu weit weg vom Fluss.“ Dagegen scheint das Leben in sommerlicher Armut zum Garten Eden verklärt – aber über den hält nicht Gott die Hand, sondern der Markt seine unsichtbare: „Der Leuchtturm war nicht viel größer als der Schuppen in der Stadt. Aber er war toll, und Fenster gingen zum Wasser hinaus und zum Wald am Ufer. Wasser und Vögel überall ringsum. Als die Holzstämme an uns vorbeitrieben, konnte man den süßen Saft von Nadelbäumen riechen, Zedern. Es ist der schönste Ort in den ganzen Vereinigten Staaten von A. Was sage ich? Nicht mehr, nachdem die Eisenleute und die Kupferleute und Union Carbide ihn ausgebeutet haben. Immer mehr Stämme, und die Stromschnellen sind verschwunden. Die Vögel auch, nehme ich an. Verdammt, sogar der Leuchtturm ist weg, Die Boote fahren das ganze Jahr über.“ Der Ton in dieser Story entspricht vollends dem, was Davis in „Love, Lucia“ über Berlins Sprache zu sagen weiß: Sie sei „unprätentiös“ und „bodenständig“. Wer Berlin liest, weiß Bescheid, ohne mit der Nase reingedrückt worden zu sein.
Als Vorreiterin der politischen Korrektheit kann Berlin nicht gelten. Auch wenn sie sich nicht an sozialen Verwerfungen vorbeimogelte, sondern jene Widersprüche als Kernkonflikte in ihren Geschichten verhandelte, war sie zu Scherzen aufgelegt: „War auf einer ökofeministischen Lesung. Dachte, es könnte etwas mit recyclebaren Tampons zu tun haben“, schreibt sie in ihr Tagebuch, als sie 1990 als Gastdozentin in Colorado weilt. Antje Rávik Strubel entscheidet sich trotzdem in der Übersetzung für „Studierende“ und die vom postkolonialen und rassismuskritischen Diskurs eingebrachte, damit den Begriff als Zuschreibung unterstreichende unsystematische und grammatikalisch inkorrekte Großschreibung von „schwarz“, wenn es als Adjektiv auf die Hautfarbe von Personen verweisen soll. Die Stereotype, mit der Berlin hier spielt, die sie da unreflektiert nachstellt, und die Klischees, die sie dabei aufruft, werden dadurch nicht weniger. Die Übersetzung lädt Berlins Texte damit eher durch eine Skurrilität auf, die sich auch gut und gerne ignorieren lässt und niemanden, der bei jedem Gendersternchen an die Decke geht, zum Überschnappen bringen sollte. Eines zeigt das jedenfalls: LLMs zum Trotz, wird die Übersetzungsarbeit nicht einfacher und keineswegs hinfällig.
„Ein neues Leben“ summiert nicht die besten Geschichten Lucia Berlins. Als Ergänzungsband für jene, die in ihrem Bücherregal regelmäßig Berlin ansteuern, muss für das Buch – seines Äußeren zum Trotz – zweieinhalb Zentimeter Regalbrett freigemacht werden.
Lucia Berlin
Ein neues Leben
Storys, Essays, Tagebücher
AKI-Verlag, 272 Seiten, 24 Euro








