Die SDAJ schätzt ein, dass die derzeitigen Schulstreiks gegen die Wehrpflicht der Beginn einer antimilitaristischen Jugendbewegung sind. Eine solche ist nötig, wenn es gelingen soll, den Kriegstreibern in den Arm zu fallen und einen Dritten Weltkrieg zu verhindern. Sicher ist, dass die Bewegung in dem Maße Gegenwind erfährt, in dem sie stärker wird, dass sie Mut und Ideen braucht. Ein Blick zurück kann helfen. Die Jugend spielte auch im Kampf gegen die Remilitarisierung der BRD eine entscheidende Rolle – und machte teils spektakuläre Aktionen wie die Besetzung Helgolands vor genau 75 Jahren. Die Nordsee-Insel wurde von den englischen Besatzungstruppen als Übungsgelände für Bombenabwürfe missbraucht. Am 23. Februar 1951 landeten sieben Jugendliche, unter anderem Mitglieder der FDJ, Vertreter der Gewerkschaftsjugend und der Falken, auf der Insel, um die Einstellung der Bombardierung zu erzwingen. Trotz Verschleppung von der Insel und einem Gerichtsprozess landeten zwei Monate später erneut 13 Jugendliche auf Helgoland. Unter ihnen war Marianne Wilke (1929-2023) aus Hamburg, die als sogenannte „Halbjüdin“ während des Faschismus aufwuchs und ihn überlebte. Über ihre Tage auf Helgoland berichtet sie in dem Film „Einmal und nie wieder“ von Johannes Hör, den wir an dieser Stelle wärmstens empfehlen. Mit freundlicher Genehmigung des Regisseurs geben wir ihre Erinnerungen in Auszügen leicht bearbeitet wieder.
Es ging nach 1945 nicht mehr um Leben und Tod. Es ging darum, dass wir eine Welt schaffen wollten, in der es gerechter zugehen würde. Und ich merkte, dass meine Hoffnung auf Erneuerung nicht mit der Wirklichkeit überein stimmte. Alle Leute sagten, nie wieder dürfe so etwas geschehen, nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg und nie wieder Bomben. Ich war damals Mitglied in einer Jugendgruppe der Guttempler. Mein Bruder und ich waren glücklich, dass wir als Gleiche unter Gleichen in einer Gruppe waren und dass wir endlich normal leben konnten. Das hatten wir zwölf Jahre lang nicht gekonnt. Einer erzählte, dass zwei Studenten nach Helgoland gefahren seien und dort gegen Bombenabwürfe protestiert hätten. Das war 1949 – eine bedrückende Zeit.
Die Wochenschau berichtete damals: „Die Welt blickt auf Helgoland, die deutsche Insel in der Nordsee, auf die ihre Einwohner nicht zurückkehren durften, weil sie seit fünf Jahren der britischen Luftwaffe als Bombenziel diente. Im Morgengrauen des ersten Tages im neuen Jahr begab sich eine Kameramannschaft unserer Wochenschau auf das zerbombte Eiland, um die jungen Deutschen, darunter Helgoländer, aufzusuchen, die sich aus Protest auf der Insel aufhielten. Die berühmte Silhouette Helgolands war zerstört. Das allen Seefahrern bekannte Felsengebilde, der Mönch, war nicht mehr zu erkennen.“
Auch wir in Hamburg waren umgeben von Trümmern. Jeden Tag Bomben auf Helgoland, vier Jahre nach dem Krieg, das hat uns empört. Dagegen wollten wir protestieren. Und als ich gefragt wurde, würdest du denn da mitmachen, auf Helgoland protestieren, habe ich gesagt: Ja, natürlich würde ich das, mit voller Überzeugung.
Wir waren vier Mädchen und elf Jungen. Es gab damals nach dem Krieg eine Unmenge neu entstandener Jugendorganisationen. Also trafen sich dort unter anderem Mitglieder der evangelischen und katholischen Jugend, der Falken, der Schreberjugend und der FDJ. Und ich war nun von den Guttemplern. Das fand ich schon prima. Es waren die Fischer, die sich angeboten hatten, uns rüberzufahren. Das war natürlich verboten. Die Fischer brauchten den Hafen von Helgoland. Es war ihr Rettungshafen. Und sie waren interessiert daran, dass der Protest laut wird. Sie haben uns unterstützt. Nicht nur, dass sie uns rübergefahren haben. Sie haben uns frisches Wasser gebracht – und Schollen. Sie haben uns Hummer gebracht. Ich habe dort zum ersten Mal Hummer gegessen.
Wir waren unter Deck. Man sollte uns ja nicht sehen. Plötzlich kam ein deutsches Polizeiboot längsseits. „Na, wir machen einen Ausflug“, sagte der Fischer. „Haben alle Schwimmwesten dabei?“, fragte die Polizei. „Nein“, sagt er, „das nun nicht.“ Die Polizei nötigte den Fischer, nach Büsum zu fahren und da mussten wir wieder aussteigen. Es dauerte dann noch ein paar Tage, bis wir den zweiten Anlauf wagten. Dann war es so weit. Wir wurden zusammengerufen und der Fischer bat uns auf sein kleines Boot. Es war nicht sehr groß, aber wir passten alle drauf. Also, wir 15 Mann stiegen in das Boot und kamen tatsächlich nach Helgoland.
