Vor 90 Jahren putschten rechte Generäle gegen die Spanische Republik

Rückwärtsgewandt

Am 17. Juli 1936 begann der faschistische Putsch gegen die Spanische Republik, der in der späteren Geschichtsschreibung vor allem mit dem Namen des Generals Francisco Franco verbunden wurde. Das Unternehmen stützte sich keineswegs auf eine breite Massenbewegung und wurde stattdessen von einem Teil des spanischen Offizierskorps getragen. Sicher konnten die Putschisten auf die Sympathie rechter beziehungsweise faschistischer Organisationen bauen, aber unter diesen fand sich keine starke hegemoniale Kraft, welche mit der Nazipartei in Deutschland vergleichbar gewesen wäre. Ebenso war auch keine populäre Führerfigur zu finden. Vielmehr spiegelte die radikale Rechte in Spanien vor allem die Rückständigkeit ihres Landes.

Reaktionäre Monarchisten

Aus heutiger Sicht mutet es schon recht skurril an, dass eine der wichtigsten Richtungen innerhalb dieses Spektrums – die sogenannten Karlisten – sich über einen dynastischen Erbfolgestreit des 19. Jahrhunderts definierte. Das politische Profil der Karlisten zeichnete sich durch eine extreme, katholisch geprägte Rückwärtsgewandtheit aus. Ihr Ideal sahen sie in der überkommenen Feudalordnung, in deren Zeichen sie die einsetzende Industrialisierung fanatisch bekämpften. 1931 vereinigten sie sich unter dem Namen Comunión Tradicionalista (Traditionalistische Gemeinschaft).

1933 schlossen sich die dem Jesuitenorden nahestehende Asociación Católica Nacional de Propagandistas – ACNP (Nationale Katholische Vereinigung der Propagandisten) und die Confederación Nacional Católica Agraria – CNCA (Nationaler Katholischer Bauernverband) zusammen. Die neue Organisation nahm den Namen Confederación Española de Derechas Autónomas – CEDA (Spanische Konföderation der Autonomen Rechten) an. Die CEDA sollte sich unter ihrem Führer José María Gil-Robles zur stärksten Formation der radikalen Rechten entwickeln, die dennoch nicht aus dem Zustand der Zersplitterung herauskam. Die „dynastische Konkurrenz“ der Karlisten formierte sich ihrerseits. Obwohl es eine gemeinsame Plattform in Gestalt antirepublikanischer Feindseligkeit gab, wurden die beiden monarchistischen Flügel durch ihre alten, gewissermaßen identitätsstiftenden Streitpunkte auch immer wieder auseinandergetrieben.

Schwache Bourgeoisie

Spanien war auch noch zum Zeitpunkt der Proklamation der Republik ein Land mit wenig moderner Industrie, einer rückständigen Landwirtschaft und einem starken Einfluss der katholischen Kirche auf das öffentliche Leben. Die Bourgeoisie war aus ihrer Schwäche heraus eng mit Aristokratie und Militär verbunden. Und die Verfasstheit der spanischen Rechten entsprach diesen Umständen. Ihre Vorbilder suchte sie in der Vergangenheit, sie übte sich in teilweise grotesker Modernisierungsverweigerung und pflegte engste Beziehungen zum katholischen Klerus. Die Abschaffung der Monarchie konnte diesen Kräften nur als Teufelswerk der Gottlosen erscheinen, ebenso wie die in der Folge unternommenen Vorstöße in Richtung Laizismus und zur Verbesserung der sozialen Lage von Proletariat und Bauernschaft.

Die faschistischen Bewegungen in Deutschland und Italien erhoben durchaus einen Anspruch auf „Modernität“. In Spanien dagegen dominierte die Glorifizierung des Vergangenen. Die Ausstrahlungskraft von Adolf Hitler und Benito Mussolini war dort zunächst eher begrenzt. Erst 1933 gründete José Antonio Primo de Rivera die Falange Española (Spanische Phalanx), die sich in dieser Richtung orientieren wollte. Schon bald jedoch litt die Falange an finanzieller und personeller Auszehrung und konnte sich vorerst nur durch die Vereinigung mit den ähnlich ausgerichteten Juntas de Ofensiva Nacional Sindicalista (Komitees der nationalsyndikalistischen Offensive) retten.

