Der Sieg der Volksfront in Spanien im Februar 1936

Überfälliger Aufbruch

Die Parlamentswahlen vom 16. Februar 1936 bescherten Spanien ein politisches Erdbeben. 277 der 441 zu vergebenden Sitze in der Cortes, dem Zentralparlament in Madrid, entfielen auf die Volksfront, den Zusammenschluss von Sozialistischer Arbeiterpartei Spaniens (PSOE), Kommunistischer Partei Spaniens (PCE), Republikanischer Union, Linksrepublikanern und Syndikalistischer Partei, einer Abspaltung der anarchistischen Gewerkschaft CNT. Die bis dahin amtierende rechtsgerichtete Regierung räumte widerwillig das Feld. Zum ersten Mal bestand eine realistische Aussicht, dass in Spanien die schon viel zu lange verschleppte Modernisierung von Politik, Ökonomie und Kultur einsetzen würde. Dabei hatte es in der Vergangenheit nicht an Vorstößen in dieser Richtung gefehlt.

Erste Republik

Im Zuge der Revolution von 1868 hatten sich Republikaner zusammen mit fortschrittlichen Offizieren gegen die spanische Monarchie erhoben. Königin Isabella II. musste nach Frankreich emigrieren. Aber die reaktionären Kräfte waren stark. Ein Bündnis aus Royalisten und Liberalen setzte durch, dass die Krone Amadeo von Savoyen, einem Sohn des italienischen Königs Emanuel II., übertragen wurde. Allerdings zeigte sich der neue Monarch überfordert damit, die sich nun in Spanien verschärfenden Klassenkonflikte und die erstarkende Arbeiterbewegung im Zaum zu halten. 1873 endete Amadeos glücklose Regentschaft und das Parlament proklamierte die Erste Republik. Die anschließenden Wahlen brachten einen überwältigenden Sieg der republikanischen Kräfte. Der Sozialist Francisco Pi i Margall wurde Regierungschef. Unter seiner Führung wurde ein sozialrevolutionäres Programm ins Auge gefasst, das aber bereits in ersten Ansätzen stecken blieb. Nicht nur Konservative und Monarchisten, auch anarchistisch beeinflusste Teile der Arbeiterbewegung verweigerten Margall die Gefolgschaft. So in die Defensive gedrängt, musste er 1874 einem rechten Militärputsch weichen. Dieser schuf die Voraussetzung für die Wiederherstellung der Monarchie.

Die beim Scheitern der Ersten Republik deutlich gewordene Spaltung der Arbeiterbewegung sollte sich auch weiterhin hemmend auswirken. Die Mitgliederentwicklung der 1879 gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens stagnierte und lag kurz vor dem Ersten Weltkrieg bei 12.000 Mitgliedern. Die Anarchisten, die es in Spanien zu einer Stärke brachten wie in kaum einem anderen europäischen Land, hatten 1911 die Nationale Arbeiterkonföderation (CNT) gegründet. Anders als in Deutschland, wo sich die Anhänger von Lassalle und Marx 1875 in einer einheitlichen Arbeiterpartei zusammengeschlossen hatten, gelang es in Spanien nicht, die das Proletariat durchziehenden Konfliktlinien zu überwinden.

Niedergang

Es war ein Glück für das spanische Volk, dass sich seine Regierung im Ersten Weltkrieg für eine Position der Neutralität entschied. Aber den brennenden sozialen Problemlagen wurde dadurch nicht abgeholfen. Spanien war vor allem eins: eine gewesene Großmacht, ein Land im Niedergang. Der ehemals beträchtliche Kolonialbesitz in Süd- und Mittelamerika war längst verloren. 1898 unterlag man im Krieg gegen die USA und musste die Herrschaft über Kuba, Puerto Rico und die Philippinen aufgeben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Spanien nur noch Teile von Marokko, der Westsahara und Äquatorial-Guinea geblieben. Und der Versuch, diese dürftigen Reste des einstigen Großreichs zu halten, gelang nur um den Preis hoher militärischer Verluste, welche in Spanien zu proletarischen Antikriegsaktionen führten.

Spanien war in weiten Teilen ein Agrarland. 200.000 Großgrundbesitzern standen drei Millionen verarmte Kleinbauern und zwei Millionen landlose Agrararbeiter gegenüber. Elende Lebensbedingungen, Analphabetismus und ein niedriges kulturelles Niveau kennzeichneten das Leben der Massen auf dem Land. Die katholische Kirche übte eine erstickende, reaktionäre Dominanz über das geistige Leben aus.

