Als die Bharatiya Janata Party (BJP) 2014 in Indien an die Macht kam, getragen von einer Welle rechtsextremer und antimuslimischer Rhetorik und unterstützt von den Mainstream-Medien, schien dies ein schockierender Rückschritt zu sein. Die Krönung der Anstifter und Urheber von Gewalt und Desinformation in einer langjährigen Demokratie war sicherlich eine Anomalie.
Wie sich jedoch herausstellte, war das Ergebnis in Indien ein Vorbote für die ganze Welt. In den mehr als zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, haben sich die Wahl rechtsextremer Populisten und der Einsatz von Straßengewalt als Teil ihres politischen Instrumentariums als die Norm und nicht als Ausnahme des 21. Jahrhunderts erwiesen. Die BJP bleibt in Indien an der Macht.
In seinem neuen Buch „Indien. Öl ins Feuer“ führt uns der maltesisch-US-amerikanische Comic-Journalist Joe Sacco in das Zentrum der antimuslimischen Pogrome in Indien. Er beginnt nicht mit deren Anfängen inmitten der verheerenden Gewalt und Vertreibung während der britischen Teilung Indiens 1947 oder dem Ausgangspunkt des Aufstiegs der BJP, der Zerstörung der Babri-Moschee durch einen Mob im Jahr 1992, noch konzentriert er sich auf die prägende Gewalt in der Karriere von Premierminister Narendra Modi, die Unruhen in Gujarat 2002, bei denen mehr als 1.000 Muslime ums Leben kamen. Stattdessen führt uns Sacco ins Jahr 2013 und zu den relativ wenig bekannten Unruhen in Muzaffarnagar, bei denen zwischen 60 und 100 Menschen ums Leben kamen. Das Buch spielt im Norden Indiens, kurz bevor die Hindutva-Bewegung die Macht übernahm, und zeichnet ein komplexes und nuanciertes Bild der sich überschneidenden wirtschaftlichen, kastenbezogenen und politischen Probleme, die zu der Gewalt führten, und davon, wie diese Gewalt von Politikern instrumentalisiert wurde.
Die Kombination aus Graphic Novel und investigativem Journalismus hat sich laut Sacco als äußerst wirkungsvoll erwiesen, wenn es darum geht, Gräueltaten zu beschreiben und zu erklären – seine Bücher über Palästina belegen dies eindrucksvoll. In ähnlicher Weise zieht die Kombination aus persönlichen Zeugnissen und der fesselnden, akribisch detaillierten Darstellung des Lebens in Uttar Pradesh den Leser in „Indien. Öl ins Feuer“. Dabei dringt Sacco tief in die Geschichte ein, vermenschlicht und entmystifiziert sowohl die Opfer als auch die Täter. Das Medium ermöglicht es den Protagonisten, schockierende und widersprüchliche Dinge zu sagen, ohne dass ihre Menschlichkeit oder ihre materielle Situation jemals aus dem Blickfeld geraten.
Eine der erstaunlichen Stärken des Comic-Journalismus als Form und von Saccos Stil als Künstler ist die Fähigkeit, unterschiedliche Darstellungen desselben Vorfalls gleichberechtigt darzustellen. So sehen wir Erinnerungen, die nicht bestätigt oder belegt werden können, aber dennoch entscheidend zur Eskalation der Spannungen beitragen. Spannungen, die immer auch eine Klassenkomponente haben. Die detaillierten Zeichnungen der widersprüchlichen Darstellungen darüber, wie die Gewalt begann, sind so geschichtet, dass klar wird, dass die Medien und ihre Erzählungen zu den Hauptakteuren bei der Ausbreitung der Gewalt werden. Gerüchte, Lügen, WhatsApp-Nachrichten und gefälschte Videos in den sozialen Medien sind die treibende Kraft in der Geschichte.
Während die Gewalt in Indien grob als im Wesentlichen antimuslimisch dargestellt werden könnte, zeigt Sacco, wie die Minderheiten Indiens von der herrschenden Klasse in größerem Umfang instrumentalisiert werden und wie Kaste und Religion dazu benutzt werden, um zu spalten und zu herrschen – ohne dabei jemals den hindunationalistischen Charakter der Gewalt aus den Augen zu verlieren.
In Muzaffarnagar ist es das Werben der Sozialistischen Partei um die Stimmen der Muslime, das die Lunte für die Gewalt der Hindu-Jats – einer Kaste von Landbesitzern – entzündet. Sacco schildert die korrupten herrschenden Eliten der SP und BJP sowie die widersprüchlichen Sympathien verschiedener Schichten der Polizei und Justiz mit großer Klarheit und gebührender Anerkennung für seinen Journalistenkollegen Piyush Srivastava.
Joe Sacco hat sich seinen Ruf durch die gewissenhafte Untersuchung gesellschaftlicher Konflikte erarbeitet. Seine Arbeit in Indien beschreibt diesmal keinen Krieg, stellt aber die gleichen Fragen wie seine anderen Arbeiten: Wie kommt es, dass Menschen sich gegenseitig vernichten, welche Schichten von Entmenschlichung, Korruption und Gewalt ermöglichen Massaker und wie sollten wir darauf reagieren?
„Indien. Öl ins Feuer“ schließt mit einem Blick auf die korrupten Entschädigungssysteme und die Diskreditierung der Opfer durch lokale Politiker – eine bemerkenswerte Ausnahme bildet das Umsiedlungsdorf, das im Bezirk Shamli für die vertriebenen Opfer der Unruhen von der Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch) (CPI (M)) errichtet wurde.
Obwohl das Buch tief im Bezirk Muzaffarnagar verwurzelt ist, sind Indien und die politische Instrumentalisierung von Gewalt weltweit die zentralen Themen des Buches. Wie Sacco es ausdrückt: „Blutvergießen ist ein politischer Baustein.“
Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung:
Melina Deymann
Joe Sacco
Indien – Öl ins Feuer
Reprodukt, 144 Seiten, 29 Euro
Erhältlich unter uzshop.de