Rolle der Armee

Ein weiterer wichtiger Faktor im rechten politischen Spektrum Spaniens war die Armee. Insgesamt war sie in einem miserablen Zustand. Vor allem Luftwaffe und Artillerie waren weit davon entfernt, einem internationalen Vergleich standhalten zu können. Ausbildung und Versorgung der Mannschaften waren auf unterstem Niveau. Dafür aber leistete man sich ein aufgeblähtes und völlig überdimensioniertes Offizierskorps, das von einem tief sitzenden reaktionären Kastendenken beherrscht wurde. Auffallend an der spanischen Armee war zudem der hohe Bestand an Maschinengewehren – einer damaligen Standardwaffe zur Aufstandsbekämpfung. Es zeigte sich hier ein Phänomen, das auch in späteren südamerikanischen Militärdiktaturen immer wieder in Erscheinung treten sollte: Die Rechte scheitert daran, sich eine ausreichende Massenbasis zu schaffen, und die Armee versucht, diesen Mangel an politischer Hegemonie durch den Einsatz von Gewaltmitteln zu substituieren.

Denn schon bei den Griffen nach der Macht von rechts vor 1936 hatte das Militär eine tragende Rolle gespielt. Miguel Primo de Rivera, der mit Zustimmung der Krone Spanien von 1923 bis 1930 als Diktator beherrschte, kam aus den Streitkräften und trug den Generalsrang. Sein Sohn war der bereits erwähnte spätere Gründer der Falange.

Unbeliebte Republik

Die Gründung der Republik 1931 stieß im Offizierskorps naturgemäß auf wenig Sympathie. Nicht wenige Offiziere wollten keinen Eid auf die neue Staatsordnung ablegen. Und schon ein Jahr später putschte eine Gruppe von Militärs unter General José Sanjurjo y Sacanell gegen die Republik. Das Unternehmen nahm ein blamables Ende, nicht zuletzt wegen des entschlossenen und überparteilichen Widerstands aus der Arbeiterklasse. Sanjurjo wurde zunächst zum Tode verurteilt, dann aber zu einer Haftstrafe begnadigt. Er dankte der republikanischen Justiz ihre Milde mit der Teilnahme am nächsten Putsch vier Jahre später. Übrigens hatte sich Franco den Unmut mancher seiner Kameraden zugezogen, weil er Sanjurjos Umsturzversuch die Unterstützung verweigert hatte. Hier trat eine Stärke von Franco zutage, nämlich seine Fähigkeit zu abwartender Zurückhaltung. Bei aller Brutalität, derer er fähig war, neigte er dennoch nicht zu kopflosem Abenteurertum. Dazu passt auch, dass er später nicht aus „Dankbarkeit“ an der Seite der Achsenmächte in den Zweiten Weltkrieg eintrat und es bei einem eher symbolischen Beitrag beließ, indem er die „Blaue Division“ an die Ostfront entsandte. Franco zog es vor, das Rennen erst zu beobachten und dann zu entscheiden, auf welches Pferd er setzte.

Sieg der Volksfront

Die erste ab 1931 amtierende republikanische Regierung hatte schnell abgewirtschaftet. Die zahlreichen angekündigten sozialen Reformen blieben im Wesentlichen schon in Ansätzen stecken, zum Teil wegen des Widerstands von Kapitalisten und Großgrundbesitzern, aber auch aufgrund der Inkonsequenz der regierenden Sozialdemokraten sowie ihrer liberalen Partner. Die Enttäuschung in Proletariat und Bauernschaft machte sich in Streiks und lokalen Revolten Luft, worauf die Regierung mit Gewalt reagierte. Damit trieb sie ihre Diskreditierung auf den Höhepunkt und schuf die Voraussetzungen für den Wahlsieg der vereint auftretenden Rechtskräfte 1933. Besonderen Anteil an diesem fragwürdigen „Erfolg“ hatten auch die Anarchisten mit ihrem Aufruf zum Wahlboykott. Die folgenden zwei Jahre standen im Zeichen der Gegenoffensive zur Annullierung der wenigen von der Vorgängerregierung umgesetzten Reformen. Die CEDA trat in die Regierung ein, Gil-Robles wurde Kriegsminister und ernannte Franco zum Chef des Generalstabs. Als sich die asturischen Bergarbeiter 1934 gegen die Verschlechterung ihrer Lebenslage im Zeichen des rechten Rollback erhoben, konnte dieser zeigen, was er für die Herren von Fabrik, Bank und Boden zu leisten imstande war: Truppen unter seiner Führung überzogen Asturien mit einer Welle von Terror, Mord und Folter. Die barbarische Niederschlagung des Aufstands trieb die Linkskräfte in Richtung einer Einigung, sodass die aus Sozialdemokraten, Kommunisten und Liberalen bestehende Volksfront bei den Wahlen 1936 den Sieg erringen konnte. Sogleich unternahm sie Vorstöße zu einer Landreform und einem staatlichen laizistischen Schulwesen. Aus der Sicht von Offizieren wie Franco wurde damit die Axt an die gottgewollte Ordnung gelegt.

