Schulstreikende solidarisieren sich mit Beschäftigten der Länder

Was wir voneinander lernen können

Großen Applaus bekam ein Schüler, der am 22. Januar in Essen solidarische Grüße vom Schulstreikkomitee gegen die Wehrpflicht an die Streikenden des Uniklinikums Essen überbrachte. Begeistert waren die Kolleginnen und Kollegen vor allem darüber, dass es dem Jugendlichen gelang, die gemeinsamen Inte­ressen von Schülern und Beschäftigten auf den Punkt zu bringen. Wir dokumentieren im Folgenden die Rede des 14-Jährigen Octay.

Ich habe am 5. Dezember geschwänzt, um hier in Essen mit 1.000 Mitschülerinnen und Mitschülern gegen das neue Wehrdienstgesetz zu demonstrieren. Geschwänzt? Ja, weil es in Deutschland kein Streikrecht für Schülerinnen und Schüler gibt. Aber eigentlich haben wir doch gestreikt: In ganz Deutschland waren an dem Tag mehr als 55.000 Schülerinnen und Schüler auf der Straße, um der Bundesregierung zu zeigen, was die Jugend will und was sie nicht will. Und wir wollen keine Wehrpflicht und keinen Krieg!

Aber wer bin ich eigentlich? Ich bin Octay und Mitglied des Schulstreikkomitees, das den Essener Schulstreik organisiert hat. Gemeinsam mit meinen Freundinnen und Freunden und Schülerinnen und Schülern von 25 Schulen in ganz Essen haben wir den Streik geplant und organisiert. Wir haben an den Schulen Streikkomitees gegründet, uns dort ausgetauscht, Aktionen organisiert und unsere Mitschüler mobilisiert. Wir haben uns Gedanken gemacht, welche Leute müssen dabei sein, wie kann man die Leute mobilisieren. Und wir haben uns in den Schulen damit auseinandergesetzt, was die Wehrpflicht für uns bedeutet und wem sie überhaupt nützt.

Jetzt fragt ihr euch vielleicht: Was hat das mit uns zu tun und warum bin ich hier? Als Schulstreik-Komitee Essen stehen wir hinter euch, weil wir dankbar sind, dass sich auch ver.di öffentlich gegen die Pflicht zum Wehrdienst und zivile Ersatzdienste stellt. An der Stelle betrifft das Thema ja auch euch. Wenn in Zukunft wieder ein Zivildienst eingeführt wird, wird euch das nicht entlasten, denn es ist kein Ersatz für das qualifizierte Personal, das fehlt. Und das Wenige, das sie für den Zivildienst zahlen werden, benutzen dann eure Arbeitgeber noch als Ausrede, um euren Lohn noch weiter zu senken.

Aber ich möchte hier vor allem auch unsere Solidarität mit eurem Streik ausdrücken. Wir können von diesem Streik einen Eindruck bekommen, wie es ist, in einem Betrieb zu streiken, wo es ganz andere Hürden gibt. Uns drohen vielleicht Fehlstunden, Ärger mit Eltern oder Lehrkräften. Wenn ihr streikt, bekommt ihr erstmal kein Geld. Ob ihr gewinnt oder verliert, macht sich direkt auf eurem Konto und auf eurer Arbeit bemerkbar.

Aber wir können von euch nicht nur etwas übers Streiken lernen. Ihr kämpft nicht nur für höhere Löhne und bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, sondern gegen dieselbe Kahlschlagpolitik unserer Regierung, wie wir es tun.

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist das, was uns momentan am meisten trifft. Aber natürlich betrifft es uns auch, wenn wir in verrotteten Schulen sitzen müssen, Jugendzentren geschlossen werden und es immer weniger Möglichkeiten gibt, uns zu entfalten. Die Regierung spart an den falschen Stellen. Statt in uns, statt in euch und statt in unsere Zukunft zu investieren, investiert sie Milliarden für Krieg und Waffen. Alles wird teurer, doch eure Löhne und die unserer Eltern bleiben gleich. Menschen müssen sich zwischen Lebensmitteln oder der Miete entscheiden, während es Menschen gibt, die ihr Geld in hunderten von Jahren nicht ausgeben können.

Außerdem streikt ihr auch für die Arbeitsbedingungen unserer Lehrkräfte, die in kaputten Klassen unterbesetzt unterrichten müssen, und unsere zukünftigen Ausbildungsbedingungen. Denn noch gehen wir zur Schule, wir sind aber auch eure Kolleginnen und Kollegen von morgen.

Der Wind wird rauer, das weiß ich und jeder andere. Deshalb braucht es Leute, die aktiv werden, sich engagieren, die laut sind und auf die Straße gehen. Gerade unter jungen Leuten fehlt inzwischen das Verständnis, was Gewerkschaften sind und wie man sich wehren kann. Darum finden wir, dass es wichtig ist, solidarisch mit allen zu sein, die wie ihr für ein besseres Leben kämpfen.

Wir lernen hier, wie wir in der Zukunft an unseren Arbeitsplätzen aktiv und laut werden können. Wir lernen hier, wie man sich dem Druck von Arbeitgebern entgegenstellen kann. Und andererseits könnt ihr auch ein wenig von unserem Schulstreik lernen, denn wir haben in geringen Monaten über 1.000 Schülerinnen und Schüler mobilisiert und auf die Straße gebracht. Oft hört man, Gen Z ist faul und engagiert sich nicht. Das stimmt nicht. Aber es ist halt richtig viel Arbeit, Leute auf die Straße zu bringen. Wir haben diese Arbeit gemacht und machen sie weiter.

Deswegen freuen wir uns über weiteren Austausch und über gemeinsame Solidarität. Denn euer Kampf für bessere Arbeitsbedingungen endet nicht mit der Tarifrunde. Wir werden weiter aktiv sein müssen. Wir gehen deshalb am 5. März wieder zum Schulstreik auf die Straße und hoffen, dass auch ihr uns unterstützt! Gegen den sozialen Kahlschlag, gegen das marode Bildungssystem, gegen die Unterfinanzierung der Krankenhäuser. Gegen die Wehrpflicht. Gegen Lohnkürzungen und Stellenabbau. Denn wenn wir es nicht tun, wird es niemand anders für uns tun!

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"Was wir voneinander lernen können", UZ vom 30. Januar 2026



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