Gedanken zu einem klassischen Wort

Wegweiser in komplizierten Zeiten

„Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei“. Es dürfte kaum ein zweites Wort der marxistischen Klassik geben, das so häufig zitiert wird wie dieses – und das, wie es scheint, so wenig verstanden wird. Ich notiere einige Gedanken dazu.

Dieses so oft zitierte Wort wird meist Rosa Luxemburg zugeschrieben, doch stammt es von Friedrich Engels. Luxemburg erinnert daran in Teil I der „Junius-Broschüre“. Sie schreibt: „Friedrich Engels sagte einmal: die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma: entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei.“ Luxemburg schreibt aus der Erinnerung, doch korrigiert sie sich dabei. „Wie wohl alle“ habe auch sie Engels’ Worte „bis jetzt gedankenlos gelesen und wiederholt, ohne ihren furchtbaren Ernst zu ahnen.“ Dabei zeigt „ein Blick um uns in diesem Augenblick (…), was ein Rückfall der bürgerlichen Gesellschaft in die Barbarei bedeutet. Dieser Weltkrieg – das ist ein Rückfall in die Barbarei. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur – sporadisch während der Dauer eines modernen Krieges und endgültig, wenn die nun begonnene Periode der Weltkriege ungehemmt bis zur letzten Konsequenz ihren Fortgang nehmen sollte. Wir stehen also heute, genau wie Friedrich Engels vor einem Menschenalter (…) voraussagte, vor der Wahl: entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur, wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof. Oder Sieg des Sozialismus, das heißt der bewussten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen den Imperialismus und seine Methode: den Krieg.“ Denn „eins ist sicher: der Weltkrieg ist eine Weltwende. Es ist ein törichter Wahn, sich die Dinge so vorzustellen, dass wir den Krieg nur zu überdauern brauchen, wie der Hase unter dem Strauch das Ende des Gewitters abwartet, um nachher wieder munter in den alten Trott zu verfallen. Der Weltkrieg hat die Bedingungen unseres Kampfes verändert und uns selbst am meisten. (…) schon jetzt, mitten im Kriege, fallen die Masken, und es grinsen uns die alten bekannten Züge an. Aber das Tempo der Entwicklung hat durch den Ausbruch des imperialistischen Vulkans einen gewaltigen Ruck erhalten, die Heftigkeit der Auseinandersetzungen im Schoße der Gesellschaft, die Größe der Aufgaben, die vor dem sozialistischen Proletariat in unmittelbarer Nähe ragen – sie lassen alles bisherige in der Geschichte der Arbeiterbewegung als sanftes Idyll erscheinen.“

Aufruf zum Klassenkampf

Das hier gegebene klassische Zitat ist kein Wort des Zweifels, der Resignation oder gar der Verzweiflung. Es hat einen theoretischen wie einen praktisch-rhetorischen Sinn, ist ein Aufruf zum Handeln, das einer Entdeckung folgt, ein Wegweiser in unwegsamem Gelände, ein Ruf zu Kämpfen, in denen es um alles geht – um eine menschenwürdige Zukunft oder um ein Ende im Nichts. Die hier Sprechende setzte ihr Leben aufs Spiel in einer guten Sache, deren Gefahren sie kannte, und sie verlor es wie so viele Kämpferinnen und Kämpfer der Arbeiterbewegung mit ihr, nach ihr und vor ihr: Karl Liebknecht, mit dem zusammen sie ermordet wurde, die Heldinnen und Helden der Pariser Commune, Connolly und seine Mitstreiter im Kampf um ein befreites Irland, die antikolonialen Kämpfer von Toussaint L’Ouverture bis Patrice Lumumba, die Streiter im Kampf um die Münchner und Bremer Räterepubliken, die Internationalen Brigaden in Spanien, die Rote Kapelle in Deutschland, Allende in Chile, die Genossinnen und Genossen in den heutigen Kämpfen, die Namenlosen in allen Sprachen und Zungen. (…)Ihr Kampf um Sozialismus erinnert an die Botschaft, die Goethe, wenn auch tragisch gebrochen und beschränkt durch die Ironie des Bürgers, als sein poetisches Testament hinterließ: als „Entweder-oder“ den Nachgeborenen zum Denken und Handeln aufgegeben. Die weltgeschichtliche Alternative eines Daseins „auf freiem Grund mit freiem Volk“, „umrungen von Gefahr“, der durch gemeinsames Handeln „Gemeinsinn“ zu begegnen ist. Oder die Herrschaft des Nichts, eines leeren Endes, in dem alles Handeln umsonst war, in dem nur Tod und Vergessen stehen: „Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei“ – Entvölkerung, Verödung, Degeneration, Tod. Das „freie Volk auf freiem Grund“ ist das Andere: „das Volk einer angst- und hassbefreiten, zum Frieden gereiften Zukunft“, wie Thomas Mann es erhoffte und dem alten Faust abgelesen hat. Auch hier stehen Sozialismus und Barbarei gegenüber – mögen die gewählten Worte auch anders lauten.

