Das Revolutionsdenkmal von Mies van der Rohe

„Ich war, ich bin, ich werde sein?“

Vor einhundert Jahren wurde in Berlin-Friedrichsfelde ein Denkmal errichtet, das nur noch in den Geschichtsbüchern steht. Es stand keine zehn Jahre – die Nazis schleiften es und schleppten den Stern mit Hammer und Sichel in ihre Trophäensammlung in der Parochialstraße. In den Räumen des einstigen Antikriegsmuseums, 1925 von Ernst Friedrich gegründet, hatte die SA demonstrativ eine Ausstellung mit Beutestücken ihres Krieges gegen den Kommunismus eingerichtet – mit dem Sowjetstern vom Denkmal für die ermordeten Novemberrevolutionäre als Herzstück.

Im Nachgang der Novemberrevolution 1918 waren nicht nur die Kommunistische Partei gegründet, sondern auch deren Führer von der Reaktion erschlagen worden: Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Januar, Leo Logiches im März, Franz Mehring schloss Ende Januar 1919 die Augen für immer … Die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, der während der Revolution sein Amt übertragen bekommen hatte, löste einen Generalstreik und bewaffnete Auseinandersetzungen aus. Im Feuer der Freikorps starben viele Spartakisten, 33 von ihnen sollten auf dem Friedhof der Märzgefallenen im Friedrichshain beigesetzt werden. Das untersagte der Magistrat und verwies auf den seit 1880 bestehenden städtischen Central-Friedhof Friedrichsfelde. 25 Hektar groß und deutschlandweit bekannt geworden, als man 1900 den SPD-Gründer Wilhelm Liebknecht dort zu Grabe trug und 150.000 Menschen seinem Sarg folgten.

In einer großen Grube im hinteren Teil des Friedhofs, gleichsam in einem Massengrab, wurden im Januar 1919 die getöteten Revolutionäre beigesetzt. Der Sarg für Rosa Luxemburg war leer, ihr Leichnam noch nicht gefunden.

Jahre später wollte die KPD an eben jenem Ort ein angemessenes Mahnmal errichten. Dazu gründete sie ein Denkmalkomitee unter Leitung von Wilhelm Pieck. Ebenfalls zum Komitee gehörte Eduard Fuchs, Kunstsammler, Gründungsmitglied des Spartakusbundes und der KPD, Freund und Nachlassverwalter Franz Mehrings. Es schwirrten mehrere Vorschläge durch den Raum. Dann trat der Genosse Zufall auf den Plan. Mies van der Rohe schrieb Jahrzehnte später in einem Brief an einen US-amerikanischen Freund: „Alles war von Anfang bis Ende Zufall.“

Eduard Fuchs war mit dem Kunsthändler Hugo Perls befreundet, der sich 1911 von dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe in Berlin-Zehlendorf eine Villa hatte errichten lassen. Offensichtlich gefiel sie ihm nicht, denn schon nach wenigen Jahren übertrug er sie an Fuchs im Tausch gegen etliche Liebermann-Gemälde. Eduard Fuchs nun wollte für seine umfangreiche Kunstsammlung eine Galerie und engagierte für den Erweiterungsbau Mies van der Rohe. Der sollte, was damals nicht absehbar war, zu einem der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts werden – aktuell war er unbedeutend.

Im gedanklichen Austausch über diesen Anbau kam man auch auf das geplante Revolutionsdenkmal zu sprechen und Fuchs zeigte ihm einen Entwurf – es wird vermutet, dass es sein eigener war. „Ein gewaltiges steinernes Monument mit dorischen Säulen und Medaillons von Luxemburg und Liebknecht“, amüsierte sich Mies van der Rohe, das wäre ein schönes Denkmal für einen Bankier, nicht aber für Revolutionäre. Anderntags rief Fuchs bei Mies van der Rohe an und bat ihn um einen Gegenvorschlag. Und der lieferte ihn: Ein Monument aus Abbruchsteinen, mit versetzten Kuben, eine dynamische Mauer, an die fünfzehn Meter lang, sechs Meter hoch und vier Meter breit. Das einzige Schmuckelement: ein Sowjetstern aus Edelstahl, geziert von Hammer und Sichel. (Was sich bei der Herstellung als Problem erwies. Van der Rohe zerlegte darum den Stern in fünf Rhomben, die dann zusammengefügt wurden. Der Fahnenmast daneben musste 1928 auf Anordnung der Behörden entfernt werden.) Das Monument sollten inmitten des Gräberfeldes stehen, davor die Platten der prominenten, dahinter die weniger bekannten Opfer der Revolution.

271102 Bundesarchiv Bild 146 1976 067 - „Ich war, ich bin, ich werde sein?“ - Berlin, Berlin-Friedrichsfelde, Eduard Fuchs, Faschismus, Franz Mehring, Karl Liebknecht, KPD, Leo Jogiches, Mies van der Rohe, Rosa Luxemburg, SED - Kultur
Trauerzug zur Beisetzung Rosa Luxemburgs am 13. Juni 1919 (Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1976-067-25 A / CC BY-SA 3.0 / Bearb.: UZ)

Vor einigen Jahren beschuldigte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Mies van der Rohe des Opportunismus. Doch sich Mitte der zwanziger Jahre in dieser Weise für die KPD zu engagieren, war alles andere als opportun. Und als der seit 1938 in den USA lebende Mies van der Rohe als US-Bürger vor den MacCarthy-Untersuchungsausschuss gezerrt und befragt wurde, ob sein „kommunistisches Denkmal“ ein „Bekenntnis zum Bolschewismus“ gewesen sei, antwortete der: „Yes, Gentlemen, yes. Als ich in meinen besten Jahren war, habe ich die Sache gemacht und ich bin verdammt stolz darauf, dass es mir gelungen ist.“

Dem Monument vorgelagert war ein abstraktes Podest, eine Art Tribüne, von der gesprochen werden konnte. Auch dieses Element offenbarte, dass es Mies van der Rohe nicht um stilles, sondern um prospektives Gedenken ging, welches Vergangenheit und Zukunft miteinander verknüpfte. Die Ehrung der Vorkämpfer der sozialistischen Revolution sollte in die Zukunft weisen, sie war keineswegs rückwärtsgewandt. Das bekundeten auch die alljährlich stattfindenden Demonstrationen, solange diese dort möglich waren.