Die spanische Industrie konzentrierte sich in Zentren wie Katalonien, Asturien, im Baskenland, um Madrid, Valencia und Málaga. Die spanische Bourgeoisie tat wenig, um für ihre Erweiterung zu sorgen und sah es vielfach als gewinnträchtiger an, das vorhandene Kapital im Ausland anzulegen. Das politisch gespaltene Proletariat konnte nur schwer sozialen Widerstand gegen ein Regime brutalster Ausbeutung entwickeln. Die berühmte spanische Kommunistin und Antifaschistin Dolores Ibárruri hat in ihrer Autobiografie ihre Kindheit in einer baskischen Bergarbeitersiedlung und die dort herrschenden, geradezu mörderischen Lebens- und Arbeitsbedingungen geschildert.

Die sozialen Spannungen nahmen zu. Vor allem der Umstand, dass die Regierung das Leben tausender Soldaten für ihre Kolonialkriegsführung in Nordafrika opferte, führte zu weiterer Eskalation. Um den daraus resultierenden Gefahren für die bestehende Ordnung zu begegnen, wurde 1923 in Absprache mit dem Königshaus eine Diktatur unter dem rechtsgerichteten General Primo de Rivera installiert. Die PSOE entschied sich dafür, mit dem Militärherrscher zu kooperieren und sicherte sich so ihren legalen Status. In den Untergrund hingegen musste die Kommunistische Partei.

Kommunistische Partei

Die noch junge PCE war, wie in anderen Ländern auch, im Gefolge der Oktoberrevolution aus der Sozialdemokratie ihres Landes hervorgegangen. In der PSOE hatte es zunächst starke linke Stimmungen gegeben, so dass die Partei sogar die Mitgliedschaft in der Komintern beantragte. Allerdings steckte der Teufel im Detail. Bei der näheren Beschäftigung mit den 21 Aufnahmebedingungen der Komintern brachen die Meinungsverschiedenheiten auf. Der PSOE-nahe Gewerkschaftsverband UGT gehörte dem sozialdemokratisch geprägten Internationalen Gewerkschaftsbund an, was mit den Statuten der Komintern nicht vereinbar gewesen wäre. Auch sorgte die geforderte strikte Beschlussverbindlichkeit im Geiste des von Lenin ausgearbeiteten Demokratischen Zentralismus für Unmut in der PSOE. Beim Kongress der Partei im Jahre 1920 spaltete sich der Pro-Komintern-Flügel ab und konstituierte sich als Kommunistische Arbeiterpartei Spaniens.

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Nahezu zeitgleich hatte sich der Jugendverband der PSOE von der Mutterpartei getrennt und die Spanische Kommunistische Partei gegründet. Schnell setzte sich jedoch die Erkenntnis durch, dass eine solche Doppelgleisigkeit nicht sinnvoll ist, was schon ein halbes Jahr später zur Verschmelzung der beiden Parteien führte. Die neugebildete Formation hieß nun Kommunistische Partei Spaniens und wurde Sektion der Komintern.

Der Umstand, dass in Spanien der Anarchismus beziehungsweise Anarchosyndikalismus traditionell stark waren, hatte Einfluss auf die PCE. Ihre Mitgliedschaft war zunächst recht überschaubar und konzentrierte sich in den Bergbaurevieren von Asturien und im Baskenland. In der Partei herrschte eine Tendenz zu sektiererischer Abkapselung und ultralinker Bündnisfeindlichkeit, was einer umfassenden Massenverankerung entgegenstand. Die Illegalität unter Primo de Rivera tat ihr Übriges zu dieser Fehlentwicklung.