So oder so, die bürgerliche Gesellschaft endet

Engels spricht in dem zitierten, von Luxemburg erinnerten Wort ein „Dilemma“ an, vor dem die bürgerliche Gesellschaft stehe, einem sehr realen zumal: Übergang als Weg nach vorn in eine neue, humane Gesellschaft, Rückfall in die Barbarei der alten. Engels nennt es ein Dilemma, denn es ist eine Krise, in der die beiden Wege der bürgerlichen Gesellschaft stehen, und auf beiden Wegen gibt sie sich selbst auf: in dem Weg-nach-vorn und in dem Fall-zurück. Die neue Gesellschaft ist unerkundet, sie steht für noch zu entdeckende Wege, sie ist ein weltgeschichtliches Experiment – „experimentum mundi“, hat Bloch gesagt. Die bürgerliche Gesellschaft kennt im Grunde keinen Weg nach vorn, nur die Wege zurück. Zurecht sprechen Lenin und Luxemburg, vor ihnen schon Hilferding, vom Imperialismus als dem höchstentwickelten Stadium des Kapitalismus – als einem Zeitalter der Gewalt, der Kriege, der Revolutionen, und diesen Charakter der Gewalt und der Kriege hat er auch in seiner „neoliberalen“ Form (Michael Wengraf) nicht abgelegt. Auch die „hochtechnologische Produktionsweise“ (W. F. Haug) bleibt eine Produktionsweise des Kapitals und gehört damit zur alten, barbarischen Gesellschaft. „Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt – als essende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit –, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt.“ Diese Worte Luxemburgs, sie könnten sich auch auf Marx‘ Analysen der „ursprünglichen Akkumulation“ beziehen, haben nichts an Gültigkeit verloren. Befragt also, was hier ein „‚Rückfall in die Barbarei‘ auf unserer Höhe der europäischen Zivilisation“ bedeute, antwortet Luxemburg eindringlich und klar. „Dieser Weltkrieg“, antwortet sie mit Engels’ Worten, „das ist ein Rückfall in die Barbarei“. Wir stehen also auch heute noch vor der Wahl, die Engels vor zwei Menschenaltern vorausgesehen hat.

Weltkriege oder Revolution

Mit höchstem Spürsinn erkannte Luxemburg, dass dieser Weltkrieg eine „Weltwende“ war. Er stellt die Menschheit auf die Probe. Die weltgeschichtliche Alternative war gestellt: Sozialismus oder Barbarei. Jenseits jeder Illusion und mit großem Scharfsinn erkannte sie, dass von hier aus auch der Sozialismus sich zu verändern habe. „In diesem Kriege“, schreibt sie, „hat der Imperialismus gesiegt. Sein blutiges Schwert des Völkermordes hat mit brutalem Übergewicht die Waagschale in den Abgrund des Jammers und der Schmach hinab gezogen. Der ganze Jammer und die ganze Schmach können nur dadurch aufgewogen werden, dass wir aus dem Kriege und im Kriege lernen, wie das Proletariat sich aus der Rolle eines Knechts in den Händen der herrschenden Klassen zum Herrn des eigenen Schicksals aufrafft.“