Das einzige Gebäude, das dort noch stand, war ein Flakbunker. Drei Stockwerke hoch, mit meterdicken Türen. Das Erste, was die Jungen gemacht haben, war, provisorische Türen einzubauen, um Schlafstellen zu schaffen. Eva Marie, das war die Jüngste in unserer Gruppe, wurde auf dem Dach postiert. Sie bekam zwei Topfdeckel. Wenn sie Flieger sah, dann sollte sie die Topfdeckel zusammenschlagen, um uns alle zusammenzurufen. Wir hatten uns vorgenommen, den Friedhof so weit wie möglich wieder herzustellen, die Kreuze und Steine wieder aufzurichten. Es dauerte nicht lange, bis Eva Marie ihre Topfdeckel zusammenschlug. Wir liefen alle in den Bunker, aber es wurde nicht gebombt. Die Flugzeugführer sahen unsere Fahnen auf dem Dach: die Deutschlandfahne, die Helgolandfahne und die blaue Friedensfahne mit der Friedenstaube. Als die Flugzeuge das bemerkt haben, sind sie wieder abgedreht.

Im Ganzen waren wir eine Woche auf Helgoland. Nach etwa fünf Tagen kamen zwei Boote. Ein deutsches und ein britisches. Die Polizisten versuchten, in den Bunker zu kommen, um uns rauszuholen und festzunehmen. Aber diese dicke Tür widerstand allen Bemühungen. Was sie auch machten, sie kriegten die Tür nicht auf und fuhren wieder davon. Zwei Tage später kamen sie mit einem Schneidbrenner wieder. Damit haben sie es tatsächlich geschafft, diese dicke Tür aufzubrechen. Sie bugsierten uns auf ihre Schiffe und brachten uns an Land.
Ich war überzeugt, dass wir das Richtige taten. Dass unsere Sache gut und notwendig war. Deshalb hat mir das auch nichts ausgemacht. Ich hatte keine Angst, als ich da in eine Einzelzelle kam und die Tür zugeschlossen wurde. Ich wusste ja, in der Nazi-Zeit war es viel schlimmer gewesen. Ans Leben konnte es nicht gehen. Höchstens eine Strafe – und das war die Sache wert. Wir wollten, dass Helgoland nicht mehr bombardiert wird und dass darüber gesprochen wird. Das war unser Ziel.
Wir waren etwa eine Woche im Gefängnis und dann kam unser Prozess. Die Anklageschrift lautete „Gemeinsame Landung auf der Insel Helgoland ohne schriftliche Genehmigung“. Meine Eltern waren froh, dass wir überlebt hatten, und sie wussten auch, dass man manchmal zivilen Ungehorsam anwenden muss, um etwas durchzusetzen, von dem man überzeugt ist. Das Urteil lautete auf zwölf Wochen. Die Richter entschieden, die Mädchen brauchen die Zeit nicht abzusitzen, nur die Jungen. Da waren wir natürlich empört. Wir waren keine Anhängsel der Jungen. Die Anwälte hatten große Mühe, uns davon zu überzeugen, dass wir draußen mehr für die Jungen tun könnten als wenn wir mit ihnen im Gefängnis sitzen. Am nächsten Tag durften wir nach Hause.
Danach habe ich mir die Zeitungen angesehen. Bis auf eine waren sie negativ. Ich denke, das war die Hörigkeit der Journalisten, also sich nicht gegen die Besatzungsmacht aufzulehnen. Aber später habe ich erfahren, dass es auch daran lag, dass drei Mitglieder, drei von 15, der FDJ angehörten, der Freien Deutschen Jugend. Das war nicht genehm. Weder Antisemitismus noch Antikommunismus waren überwunden. Es war ja nichts aufgearbeitet worden nach 1945. Es gab keine „Stunde Null“. Die Parole hieß, nach vorn zu blicken. Das ist ja eigentlich positiv, aber es beinhaltete gleichzeitig, nicht mehr zurückzublicken. Nur nicht zurückschauen und Lehren aus der Nazi-Zeit ziehen. Das war nicht vorgesehen.
Ich wurde von der Schulleitung gebeten, über Helgoland und meinen Gefängnisaufenthalt zu berichten. Das fand ich sehr gut. Es zeigte, dass die Lehrer uns zumindest ein wenig Sympathie entgegenbrachten. Es hat nach uns noch etliche Delegationen gegeben, die nach Helgoland gefahren sind, um zu protestieren. Es wurde ja immer noch weiter gebombt. Es wurde zwar darüber gesprochen und diskutiert, aber es wurde noch weiter gebombt. Aber am Ende haben wir es erreicht. 1952 im März wurde die Insel wieder freigegeben. Sie konnte wieder aufgebaut und bewohnbar gemacht werden. Dünen für die Sommergäste und Häuser für die alten Helgoländer. Wenn man in die Geschichtsbücher guckt, liest man, die Besatzungsmächte hätten ein Einsehen gehabt. Zu dieser Einsicht haben wir also beigetragen.
In UZ vom 27. Februar erinnert UZ an die Kommunistin Hilde Wagner, die als FDJ-Mitglied auf Helgoland war und sich aktiv an der Volksbefragung gegen die Militarisierung beteiligte.
Einmal und nie wieder
Ein Dokumentarfilm mit und über Marianne Wilke
Regie: Johannes Hör
87 Minuten
Herausgeber: VVN-BdA Schleswig- Holstein
Der Film wird für Bildungszwecke kostenfrei zur Verfügung gestellt: einmal-und-nie-wieder.de









