Andrea Offermanns Comic über einen tapferen Kunstretter vergibt Chancen

Nicht so mutig wie Herr Werner

Einen ganz wunderbaren Titel hat Andrea Offermann ihrem Kinder-Comic gegeben. Auf dem Titel ein dunkler Museumsraum, Gemälde an den Wänden, eine Figur schleicht herein, in der Hand eine Taschenlampe. In deren Schein der Titel: „Herr Werner wird zum Dieb“. Mein zehnjähriges Ich, viertes Fragezeichen bei den drei, sechste Freundin bei den fünf, hätte das angesprochen. Was ist Herrn Werner wohl passiert, dass er zum Dieb wurde?

4216 Comic - Nicht so mutig wie Herr Werner - Andrea Offermann, Carlsen Verlag, Faschismus - Die letzte Seite
(Foto: carlsen.de)

Die Nazis waren Herrn Werner passiert. Wilhelm Werner war Hausmeister und Betriebsassistent in der Hamburger Kunsthalle. Er lebte mit seiner Familie in der Hausmeisterwohnung des Museums, war befreundet mit vielen Künstlerinnen und Künstlern der Hamburgischen Sezession, half mit, ihre Ausstellungen zu hängen und wurde – nicht nur durch Geschenke – selber zum Kunstsammler. Als die Nazis damit begannen, von ihnen als „entartet“ verleumdete Kunst aus den Museen zu holen, kam Herr Werner ihnen bei einigen Bildern zuvor: Er nahm sieben Bilder von Anita Rées von den Wänden der Kunsthalle und versteckte sie im Schlafzimmer der Hausmeisterwohnung. Als der Faschismus in Deutschland geschlagen war und die Hamburger Kunsthalle, von Kriegsschäden befreit, wiedereröffnete, tauchten die Bilder von Anita Rées einfach wieder in der Sammlung auf. Der Dieb hatte seine Beute so heimlich zurückgegeben, wie er sie genommen hatte. Erst nach seinem Tod berichtete seine Witwe, dass Herr Werner zum Dieb geworden war.

Andrea Offermann erzählt eine wunderbare Geschichte über einen Mann, der auf Anweisung des Reichsstatthalters an Angestellte des Öffentlichen Diensts Mitglied der ­NSDAP geworden war und der angesichts der Zerstörung von Kunst Mut bewies. Er bewahrte Teil des Werks von Anita Rées, die bereits 1933 von den Nazis in den Selbstmord getrieben worden war.

Leider erzählt Offermann diese wahre Geschichte über Mut in finsteren Zeiten nicht als Geschichte, sondern als Sachcomic. Damit unterschätzt sie die Fähigkeit von Kindern, aus erzählten Geschichten zu abstrahieren, und vergibt die Chance, den Figuren Tiefe zu verleihen. Nüchtern wird festgehalten, dass der Besuch der „Kommission für entartete Kunst“ auch der Hamburger Kunsthalle bevorstand: „Da wurde Herr Werner zum Dieb!“ Keine Abwägung des Risikos, keine Spekulation über mögliche Debatten um das Für und Wider mit der ja von dem Diebstahl im Fall einer Entdeckung ebenso betroffenen Familie, kein Moment der Angst. So bleibt auch die Anonymität, mit der Werner die Bilder zurückgab, unverständlich. Der Sachcomic verzichtet darauf, seinen jungen Leserinnen und Lesern nahezubringen, was es bedeutet, Mut zu haben.

Die Bilder Andrea Offermanns sind durchaus gewitzt, die Collagen, mit denen auf den kurzen Seiten dieses Kindercomics versucht wird, den deutschen Faschismus zu beschreiben, sind durchaus stimmig. Doch dem Buch fehlt die Emotionalität, die Kinder in so eine Geschichte ziehen und sie ihre Schlüsse ziehen lassen kann. Ob die im Anhang empfohlenen Orte des Geschehens nach der Lektüre unbedingt von den Kindern besucht werden wollen, ist nicht so sicher. Zumal der Anhang des Sachcomics eine Sachgeschichte mit Comicelementen ist. Bei solchen Doppelungen verlieren Kinder schnell die Lust am Lesen. Man hätte ihnen mehr Kompetenz zutrauen können. Herr Werner hätte es verdient.

Andrea Offermann
Herr Werner wird zum Dieb
Carlsen Verlag, 15 Euro

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"Nicht so mutig wie Herr Werner", UZ vom 16. Oktober 2026



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