Und sie schließt den ersten Teil der Junius-Broschüre mit den ergreifenden Worten: „Teuer erkauft die moderne Arbeiterklasse jede Erkenntnis ihres historischen Berufes. Der Golgathaweg ihrer Klassenbefreiung ist mit furchtbaren Opfern besät. Die Junikämpfer, die Opfer der Kommune, die Märtyrer der russischen Revolution – ein Reigen blutiger Schatten schier ohne Zahl. Jene waren aber auf dem Felde der Ehre gefallen, sie sind, wie Marx über die Kommune-Helden schrieb, auf ‚ewige Zeiten eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse‘. Jetzt fallen Millionen Proletarier aller Zungen auf dem Felde der Schmach, des Brudermordes, der Selbstzerfleischung mit dem Sklavengesang auf den Lippen. Auch das sollte uns nicht erspart bleiben. Wir gleichen wahrhaft den Juden, die Moses durch die Wüste führt. Aber wir sind nicht verloren, und wir werden siegen, wenn wir zu lernen nicht verlernt haben. Und sollte die heutige Führerin des Proletariats, die Sozialdemokratie, nicht zu lernen verstehen, dann wird sie untergehen, ‚um den Menschen Platz zu machen, die einer neuen Welt gewachsen sind.‘“

Imperialismus ist Barbarei

Luxemburg hatte recht – uneingeschränkt recht –, wenn sie den sogenannten Ersten Weltkrieg als eine Reihe von kommenden Kriegen sah. Der Zweite Weltkrieg folgte, seitdem eine Reihe verstreuter „kleinerer“ Kriege, weltweit, der nächste „große“ Krieg droht noch an den Horizonten. Und es scheint, als hätte die imperialistische Produktionsweise, was Luxemburg „Rückfall in die Barbarei“ nennt, unumkehrbar den Sieg davongetragen – mit dem Resultat, dass auch die Jahre der Menschheit, zivilisierter Menschheit gezählt sind. Und dennoch: Der Kampf ist nicht vorüber, die Internationale ist nicht tot und vergessen. Auf der Landkarte der gegenwärtigen Welt sind die Länder zu verzeichnen, die kleinen und die großen, auf denen der sozialistische Weg nach wie vor begangen wird. Da steht China als Weltmacht, Kuba, das im sozialistischen Sinn entwickeltste Land. Der Kampf in Lateinamerika ist völlig unentschieden.

Dass die gegenwärtige Gesellschaft auch in ihrer „äußeren“ Form ihre barbarische Gestalt nicht abgegeben hat, können wir von einem politisch unanfechtbaren Zeugen erfahren: Jean Ziegler, der Schweizer Soziologe und Schriftsteller, lange für die UNO tätig, der sich selbst als Adorno-Schüler bekennt. Der von ihm am häufigsten zitierte Schriftsteller ist Bert Brecht. Nach seiner mit Fakten begründeten Überzeugung ist die Welt, in der wir leben, eine kannibalische Welt; eine Welt, in der Kinder am Hunger sterben. Und er benennt die Ursachen dafür – die auch Luxemburg „barbarisch“ genannt hätte. Es ist die Macht der großen Nahrungsmittelkonzerne. Der Titel eines seiner aufrührerischen Bücher heißt: „Wir lassen sie verhungern. Massenvernichtung in der Dritten Welt“. Er spricht von der „Geographie des Hungers“, dem „durch Hunger verursachten Massaker“. Dagegen setzt er den Bestand der Besteuerung der großen Konzerne und die Höhe des Reichtums, den die Reichen dieser Erde besitzen. Die Zahlen sind bekannt, sie brauchen hier nicht wiederholt zu werden. Sie allein genügen, um zu begründen, dass Menschen den Dornenweg des Sozialismus gehen.

