Jack Londons „Seewolf“ als Hörerlebnis

Wilde Reise

Viel zu viel zu lesen und viel zu wenig Zeit – so lässt sich ein Problem zusammenfassen, das viele von uns haben. Und wenn am Ende des Tages noch die letzte Sitzung geschafft, die letzte Mail gelesen und die letzte Chat-Nachricht beantwortet hat, fällt vielen der Griff nach der Fernbedienung leichter als der nach dem Buch. Dabei kann man auch schon mal unauffällig die Augen ausruhen. Was für ein Glück, dass es Hörbücher gibt. Und für viele braucht man noch nicht mal einen der teuren Abokanäle. Denn sie sind in der lästigen GEZ inbegriffen.

In der Audiothek der ARD stehen den Hörerinnen und Hörern neben Podcasts und Dokus auch Hörspiele und -bücher zur Verfügung, darunter viele Klassiker. Statt sich mit müden Augen im Bett noch zehn Seiten abzuringen, kann man so auch beim Spaziergang, der Autofahrt und beim Kochen Literatur hören. Und was für welche.

Da gibt es zum Beispiel – in zehn Folgen a knapp 30 Minuten aufgeteilt – Jack Londons „Seewolf“, genauso routiniert wie gekonnt gelesen von Sebastian Koch. Schon allein die Geschichte ist irre:

Humphrey van Weyden befindet sich auf einem Schiff von Sausalito nach San Francisco. Es kommt zu einem Unfall, von Weyden geht über Bord und wird von der Crew des Robbenfängers „Ghost“ gerettet. Glück im Unglück, könnte man meinen, doch der Kapitän des Schiffes ist Wolf Larsen.

Der befindet, da van Weyden noch nicht einen Tag seines Lebens gearbeitet habe, würde es höchste Zeit – und behält ihn als billige Arbeitskraft.

Larsen – brutal, besessen, belesen, skrupellos, zynisch, kraftvoll und schön – wurde von vielen Kritikern als Umsetzung des nietzscheanischen Konzepts vom „Übermensch“ verstanden. So ganz teilen mag man das Urteil nicht. Denn dazu ist Larsen viel zu widerwärtig. Jack London, dessen Geburtstag sich gerade zum 150. Mal jährte (siehe UZ vom 9. Januar), sagte selbst darüber: „Vor vielen Jahren, ganz am Anfang meiner Schriftstellerlaufbahn, griff ich Nietzsche und seine Vorstellung vom Übermenschen an. Das war im Seewolf. Viele Leute haben den Seewolf gelesen, keiner hat entdeckt, dass er eine Attacke gegen die Übermensch-Philosophie war.“ Ob das stimmt oder spätere Rechtfertigung war, wer weiß. Sicher ist nur, wer sich von Sebastian Koch „Der Seewolf“ vorlesen lässt, geht auf eine wilde Reise.

Jack London: Der Seewolf
Gelesen von Sebastian Koch
Bis 15. Juni in der ARD-Audiothek hörbar

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"Wilde Reise", UZ vom 30. Januar 2026



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