Thomas Münzers furchtloser Tod nach der Niederlage der deutschen Bauern bei Frankenhausen

Seiner Zeit weit voraus

Von Gerhard Feldbauer

Am 15. Mai 1525 endete bei Frankenhausen im deutschen Thüringen die entscheidende Schlacht des großen deutschen Bauernkrieges (1524–26) mit einer Niederlage. Das von Thomas Münzer geführte Bauernheer, das etwa 8 000 Mann zählte, hatte sich auf einer Anhöhe, die heute noch Schlachtberg heißt, hinter einer Wagenburg verschanzt. Das Heer der vereinten Fürsten mit dem Landgrafen von Braunschweig und dem Herzog von Sachsen an der Spitze zählte über 10 000 erfahrene Kriegsknechte, viele beritten, und eine große Zahl Geschütze. Die Fürsten setzten auf ihre bereits in früheren Gefechten praktizierte Taktik. Sie schlossen einen vierstündigen Waffenstillstand, um dann vor dessen Ablauf wortbrüchig Münzers Wagenburg zusammenzuschießen und zu überrennen. Ein Teil der Bauern, so berichtete Wilhelm Zimmermann in seinem „Großen Deutschen Bauernkrieg“, „wehrte sich wild und tapfer gegen die ansprengenden Reisigen, brachte Wunden und Tod über sie, bis er durch die Überzahl überwältigt wurde.“ Viele flüchteten nach Frankenhausen, unter ihnen auch der verwundete Münzer, der den nachsetzenden Kriegsknechten in die Hände fiel. Über 5 000 Bauern wurden an diesem Tag umgebracht, 300 Gefangene unter dem Rathaus enthauptet.

Münzer, der vor dem Herzog Georg und den anderen Fürsten zwölf Tage grässlich gefoltert wurde, lehnte jeden Widerruf ab und klagte die anwesenden Fürsten nochmals unerbittlich an. Am Ende der Torturen wurde er nach Mühlhausen, wo er den „Ewigen Rat“ gebildet hatte, gebracht und dort am 27. Mai enthauptet. Sein Rumpf wurde aufgespießt, der Kopf auf einen Pfahl gesteckt. „Er ging mit demselben Mut auf den Richtplatz, mit dem er gelebt hatte“, (Friedrich Engels in „Der deutsche Bauernkrieg).

 

Mit der Niederlage bei Frankenhausen gingen die großen Bauernerhebungen in Deutschland zu Ende. Es folgten noch Aufstände im Elsass, Tirol, Salzburg und in der Schweiz, die ebenfalls von den feudalen Kräften und Gegnern der Reformation niedergeschlagen wurden.

Die „Zwölf Artikel der aufständischen Bauern“ stellten das Kampfprogramm des Bauernkrieges dar. Titelblatt einer der zahlreichen Ausgaben aus dem Jahr 1525.

Die „Zwölf Artikel der aufständischen Bauern“ stellten das Kampfprogramm des Bauernkrieges dar. Titelblatt einer der zahlreichen Ausgaben aus dem Jahr 1525.

Der mit dem Aufstand unter Hans Böheim, dem Pfeiferhänslein von Niklashausen, begonnene deutsche Bauernkrieg war entscheidender Bestandteil und Höhepunkt der frühbürgerlichen Revolution, die bereits plebejische Züge aufwies. Der einen historischen Fortschritt verkörpernde Protestantismus bildete, wie Franz Mehring schrieb, „den ideologischen Überbau einer ökonomischen Entwicklung, die sich in der mannigfaltigsten Weise vollzog“. Es ging darum, den wirtschaftlich und politisch überlebten Feudalismus zu überwinden und den Weg frei zu machen für eine bürgerliche Gesellschaft. Als die am meisten Ausgebeuteten und Unterdrückten wurden die Bauern zur entscheidenden Triebkraft dieser Revolution und Thomas Münzer ihr herausragendster politischer Führer und radikal-revolutionärer Ideologe der Reformation, die sich gegen die Abhängigkeit von Rom, gegen die Vorherrschaft der römisch-katholischen Kirche als Zentrum des Feudalsystems richtete.

Aus einer Handwerkerfamilie kommend, studierte Münzer Theologie, promovierte zum Magister und bildete bereits 1513 in Magdeburg eine gegen die fürstliche Macht gerichtete konspirative Handwerkervereinigung, studierte in Prag die Erfahrungen der Hussiten und wirkte als Geistlicher in Weißenfels, Aschersleben und Braunschweig. In Zwickau traf er als Prediger 1520/21 mit den Bergknappen und der unter ihnen tätigen chiliastischen Sekte der Wiedertäufer des Tuchmachers Nikolaus Storch (genannt Pelargus) zusammen. Während Luther auf die Seite der Fürsten wechselte, trat Münzer für eine radikale kirchliche und politische Erneuerung ein. 1523 wurde er Pfarrer in Allstedt bei Halle, wo er im selben Jahr die ehemalige Nonne Ottilie von Gersen heiratete, mit der er einen Sohn hatte. In Allstedt, das zum „Gegenwittenberg“ und Zentrum der reformatorischen Bewegung wird, „veröffentlichte er ein revolutionäres Pamphlet nach dem anderen und sandte Emissäre nach allen Richtungen aus“. Er lehrte „unter christlichen Formen einen Pantheismus“, der „stellenweise sogar an Atheismus anstreift“ (Friedrich Engels).

Mit dem „Allstedter Bund“, wollte Münzer eine die Bauern einigende Organisation schaffen. Anfang 1525 schuf er in der Reichsstadt Mühlhausen mit dem „Ewigen Rat“ das Modell einer politischen und sozialen Umgestaltung, deren Basis ein Bündnis mit den städtischen Schichten werden sollte. Die Vereinigung mehrerer Thüringer Haufen sollte Thüringen zum Zentrum der vereinigten Bauernbewegung machen. Nach einem erfolgreichen Feldzug im Eichsfeld traf Münzer am 11. Mai in Frankenhausen ein und übernahm die Führung der dort versammelten Haufen. Hier vollendete sich das Schicksal dieses furchtlosen revolutionären Führers der Bauern und der Volksreformation, der mit seinen kühnen Gedanken seiner Zeit weit voraus war. Münzer, dessen Geburtsjahr nicht genau bekannt ist, es war 1489 oder 1490, wurde kaum 35 Jahre alt.

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"Seiner Zeit weit voraus", UZ vom 5. Juni 2015



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