Deutlich sichtbar, schwer zu erreichen

Der Übergang zum Sozialismus, von dem Luxemburg spricht, hat viele Wege. Viele Wege, doch ein gemeinsames Ziel: den Kommunismus. Dieses Ziel liegt in weiter Ferne. Brecht spricht darüber in seinem großen Gedicht „An die Nachgeborenen“. Er nennt es deutlich sichtbar, doch schwer zu erreichen. Er nennt es auch „Große Ordnung“, wo „der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“; die nicht „von Kriegen zertrümmerte Welt“, in späteren Gedichten auch die „Große Produktion“. Kommunismus, lässt sich sagen, ist das Ziel, auf das die vielen Wege des Sozialismus, von denen Luxemburg spricht, zusammenführen. Kommunismus meint eine friedliche, solidarische Welt, die Aufhebung von Ausbeutung und Unterdrückung, aller Formen der Gewalt: ökonomisch, sozial, kulturell, nicht zuletzt auch des patriarchalischen Geschlechterverhältnisses. Kommunismus meint Befreiung von materieller Not als Bedingung kultureller Bildung. Die Reichtumsentfaltung individuellen Lebens als Kernkategorie. Kommunismus meint das Umwerfen aller Verhältnisse, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.


Neue Ausgabe der Marxistischen Blätter erschienen

Thomas Metschers Artikel, den wir in einer leicht gekürzten Version abdrucken, macht den Aufschlag zu einem weiteren Geburtstagsschwerpunkt der Marxistischen Blätter. Rosa Luxemburg ist im März vor 150 Jahren geboren, Karl Liebknecht folgte im August 1871. Aus dem umfangreichen Werk der beiden Revolutionäre werden wichtige Beiträge als auch Kontroverses dargestellt. Anne Rieger schreibt: „Rosa Luxemburg bietet uns Marxisten, Marxistinnen und marxistischen Feministinnen noch heute eine überzeugende Handlungsorientierung.“ Mit Rosa Luxemburgs Werk „Die Akkumulation des Kapitals“ beschäftigt sich Holger Wendt. Er ordnet es ein in die Suche nach dem Wesen des Imperialismus und kann es deshalb kritisch würdigen. Raimund Ernst hat sich die „Junius-Broschüre“ vorgenommen und die Ursachenanalyse des 1. Weltkriegs nachvollzogen. Wenn Karl Liebknecht genannt wird, darf sein Kampf gegen den deutschen Militarismus nicht fehlen. Nachgedruckt wird ein Vortrag, den Gerd Deumlich vor 25 Jahren hielt. Er ist erschreckend aktuell. Volkmar Schöneburg stellt Liebknechts Entschlüsselung des Wesens der bürgerlichen Klassenjustiz dar.

Lesenswert ist das Referat von Elke Kahr. Innerhalb des bürgerlichen Parlamentarismus versuchen die Grazer Kommunisten Politik für die Mehrheit zu machen. Georg Klemp schreibt zum 250. Geburtstag von Beethoven über den Kampf der Aneignung des kulturellen Erbes durch die Arbeiterklasse. „Den Lenin für den Orient“ sucht Matin Baraki.

Franz Parteder kommentiert einen Artikel von Dieter Klein im „Neuen Deutschland“: „Deshalb ist es kein Versehen, dass Dieter Klein eine besonders einschneidende Krise und ihre Konsequenz nicht erwähnt: Das waren der 1. Weltkrieg und die russische Oktoberrevolution. Wladimir Uljanow (Lenin) zeigte damals einen besonders kühnen Veränderungswillen. (…) Und es muss eine Kraft geben, die kühn und organisiert genug ist, um der Entwicklung eine Wende zu geben, die im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung ist. Der Druck von unten oder eine rot-grüne Regierung reichen nicht aus, wenn es ums Ganze geht.“

Marxistische Blätter 1/2021 „Karl und Rosa 1871 bis 2021“ zu beziehen über den uz-shop.de.

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"Wegweiser in komplizierten Zeiten", UZ vom 22. Januar 2021



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