Afrikanische Staaten lassen sich nicht mehr vom Westen dominieren

Nicht mehr in der Kolonialzeit

Kolumne

Deutliche Töne fand Macky Sall, der Präsident des Senegal, als er auf dem diesjährigen Forum de Dakar am 24. Oktober auf Chrysoula Zacharopoulou antwortete, die Vertreterin Frankreichs auf dem hochkarätigen internationalen Treffen, das offiziell Forum „für Frieden und Sicherheit in Afrika“ heißt. Zacharopoulou hatte das Stichwort „Sicherheit“ zum Anlass genommen, um einmal mehr das aktuelle Ceterum censeo des Westens loszuwerden: dass die Staaten Afrikas endlich für die Ukraine und gegen Russland Position beziehen müssten. „Afrika ist nicht gegen die Ukraine“, stellte Sall klar; nur: Während Kiew bombardiert werde, werde der afrikanische Kontinent beständig von Terroristen angegriffen, leide unter Wirtschaftskrisen, unter Krankheiten und vielem mehr. Und wo bleibe da der Westen? Was die afrikanischen Staaten verlangten, bestätigte Sall, sei ein Ende des Ukraine-Krieges und der westlichen Sanktionen, die die Nahrungs-, Energie- und Düngemittelpreise katastrophal in die Höhe trieben. Sich stattdessen jedoch auf die Seite des Westens schlagen – nein, das wolle Afrika nicht.

Joerg Kronauer - Nicht mehr in der Kolonialzeit - Afrika, Imperialismus - Internationales

Die Staaten Afrikas und die aktuell von Sall geführte Afrikanische Union (AU) halten an ihrem Entschluss fest, sich ihre eigenständige Position in der internationalen Politik zu bewahren. Manche verurteilen in der UN-Generalversammlung den Krieg sowie die angeblichen russischen Annexionen, andere enthalten sich oder bleiben der Abstimmung gleich ganz fern. Eines aber tun alle nicht: sich den westlichen Russlandsanktionen anschließen, ihre Beziehungen zu Moskau kappen. Im Gegenteil: Hatte Sall als aktueller Präsident der AU Anfang Juni seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin in So­tschi besucht, so traf in der vergangenen Woche auch der Präsident Guinea-Bissaus und derzeitige Vorsitzende der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, Umaro Sissoco Embaló, zu Gesprächen in Moskau ein. Zwar reiste er anschließend nach Kiew weiter, um dort den ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenski zu treffen; von diesem vereinnahmen ließ er sich aber nicht: Die zwei „Brüder“ in Kiew und in Moskau müssten endlich Frieden schließen, teilte er mit.

Bei ihren neuen Bemühungen um Eigenständigkeit gehen die Staaten Afrikas mittlerweile auch praktische Schritte. Senegal etwa baut, stellvertretend für ganz Westafrika, die Beziehungen zum BRICS-Bündnis aus. So ist in Senegals Hafenstadt Saint-Louis am 12. Oktober eine BRICS-Repräsentanz eröffnet worden, über die die ökonomische Entwicklung Westafrikas vorangetrieben werden soll. Die Kooperation werde „auf gegenseitigem Vorteil und auf Solidarität“ beruhen, nicht auf „brutaler und unangebrachter Einmischung in die inneren Angelegenheiten der afrikanischen Staaten“, sagte Ahoua Don Mello, der BRICS-Repräsentant für West- und Zentralafrika. Wem er Einmischung vorwarf, war klar.

Ganz in diesem Sinn hat sich am 24. Oktober auf dem Forum de Dakar auch Sall geäußert. „Wir sind nicht mehr in der Kolonialzeit“, beschwerte er sich über die westlichen Staaten, „auch wenn Länder arm sind, so haben sie doch die gleiche Würde und verdienen es, dass man ihre Probleme mit Respekt behandelt“. Im Publikum brandete da Beifall auf. Zuvor hatte Sall mit Blick auf das, was im Westen heutzutage gern „regelbasierte Weltordnung“ genannt wird, gefordert: „Man muss das System reformieren, denn es entspricht den Bedürfnissen der heutigen Welt nicht mehr.“ Senegals Präsident führte aus, was genau er damit meinte: eine Reform des UN-Sicherheitsrats zum Beispiel, der in seiner heutigen Form aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg stamme; seitdem hätten sich bekanntlich zahllose Länder entkolonialisiert und wollten nun berücksichtigt werden. Auch Weltbank und IWF, bei denen die reichen westlichen Staaten immer noch 80 Prozent der Stimmen hielten, müssten reformiert werden. Der Druck aus Afrika wächst und der Kontinent hat heute Alternativen zum Westen – Russland, China, die BRICS.

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Über den Autor

Jörg Kronauer (Jahrgang 1968) ist Sozialwissenschaftler und lebt in London. Er ist Redakteur des Nachrichtenportals „german-foreign-policy.com“, freier Journalist und Buchautor. Seine Themenschwerpunkte sind Neofaschismus und deutsche Außenpolitik.

Kronauer veröffentlichte 2018 bei PapyRossa „Meinst Du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg“. Sein aktuelles Buch „Der Rivale“ analysiert die Rolle der VR China im internationalen Klassenkampf.

Für die UZ schreibt Kronauer eine monatlich erscheinende Kolumne mit dem Schwerpunkt deutsche Außen- bzw. Konfrontationspolitik gegen Russland und China.

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"Nicht mehr in der Kolonialzeit", UZ vom 4. November 2022



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