Wolkenloser Himmel …

„Über ganz Spanien wolkenloser Himmel“ – mit dieser „Wetternachricht“ gab der Radiosender in der spanisch-marokkanischen Stadt Ceuta am 17. Juli 1936 den Verschwörern das Signal zum Losschlagen. Ihre Aktivitäten im Vorfeld waren keineswegs unbemerkt geblieben. So hatten kommunistische Parlamentsabgeordnete, unter ihnen „La Pasionaria“, Dolores Ibárruri, vor der Gefahr eines Rechtsputsches gewarnt. Die dagegen ergriffenen Maßnahmen fielen aber nur halbherzig aus – so versetzte man Franco als Militärgouverneur auf die Kanarischen Inseln. ­Ministerpräsident Santiago Quiroga war blauäugig genug, General Emilio Mola, einem der führenden Putschisten, noch am 14. Juli 1936 seine einwandfreie Treue zur Republik zu bescheinigen – Mola sollte bei der Revolte eine tragende Rolle zukommen. Der immer noch vorsichtige Franco hatte es aber auch diesmal nicht eilig, sich in die erste Reihe zu drängen – erst kurz vor Beginn des Umsturzversuchs entschloss er sich zur Teilnahme. Würde man von einem „Franco-Putsch“ sprechen, so wäre damit die Rolle, die er zu diesem Zeitpunkt spielte, wohl überbewertet.

Nach dem Signal von Radio Ceuta erhoben sich in ganz Spanien Einheiten der Armee in ihren Garnisonen gegen die Republik. Franco flog von den Kanaren nach Spanisch-Marokko, um dort den Aufstand zu leiten.

Dieser stand unter keinem guten Stern. Zwar gelangen Erfolge im Norden Spaniens, vor allem in Navarra, Pamplona und Burgos, ebenso im Südwesten Andalusiens, aber in anderen wichtigen Zentren des Landes schlugen die organisatorischen Defizite des Putsches schwer zu Buche. Hinzu kam, dass die Masse der Bevölkerung unverkennbar aufseiten der Republik stand. Erste Arbeitermilizen entstanden und unterstützten die regierungstreuen Truppen bei ihrem Vorgehen gegen die Putschisten. Offiziere, die sich diesen anschließen wollten, mussten erleben, dass ihre Soldaten es ablehnten, ihnen zu folgen. In Madrid, Valencia, Malaga und Barcelona fiel die Revolte in sich zusammen. Den an ihrer Spitze stehenden Generälen Mola, Franco und Gonzalo Queipo de Llano gelang es nicht, ein koordiniertes Zusammenwirken zu entwickeln. Besonders schwerwiegend war der Umstand, dass Luftwaffe und Marine größtenteils der Republik die Treue hielten. In Spanisch-Marokko standen zwar starke republikfeindliche Verbände von Fremdenlegionären und marokkanischen Söldnern bereit, in das Geschehen einzugreifen – aber ohne Flugzeuge oder Schiffe waren sie nicht nach Spanien zu bringen.

… oder eher finster bewölkt?

Es zeigte sich, dass die Putschisten sich nur in einem knappen Drittel des Landes hatten durchsetzen können. Im Gegensatz zum „Wetterbericht“ von Radio Ceuta war der Himmel über Spanien aus Sicht der Verschwörer finster bewölkt. Ihr Unternehmen musste zu diesem Zeitpunkt als gescheitert angesehen werden.

In den Reihen der CEDA hatte es vor 1936 Bestrebungen gegeben, die Republik auf legalem Weg auszuhöhlen und so ihre letztliche Beseitigung vorzubereiten. Aber der Sieg der Volksfront hatte solchen Spekulationen den Boden entzogen. Die großen Massen der Arbeiter, Bauern und erhebliche Teile des Kleinbürgertums hatten ein klares Votum abgegeben. Damit blieb der antirepublikanischen Rechten nur noch der Versuch, einen Gegner, der mit politischen Mitteln kaum noch zu schlagen war, durch einen konzentrierten, schlagartigen Einsatz militärischer Gewalt mattzusetzen. Aber auch dabei hatten die Generäle die ihnen zu Gebote stehenden Mittel überschätzt. Nun blieb ihnen eine letzte Option: Es musste gelingen, weitere Akteure – die nach Lage der Dinge nur von außen kommen konnten – zur Unterstützung der eigenen Sache auf das Schlachtfeld zu ziehen. Berlin und Rom waren hier selbstverständlich die ersten Adressen – Kontakte gab es bereits: Franco stand in Verbindung mit der „Abwehr“, dem Geheimdienst der Wehrmacht unter Admiral Wilhelm Canaris. Und Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess gelang es schließlich, am 23. Juli einer von den Putschisten entsandten Delegation einen Gesprächstermin beim „Führer“ am Rande der Bayreuther Festspiele zu vermitteln. Sein Ergebnis sollte die weitere Entwicklung in Spanien auf eine neue Ebene bringen.

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"Rückwärtsgewandt", UZ vom 24. Juli 2026



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