Zweite Republik

Der Stern des Militärdiktators begann jedoch mit dem Ende der Zwanzigerjahre zu sinken. Er verlor den Rückhalt des Königshauses, da seine repressiven Methoden vor der Lösung der drängenden Probleme versagten. 1930 trat er zurück und überließ das Feld General Dámaso Berenguer Fusté, der nun die Rückkehr zur parlamentarischen Monarchie bewerkstelligen sollte. Aber auch Berenguer zeigte sich seiner Aufgabe nicht gewachsen. Die überlebte, unfähige Monarchie sah sich immer stärker werdenden Kräften aus der Arbeiterbewegung bis ins Bürgertum gegenüber, die nun endlich den Bruch mit der Vergangenheit herbeiführen wollten. Die Kommunalwahlen am 12. April 1931 brachten den Sieg für eine Mehrheit aus bürgerlichen Republikanern und PSOE. Die Kräfte der Reaktion waren nun so weit geschwächt, dass zwei Tage später die Zweite Republik ausgerufen werden konnte. Die PCE hatte an diesem Aufbruch jedoch nicht teilgenommen. In ihren Reihen fand man keinen Geschmack an der Vorstellung, für die Errichtung einer doch letztlich bürgerlichen Republik zu Felde zu ziehen und rief stattdessen lieber zur umgehenden Errichtung der Sowjetmacht auf – eine Forderung, die an den realen Gegebenheiten zweifellos vorbei zielte. Und dennoch war die Skepsis der PCE gegenüber der neuen Ordnung nicht ohne Grund. Schon bald war die Aufbruchstimmung verflogen. Die Regierung aus PSOE und Republikanern bot gegenüber den etablierten Eliten aus Kapital, Militär, Kirche und Großgrundbesitz das Bild eines zahnlosen Tigers. Um wirksame soziale Reformen umzusetzen, hätte es eines Höchstmaßes an Energie bedurft sowie der Bereitschaft, die Besitzstände der herrschenden Klasse anzugreifen. Aber nichts davon ließ die Regierung erkennen.

Unter den Arbeitern und Bauern griff die Enttäuschung um sich und entlud sich in Streikbewegungen, welche die Regierung blutig niederschlagen ließ – was sie nur noch mehr diskreditierte. 1932 putschte eine Gruppe monarchistischer Offiziere gegen die Republik. Allerdings scheiterte das Unternehmen kläglich. Das lag nicht zuletzt daran, dass sozialistische, anarchistische und kommunistische Arbeiter diesmal ihre Differenzen zurückstellten und den Putschisten entschlossen entgegentraten. Der seit 1932 amtierende Generalsekretär der PCE, José Díaz, hatte eine Abkehr des bislang maßgebenden ultralinken Kurses durchgesetzt, was sich im Wachstum der Mitgliederzahlen der PCE niederschlug. Im Vordergrund sollte nun eine Bündnisorientierung zur Abwehr der reaktionären Offensive stehen.

Aufstand

Dennoch hatte der blamable Opportunismus der sozialistisch-republikanischen Regierung Konsequenzen. Bei den Wahlen zur Cortes 1933 verlor sie ihre Mehrheit an einen vereinigten Rechts­block aus Monarchisten und Faschisten. Geholfen hatten diesen nicht zuletzt der Aufruf zum Wahlboykott durch die Anarchisten. Die neue Regierung unter Ministerpräsident Alejandro Lerroux machte sich umgehend daran, die mehr als dürftigen Reforminitiativen der Vorgängerregierung, etwa zur Trennung von Staat und Kirche, rückgängig zu machen. In Industrie und Landwirtschaft wurden Löhne gesenkt und Arbeitszeiten verlängert. Dieser Vorstoß sollte sich jedoch als Stich ins Wespennest erweisen. Im Sommer 1934 wurde das Land von einer großen Streikbewegung erfasst. Im Oktober wurde der Generalstreik ausgerufen. In Asturien erhoben sich die Bergarbeiter und griffen zu den Waffen. Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten bildeten gemeinsame Revolutionskomitees. Es folgte die Proklamation der Arbeiter- und Bauernmacht. In Katalonien scheiterte der Aufstand, da den dortigen Anarchisten die Ziele der Erhebung nicht weit genug gingen. Mit der Niederschlagung der asturischen Erhebung beauftragte die Regierung General Francisco Franco, dessen Fremdenlegionäre unter den Aufständischen ein Blutbad anrichteten. Gefangen genommene Arbeiter wurden vielfach gefoltert, bevor man sie hinrichtete.

Sieg der Hoffnung

Aber die Niederschlagung des Asturien-Aufstands wurde für die Regierung des Rechtsblocks zum Pyrrhus-Sieg. Die Vereinigungsbestrebungen auf linker und republikanischer Seite waren nun nicht mehr aufzuhalten. Gemeinsam kämpfte man für die Freilassung der inhaftierten Teilnehmer des Aufstands und vertiefte so die Zusammenarbeit. Die Regierung wurde währenddessen von Skandalen erschüttert. Ministerpräsident Lerroux stand im Mittelpunkt einer Korruptionsaffäre. Der desolate Zustand der Regierungsmannschaft veranlasste Präsident Zamora schließlich 1936, Neuwahlen anzusetzen. Die Anarchisten gaben ihre Orientierung zum Wahlboykott auf, so dass am 16. Februar 1936 die Volksfront triumphierte und die arbeitenden Menschen Spaniens mit neuer Hoffnung erfüllte.

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"Überfälliger Aufbruch", UZ vom 13. Februar 2026



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