Unmittelbar nach der Errichtung der faschistischen Diktatur wurde das Grabmal zum ersten Mal geschändet, Nazis rissen den Stern heraus. 1935 rissen sie das Denkmal ab, 1941 wurden die Gräber liquidiert. (Handschriftlicher Eintrag im Totenbuch von 1919: „Die ehemaligen Kommunistengräber können eingeebnet werden. Umbettung Karl Liebknecht kommt nicht in Frage. 30. 4. 1941“) Ein Genosse sicherte die Grabplatten von Luxemburg und Liebknecht und versteckte sie – heute liegen sie im Depot des Deutschen Historischen Museums.

Nach dem Krieg, als die Tradition der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration wieder aufgenommen wurde, errichtete man aus Holz und Fahnentuch ein provisorisches Mahnmal, das an das frühere Monument erinnerte. Später wurde unter maßgeblicher Mitwirkung von Wilhelm Pieck an anderer Stelle auf dem Friedhof die „Gedenkstätte der Sozialisten“ angelegt, inmitten des Rondells ein aufragender Stein mit der schlichten Inschrift: „Die Toten mahnen uns“. Auf den Wiederaufbau des historischen Monuments wurde verzichtet. Die kleinkarierte Begründung lautete: Eduard Fuchs, der im Auftrag von Luxemburg mit Lenin über die Gründung der III. Internationale gesprochen hatte, der 1923 die „Gesellschaft der Freunde des neuen Russland“ und zwei Jahre später die Aktion „Hände weg von China“ initiiert hatte, der die Partei mit erheblichen Zuwendungen auch materiell unterstützte, hatte 1928 nach dem Ausschluss seiner Freunde Heinrich Brandler, August Thalheimer und Jacob Walcher die KPD verlassen und sich der Kommunistischen Partei – Opposition (KPO) angeschlossen. Fuchs starb 1940 im französischen Exil und wurde auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise beigesetzt, wo auch die die Revolutionäre der Pariser Kommune ruhen.

Derart kleinlich und nachtragend war die SED-Führung bestimmt nicht, wenngleich Eduard Fuchs in der Parteigeschichte – wie so manch anderer auch – kaum noch vorkam.

Der Grund für eine neue Gedenkstätte: Es sollte an alle Vorkämpfer der sozialistischen Idee erinnert werden, namhafte Vertreter der verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung sollten ihren Platz im Rondell finden. Also keine Ausgrenzung und ausschließliche Fokussierung auf die Opfer von 1919.

2711 01 Bundesarchiv Bild 183 H27965 Berlin Friedrichsfelde Demonstration Wilhelm Pieck - „Ich war, ich bin, ich werde sein?“ - Berlin, Berlin-Friedrichsfelde, Eduard Fuchs, Faschismus, Franz Mehring, Karl Liebknecht, KPD, Leo Jogiches, Mies van der Rohe, Rosa Luxemburg, SED - Kultur
Mitglieder der KPD an der Nachbildung des Revolutionsdenkmals, 13. Januar 1946 (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H27965 / CC BY-SA 3.0 / Bearb.: UZ)

Anfang der achtziger Jahre wurde auf den Resten des Revolutionsdenkmals ein Mauersockel mit einer Bronzetafel gesetzt, welche die Umrisse des vernichteten Monuments zeigt und an dessen Geschichte erinnert: „Auf diesem Fundament stand das Revolutionsdenkmal für Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und viele andere revolutionäre Kämpfer der deutschen Arbeiterklasse. 1926 errichtet von der Kommunistischen Partei Deutschlands nach den Plänen von Ludwig Mies van der Rohe, 1935 von den Faschisten zerstört.“ 1980 bereits hatte es in der DDR eine Briefmarke und einen Ersttagsbriefumschlag mit diesem Motiv gegeben.

In Westberlin gab es Pläne, im Tiergarten – wo seit den sechziger Jahren Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie stand – das Monument neuerlich zu errichten. Der Schöpfer verweigerte seine Zustimmung, auch fehlte am Ende, wie immer, das Geld. Die Diskussion aber über die Wiedererrichtung an seinem ursprünglichen Platz war damit nicht beendet. 2019 wurde auf einer Konferenz von der seinerzeitigen Leiterin des Mies-van-der Rohe-Hauses in Alt-Hohenschönhausen dieser Vorschlag erneuert. Der Stadtbezirk Lichtenberg würde dadurch um einen Anziehungspunkt bereichert. „Ein guter Zeitpunkt dafür wäre der 100. Jahrestag der Enthüllung des Denkmals“, sagte Dr. Wita Noack, langjährige Leiterin des Mies-van-der-Rohe-Hauses.

Nun, die Enthüllung (des noch unfertigen) Monuments erfolgte am 13. Juni – dem Tag der Beisetzung von Rosa Luxemburg –, vier Wochen später, am 11. Juli 1926, schließlich bei strömenden Regen die feierliche Einweihung.

Hundert Jahre später sieht es nicht danach aus, dass Noacks Idee Gestalt angenommen hätte.

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"„Ich war, ich bin, ich werde sein?“", UZ vom 3. Juli 2026



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