Da ich das große Glück hatte, die Eheleute Stertzenbach noch gekannt zu haben, antwortete ich natürlich mit Ja, als Gisela Blomberg fragte, ob ich ihr neues Buch „Alice und Werner Stertzenbach im antifaschistischen Widerstand“ rezensieren könne. Die Entscheidung habe ich nicht bereut, erschließt sich mir durch das Buch doch noch einmal ein ganz neuer Blick auf diese beiden mutigen und wirklich sympathischen Menschen. Gleichzeitig versetzt das Buch in die Zeit des aufkommenden und später wirkmächtigen Faschismus in den Niederlanden unter deutscher Besatzung.
Als in Deutschland der Faschismus immer mehr die Oberhand gewann, war es zunächst noch möglich, in den Niederlanden als Jude und Kommunist einigermaßen unbehelligt zu leben. Damals kannten sich Werner und Alice noch nicht, so dass Gisela beide Geschichten in separaten Kapiteln erzählt, die von Alice und die von Werner. Alice siedelt 1933 in die Niederlande. Ihr gelingt es dort gemeinsam mit anderen, mit dem sogenannten „Tehuis Oosteinde“ eine Begegnungsstätte aufzubauen.
Ihr Studium als Zahnärztin musste sie wegen des Verweises von der Hochschule aufgeben. Ihre Qualifikationsnachweise wurden in den Niederlanden und auch später nicht mehr anerkannt, sodass sich diese berufliche Entwicklung als Sackgasse erwies. Dafür wurde immer deutlicher, dass ihre andere Begabung, die der Sozialarbeiterin und Strippenzieherin, von ganz besonderer Bedeutung sein sollte. Im „Tehuis Oosteinde“ gab es alles, was Neuankömmlinge und Geflüchtete Juden und Nichtjuden brauchten: Von Sprachkursen über kulturelle Veranstaltungen, Vermittlung von Wohnraum und später, als der Faschismus sich immer mehr durchsetzte, auch gefälschte Pässe, Lebensmittelkarten und Hilfe beim Untertauchen. Bis zum Schluss schaffte es Alice, dass sie und andere nicht ins Lager mussten. Heute würde man von exzellentem Networking sprechen.
Werner, der nach vier Monaten Gefängnisaufenthalt 1933 von der Gestapo verhaftet und inhaftiert wurde (vorgeworfen wurde ihm unter anderem sein Engagement in der Esperanto-Bewegung) kam nach seiner Flucht in die Niederlande 1940 erneut in die Fänge der Gestapo. Er wurde erneut Verhören unterworfen und in „Schutzhaft“ genommen. Als Staatenloser wurde er nicht direkt ins KZ, sondern zurück in die Niederlande gebracht. 1941 wurde er im Lager Westerbork interniert. Zu Beginn war dies erleichternd, es gab Unterricht, Musik und Theater, auch Briefe konnten empfangen und versandt werden.
Der Überfall Deutschlands am 10. Mai 1940 auf Belgien, Luxemburg und die Niederlande erschwerte das Leben der deutschen Flüchtlinge enorm. Schließlich vermutete man in jedem Deutschen einen Verräter. Der Wirkradius der Flüchtlinge in den Niederlanden schränkte sich merklich ein. Erst mit Verzögerung konnte das „Tehuis Oosteinde“ wieder öffnen. Alice vernichtete die gesamte Datei der Mitstreitenden, Besucher und Unterstützer, damit sie nicht in falsche Hände kommen konnte. Als die Faschisten endgültig die Macht in den Niederlanden übernahmen, wurden die Möglichkeiten der Widerständigen immer weiter eingeengt. Vom Verbot, Schwimmbäder oder öffentliche Parks zu betreten, über das Verbot, öffentliche Schulen zu besuchen, bis hin zum Verbot, Fahrräder zu nutzen oder dem Verbot des Besuchs anderer als jüdischer Kultureinrichtungen griff der Faschismus immer mehr in das tägliche Leben der jüdischen Flüchtlinge ein. Sie waren angewiesen, nicht zu verreisen (außer über die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“), jeglicher Immobilienbesitz wurde bei der Pseudobank Lippmann und Rosenthal registriert. Der Habitus als gewöhnliche Geschäftsbank war nur ein Fake.
In Gisela Blombergs Buch wird anschaulich beschrieben, in welch gefährlicher Umgebung sich Werner und Alice aufhielten. Die Fußnoten im Text, die ich zunächst als etwas störend empfand, erwiesen sich als wertvolle und „zeitnahe“ Erläuterungen. Zum Beispiel erfuhr ich in den biographischen Hinweisen, was mit den Weggefährten, aber auch den Tätern in den Niederlanden der 30er und 40er Jahre geschehen ist. Sie bekommen im wahrsten Sinne des Wortes ein „Gesicht“.
Während sich hier noch viele darüber streiten, was rechts und links ist, richtet das Buch von Gisela Blomberg den Blick auf die Opfer des Faschismus. Und macht darauf aufmerksam, worauf wir bei der Einordnung von rechts und links dringend achten sollten. Der Abbau demokratischer Rechte ist ein frühzeitiges Warnsignal.
Wenn man – wie ich – das Buch heute rezipiert, drängt sich der Gedanke auf, dass es – obwohl auch damals schon die Menschen erfasst und zugeordnet worden sind, sogar mit Hilfe von IBM-Lochkarten – immer noch gelingen konnte, Personalausweise und Lebensmittelkarten zu fälschen. Das stelle ich mir heute als hoffnungsloses Unterfangen vor. Auch gelang es durch die verhältnismäßig große und breite Widerstandsbewegung, Einzelne zu verstecken und ihnen zur Flucht zu verhelfen. Aus heutiger Sicht – auch mit der Generalprobe Corona – wurden all die Instrumente der Repression verfeinert. Bargeld, das damals noch zur Unterstützung der Verfolgten gesammelt wurde, gibt es in diesem Umfang kaum noch. Eine Umstellung auf Digitalgeld ist problemlos und von vielen auch gewollt. Wenn jemand nicht ins Raster passt, wird ihm sogar das Konto komplett gesperrt. Letzte mir bekannte Persönlichkeit ist Francesca Albanese, die als Sonderberichterstatterin der UN die Unterdrückung der Palästinenser im Gaza-Streifen wiederholt verurteilt hat. Ihr wurde der Zugriff zu ihre Konten verwehrt. Ähnliches gilt für Jacques Baud und Hüseyin Dogru und seine Familie. Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen, Inhaftierungen – all das kennen wir auch heute.
Sicher wäre es den Opfern des Faschismus wie Werner und Ali gegenüber vermessen, all das einfach zu vergleichen. Allerdings kann man sehr sicher sein, dass sich beide gegen den Völkermord an den Palästinensern positioniert hätten. Gleiches gilt für den Abbau von Grundrechten. Ein sehr empfehlenswertes Buch – Danke, Gisela!
Gisela Blomberg
„Alice und Werner Stertzenbach im antifaschistischen Widerstand – Fest entschlossen, nicht kampflos unterzugehen“
uz-edition, 392 Seiten, 24,90 Euro








