Ates Gürpinar aus Bayern beginnt die Vorstellungsrunde. Er steigt mit Elon Musk ein, der den einfachen Menschen nicht hilft, sondern sie verachtet. „Der Klassenhass ist da oben gegen die Ärmsten und Schwächsten dieser Welt“, sagt er. Die Linke stehe auf der anderen Seite. Man wolle den „Musks und Trumps das Handwerk legen“. Er wirbt für neues Selbstvertrauen in der Partei. Man sei oft erfolgreich gewesen: zum Beispiel als man verhindert habe, dass die „prominenteste Person unserer Partei“, diese zerstöre. Oder als man sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen habe. Angesichts der politischen Verhältnisse sei man nun zum „Erfolg verdammt“.
In der Fragerunde gibt es sofort Druck auf Gürpinar: Wie er zur „Friedensmacht EU“ im Leitantrag stehe und ob er bereit sei, mit Grünen oder anderen bürgerlichen Parteien zu koalieren, wollen die Delegierten wissen. Gürpinar antwortet zuerst aber lieber auf die Frage, wie man Menschen gegen Klinikschließungen mobilisieren könne. Damit habe er Erfahrung. Dann befasst er sich mit migrantischen Strukturen in der Linken, danach wurde er auch gefragt. Dann „kurz zu den schwierigen Fragen“. Er glaube eher nicht an Regierung, aber „99 Prozent der Menschen, die uns wählen“. Man müsste harte Kriterien nennen. Zum Frieden schafft er nur noch, auf seine Mitgliedschaft in der DFG-VK zu verweisen. Dann ist die Zeit um.
Luise Neuhaus-Wartenberg kommt aus Sachsen und freut sich über ihre Partei, in der Leute versammelt seien, die „die Welt verändern“ wollen. „Die Leute sagen: Wir sind wieder nahbar“, sagt sie. Wer genau das sagt, wissen wir nicht, aber wird schon stimmen. Sie warnt vor der AfD, „demokratische Mehrheiten“ seien nicht mehr selbstverständlich. Man müsse das Versprechen einer „nazifreien Gesetzgebung“ einlösen, sagt sie. Das verlange Kompromisse.
Neuhaus-Wartenberg knüpft damit an eine auf dem Parteitag verbreitete Stimmung an, die den Kampf gegen rechts im Grunde ausschließlich gegen die AfD führen will. Oft genannt werden die Ängste vor einer „Machtübernahme“ der AfD – und sei es nur in einem Bundesland. Im Umkehrschluss müsse man mit den „demokratischen Parteien“ zusammenarbeiten. Was dabei verloren geht: Der Kampf gegen die schon stattfindende Rechtsentwicklung, die von allen anderen bürgerlichen Parteien vorangetrieben wird. Denn was sollen Hochrüstung und Kriegsvorbereitung, die außerrechtliche Sanktionierung von Journalisten wie Hüseyin Doğru, die Zunahme von Repressionen und Hausdurchsuchungen oder die zunehmenden Einschränkungen der Meinungsfreiheit, denn anderes sein als rechte Politik? Der reaktionär-militaristische Umbau der Gesellschaft ist längst im Gange. Und wie will man dagegen kämpfen, wenn man mit Parteien wie SPD, Grünen und CDU in einem „demokratischen Block“ zusammenrückt?